Der perfekte Mensch

von Jeffrey Steinberg

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Ein Paar mit Kinderwunsch muss theoretisch bis zur Geburt seines Kindes nichts mit selbigem zu tun haben. Die Eltern suchen sich in unserer Klinik aus einer Liste von je hundert Spendern und Spenderinnen den oder die passende aus. Zu jedem Samenspender und zu jeder Eizellenspenderin bekommen sie ein Dossier mit Fotos und Informationen zu Interessen, Hobbys, Beruf, Familiengeschichte, Fruchtbarkeit und Krankheitsgeschichte. Eine Eizellenspende kostet etwa 28.000 Dollar. Bei Samenspenden greifen wir im Durchschnitt für die Dauer von drei Monaten auf Samenbanken zurück, die Kosten hierfür belaufen sich auf etwa 2.100 Dollar.

Die von den Spendern getrennten Eizellen und Samenzellen bringen wir anschließend in einer künstlichen Befruchtung zusammen, um im Labor die Embryos zu machen.

Etwa drei Tage nach der Befruchtung, wenn der Embryo aus sechs bis acht Zellen besteht, kann er in einer Präimplanta­tionsdiagnostik auf genetische Krankheiten getestet werden. Dazu wird eine Zelle abgesaugt und analysiert. Gemeinsam mit der Befruchtung kostet diese 20.890 Dollar. Mittlerweile kennen wir die genetische Basis von über 700 Krankheiten. Jede von ihnen können wir ausschließen, zum Beispiel das Downsyndrom, Brustkrebs oder Stoffwechselerkrankungen. Wir testen immer nur eine Auswahl an Krankheiten, alles andere wäre zu teuer und aufwendig.

Dazu werden vorher Risikofaktoren im Elternpaar benannt und nach Erbkrankheiten im Familienstammbaum gesucht. Zu 99,9 Prozent können wir so ausschließen, dass das Kind die untersuchte Krankheit hat. Wir machen aber auch nicht alles, was die Eltern von uns verlangen. Wir hatten zum Beispiel kleinwüchsige oder gehörlose Eltern, die auch ein Baby mit der gleichen Einschränkung wollten, das haben wir abgelehnt.

Was die Eltern vor allem interessiert, ist das Geschlecht des Kindes. Achtzig Prozent unserer Kunden kommen allein deswegen. Ob die Eltern ein Mädchen oder einen Jungen wollen, ist weltweit relativ ausgeglichen. Der Test auf das Geschlecht erfolgt im selben Gencheck wie der auf Krankheiten und ist daher im Preis enthalten.

Andere nichtgenetische Krankheiten können auch während der Schwangerschaft noch auftreten, wie zum Beispiel Spina bifida, eine Verformung des Neuralrohrs, aus dem später Rückenmark und Gehirn entstehen. Feststellen können wir es ab dem dritten Monat. Deswegen empfehlen wir immer zusätzlich zum Gentest eine Fruchtwasseruntersuchung ab der 15. Schwangerschaftswoche, bei der Tausende von Zellen untersucht werden.

Die „guten“ Eizellen werden dann in den Uterus der Mutter eingesetzt. Wollen die Eltern zum Beispiel ein Mädchen, werden neunzig Prozent der „Jungs“ der Stammzellenforschung gespendet, fünf Prozent werden zerstört und der Rest eingefroren. Das Gleiche gilt auch für Mädchen. Entscheiden sich die Eltern für eine Leihmutter, kostet sie das etwa 93.000 Dollar – 23.000 Dollar für medizinische Kosten und 70.000 Dollar für Rezeptgebühren, Bezahlung der Leihmutter und die Aushändigung des Babys. Die Eltern wählen aus einer Liste mit fünf bis sechs Vorschlägen. Fast alle unserer Leihmütter sind aus den USA, denn hier ist Leihmutterschaft zumindest in einigen Staaten legal. Kalifornien ist dafür perfekt, weil das Gesetz sehr liberal ist.

Nimmt man eine kalifornische Leihmutter, stehen auf der offiziellen Geburtsurkunde des Kindes weder der Name des Samenspenders noch der der Eizellenspenderin und auch die Leihmutter taucht nirgends auf, weil sie keine genetische Verbindung mit ihm hat. In vielen anderen Ländern müssen die verantwortlichen Eltern das Kind erst adoptieren, um sich offiziell Eltern nennen zu dürfen. Erst dann gehört das Kind wirklich zu ihnen.

Protokolliert von Isabel Herwig



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