Die Universalbrille

von Isabel Herwig, Kakarandua Mutambo, Makanjanga Tjiposa

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Weltweit hat über eine Milliarde Menschen eine Sehschwäche, achtzig Prozent aller Sehschwächen können mit einer Brille behoben werden, was in Industrieländern auch gut funktioniert: Über sechzig Prozent der Bevölkerung tragen eine Brille - viele sogar als Mode-Accessoire.

Bei einem Tansania-Besuch im Jahr 2002 bemerkte der Niederländer Frederick van Asbeck, der selbst kurzsichtig ist, dass fast keiner der Einheimischen eine Brille trug. Heute produziert seine gemeinnützige Organisation Focus on Vision kostengünstige Brillen, bei denen man die Sehschärfe selbst verstellen kann. Bis zum Jahr 2020 möchte die Organisation zehn Millionen Brillen produzieren und in Dritte-Welt-Länder vermitteln. Außerdem bildet sie "Seh-Wächter" aus, die Augenerkrankungen erkennen, da es gerade in ländlichen Gebieten an professionellen Optikern mangelt. Das Prinzip der Brille ist einfach. Zwei übereinanderliegende unterschiedlich geformte Linsen können durch eine Stellschraube verschoben werden und verschärfen so die Sicht. Erfunden wurde diese Methode von Physik-Nobelpreisträger Luis Alvarez im Jahr 1964.

Momentan wird schon im großen Stil produziert, aber die "Focusspecs", so der Name der verstellbaren Brillen, entstehen immer noch in den Niederlanden, weit weg vom eigentlichen Einsatzort. Die Verantwortlichen hoffen in Zukunft auf eine Massenproduktion der Gestelle direkt vor Ort. Die Linsen sollen weiterhin in den Niederlanden entstehen. Schon jetzt kann man die Brille für nur etwa vier Euro im Rahmen von Projekten vor Ort kaufen. "Wenn jemand seine Brille selbst kauft, hat sie für ihn einen größeren und persönlicheren Wert, als wenn man sie ihm schenkt", erklärt der Anthropologe John Friedman, der als Freiwilliger für die NGO arbeitet und im Sommer 2012 Tests für die Organisation in Namibia durchführte.

Bei diesen wurden Brillen kostenlos verteilt und hinterher der Tragecomfort und die Nützlichkeit in Fragebögen erfasst. Mittlerweile hat die NGO zwei verschiedene Modelle in diversen Farben im Sortiment, eine Version für Weitsichtige, die von +0,5 bis +4,5 Dioptrien verstellbar ist, und eine für Kurzsichtige, die von -1 bis -5 Dioptrien variiert. "Die Organisation ist ständig gewachsen, aber ein gut ausgedehntes Vertriebsnetz fehlt noch, das bereitet uns die größten Probleme. Wir arbeiten zwar mit Regierungen, Optikern und NGOs vor Ort zusammen, aber es ist schwer, das finanziell zu stemmen", so Friedman.

Gerade läuft es aber sehr gut: Gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation CEPHER werden noch in diesem Jahr 10.000 verstellbare Brillen an Kinder und ihre Eltern in Kenia verteilt. Zusätzlich sollen 25 "Seh-Wächter" ausgebildet werden, die wiederum in sechs verschiedenen Regionen in Kenia jeweils weitere zehn Helfer ausbilden und bis zu 150 Brillen täglich verteilen können.


Auch Makanjanga Tjiposa trägt seit letztem Jahr eine "Focusspecs". Ein Gespräch über das Leben mit Brille

Frau Tjiposa, wussten Sie, dass Sie eine Brille brauchen?

Nein, das wusste ich nicht, aber ich habe gemerkt, dass ich nicht sehr gut sehen kann.

Wie kamen Sie zu Ihrer Brille?

Ich habe die Brille mit der Hilfe von Gott bekommen, weil einfach Leute kamen und meine Augen getestet haben. Das war letzten Sommer, seitdem trage ich sie.

Wie war Ihr Leben, bevor Sie die Brille bekamen? Was hat sich geändert?

Ich konnte nichts erkennen, das weit entfernt war. Es erschien mir immer doppelt. Außerdem kann ich nur auf einem Auge sehen. Es war sehr schwer für mich. Heute kann ich Dinge in der Ferne wieder erkennen und fühle mich sehr wohl mit meiner Brille.

In welchen Situationen tragen Sie sie?

Ich trage die Brille nicht dauerhaft, immer nur dann, wenn ich in die Ferne sehen muss und wenn ich laufe. Ich habe Angst, dass sie mir runterfällt, weil ich eine Behinderung habe. Das Aufstehen fällt mir schwer.

Gibt es Situationen, in denen Sie die Brille stört?

Sie stört etwas, wenn ich versuche aufzustehen, aber sonst passt mir die Brille gut und rutscht auch nicht.

Wie kommen Sie mit der Brille zurecht?

Die Brille ist gut, aber ich lerne immer noch, sie richtig einzustellen. Ich schaffe es ohne Hilfe. Leider ist schon ein Glas locker und muss manchmal wieder eingesetzt werden. Ich würde mich freuen, wenn ich eine neue Brille bekäme.

Könnten Sie sich den Kauf einer neuen Brille leisten?

Ich könnte bis zu hundert Namibia-Dollar (etwa sieben Euro) für sie zahlen, aber ihr Wert für mich ist viel höher.

Text: Isabel Herwig. Das Interview führte Kakarandua Mutambo
 



Ähnliche Artikel

Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Themenschwerpunkt)

Formfrage

Radha Kumar

Demokratien sind nur dort zukunftsfähig, wo die Menschen ihre eigenen Modelle entwickeln

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Themenschwerpunkt)

„Magie hilft zweifellos“

Akif Poroy

Wie man in der Türkei krank ist. Ein Gespräch mit dem Sexualmediziner und Frauenarzt Akif Poroy

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Themenschwerpunkt)

„Wie vertrauensfähig sind wir?“

Gesine Schwan

Gesine Schwan über den Zustand der Demokratie, misstrauische Gesellschaften und die Chancen globalen Regierens

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Die anderen leiden auch an dir

von Magda Findikgil

Wie eine deutsche Migrantin sich in die türkische Gesellschaft eingelebt hat

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Themenschwerpunkt)

Und wie fühlt sich Ihr Nacken an?

Mike Sandbothe

Tippen, starren, klicken: Digitale Geräte schränken unsere Bewegungen ein. Dagegen werden wir uns bald auflehnen

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Themenschwerpunkt)

Die Zerbrechlichkeit der Freiheit

Fritz Stern

Über Selbsteinschüchterung in den USA und die
Hoffnung auf die Kraft der Aufklärung

mehr