Vom Zelt zum Haus

ein Gespräch mit Óscar Quan

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


Herr Quan, Sie haben zusammen mit Kollegen aus Guatemala und Norwegen einen "progressive shelter", eine Notunterkunft, die zu einem richtigen Haus umgebaut werden kann, entworfen. Wie kam es dazu?

Ich komme aus Guatemala. Wir haben hier zwei Ozeane, 32 Vulkane und drei tektonische Platten. Sie können sich vorstellen, dass wir hier öfter Erdbeben, Hurrikane und Vulkanausbrüche erleiden. Die Krisenhilfe war in Guatemala bislang zu einseitig. Zwar waren NGOs und die Regierung immer schnell vor Ort und errichteten Notunterkünfte - etwa für die Familien, deren Häuser 1998 durch den Hurrikan "Mitch" zerstört wurden. Doch es folgte keine Wiederaufbauphase. Viele Familien lebten noch Jahre nach der Katastrophe in den für den Übergang gedachten Hütten. Da diese aus Holz waren, waren viele in einem sehr schlechten Zustand.

Wie kann so etwas künftig vermieden werden?

Wir dachten, es wäre gut, wenn die Familien selbst tätig werden könnten und nicht auf ein Programm der Regierung warten müssten - und wir dachten, es wäre gut, wenn man beim Wiederaufbau nicht noch einmal von vorn beginnen müsste, sondern die Baustoffe der Übergangsunterkünfte weiterverwenden könnte, um diese in richtige Häuser zu verwandeln.

Wie funktioniert das?

Nach einer Katastrophe kommen die Betroffenen zuerst in Sammelunterkünfte - wie Schulen oder Kirchen. Dann werden ihnen Übergangsunterkünfte zur Verfügung gestellt, die 18 Quadratmeter groß sind und Platz für eine Familie bieten. Wir haben den "progressive shelter" so entwickelt, dass wir vom gleichen Grundriss ausgehen, also dem der Unterkünfte, die die Familien von der Regierung oder einer NGO gestellt bekommen. Diese Hütten haben meist vorläufige Wände und Plastikplanen als Dach. Sowohl für die Wände als auch für das Dach muss aber eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Unser Konzept sieht vor, Materialien zu verwenden, die wenig kosten, und dass die Familienmitglieder die Umbauten selbst ausführen. Sie können dafür verschiedene Materialien benutzen. Die Wände kann man aus Bajareque machen, einem Geflecht aus Schilf, Bambus oder Zuckerrohr und Holz, das mit Lehm verklebt wird, oder aus Kokosnussschalen oder leeren Plastikflaschen. Man nimmt einfach das, was sich in der näheren Umgebung findet.

Wollen die Menschen in diesen Häusern wohnen, die ja zum Teil aus Müll bestehen?

Hier muss man sich fragen: Was bedeutet für dich ein Haus, und was bedeutet es für die Menschen in Guatemala? Wenn man hier aufs Land fährt, findet man viele ähnliche Bauten wie diese Hütten. Viele denken, dass Ziegel oder Steinblöcke bessere Baumaterialien seien. Doch wir haben unsere Wände getestet und festgestellt, sie sind nicht nur viel leichter, sie überstehen Erdbeben auch besser als Steinwände, weil sie mit den Erdbebenwellen mitschwingen. Außerdem werden die Wände von innen und außen mit einer Schicht Zement verkleidet. Somit sehen die Hütten fast wie solide Häuser aus.

Wie lange benötigt man für diesen Umbau?

Das ist unterschiedlich. In einem ersten Schritt baut man die Übergangsunterkunft aus, dann spiegelt man das Haus sozusagen, indem man das gleiche Grundgerüst danebenstellt und die Fläche verdoppelt. Mit 36 Quadratmetern hat man nicht nur zwei Zimmer, sondern auch einen Bereich, in dem man richtig kochen und essen kann. Wie lange diese Erweiterung insgesamt dauert, hängt davon ab, wie lange die Familien brauchen, um die notwendigen Materialien zu beschaffen. Man kann das Haus aber auch in einzelnen Etappen ausbauen. Der Zement ist die größte Anschaffung; die Menge, die man für das Haus braucht, kostet zurzeit umgerechnet 800 Dollar. Und natürlich hängt die Zeit für den Umbau auch stark davon ab, wie viele Personen mithelfen und ob die Nachbarn sich gegenseitig unterstützen.

Woher wissen die Leute, wie sie ihre Hütten umbauen können?

Wir geben die Pläne für den Umbau an die betroffenen Gemeinschaften und meist findet sich dort ein Maurer, der die anderen anleiten kann. Alle Arbeiten sind so einfach, dass man sie selbst ausführen kann. Wir versuchen auch immer ein Modellhaus zu bauen. Dabei können die Menschen zusehen, sich am besten schon beteiligen und hinterher ihr Wissen weitergeben.

Wo wurde Ihr Konzept schon umgesetzt?

In Guatemala wurde die Idee schon von mehreren NGOs übernommen. Sie haben statt der einfachen Holzunterkünfte gleich einen Betonboden und Säulen zur Verfügung gestellt, darüber kam erst mal eine Plane. Es wurde also in die Struktur investiert und die Familien haben die Wände nach und nach selbst befestigt.

Was kostet Ihr "progressive shelter" im Verhältnis zu einem neuen Haus?

Die Regierung gibt über den nationalen Wohnbaufonds 28.000 Quetzales, das sind etwa 3.500 Dollar, für ein Haus aus. Der "progressive shelter" kostet 24.000 Quetzales - das ist zwar nicht viel weniger. Aber der Vorteil liegt vor allem in der Zeitersparnis: Die Familien müssen nicht mehr warten, bis die Regierung tätig wird. Sie haben schon eine Grundstruktur für ein neues Haus und können mit ihren eigenen Mitteln weitermachen. Ein weiterer Vorteil ist es, dass die Familien dadurch erfahren, dass sie sich selbst helfen können - was ihnen ein Stück Würde zurückgibt.

Das Interview führte Timo Berger

 



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