Familie zuerst

von Sandip Roy

Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Ausgabe IV/2013)


"Ich bin lesbisch", verkündet die junge Frau auf dem Fernsehbildschirm. Schnitt. Dann das entrüstete Gesicht der Mutter: "Meine Tochter ist keine Kriminelle!" Weiter nach der Werbung. Als ich diese Szenen vor nicht allzu langer Zeit in einer indischen Fernsehsendung mit dem Titel "My Child is Gay" sah, berührten mich die starken Emotionen, mit der die Mutter ihr Kind verteidigt. Aber ich war auch erstaunt über die starke Betonung des Coming-out-Moments. In der Realität laufen diese Situationen in Indien anders ab. Sich zu outen ist eine viel weniger eindeutige, konfusere Angelegenheit. Es hat mehr mit der Ehe zu tun als mit der sexuellen Orientierung. Meist beginnt ein solches Gespräch mit den Worten: "Mama, Papa, ich glaube, ich werde nicht heiraten."

Als ich in den 1980er-Jahren das erste Mal in die USA kam, gab es so etwas wie Schwulenehe nicht. In Amerika wurde Schwulsein mit Bars, Badehäusern und dubiosen Buchläden assoziiert. In Indien war Homosexualität verbunden mit Parkspaziergängen, Lügen und Abschnitt 377 des indischen Strafgesetzbuches, der schwulen Sex als "wider die Natur" einstufte und damit strafbar machte. Heutzutage scheint sich in Amerika die Queer-Bewegung in eine Bewegung für die Gleichstellung der Ehe gewandelt zu haben. In Indien wurde 2009 Abschnitt 377 vom High Court in Neu-Delhi widerrufen. Gegen diesen Beschluss läuft zwar noch ein Berufungsverfahren beim Supreme Court, dieses wurde aber nicht von der Regierung eingeleitet, sondern von einem Haufen von Moralaposteln und religiösen Gruppierungen. "Bombay Talkies", ein Film zum hundertjährigen Bestehen des indischen Kinos in diesem Jahr, zeigt ganz unverblümt eine schwule Kussszene.

Und eine "Pink Party" in Kalkutta, die die dortige Schwulenszene mit gekühltem Wein und Wodkacocktails begießt, wird vom American Center gesponsert, also von einer Einrichtung ebenjener Regierung, die ehemals Besucher bei der Anmeldung fragte, ob sie Kommunisten, Exnazis oder Homosexuelle seien. All dies sind willkommene Fortschritte, die aber auch ihren Preis haben. Ich mache mir manchmal Sorgen, dass durch die Fixierung auf den fernsehfreundlichen Moment des Sich-outens, die vielen verschiedenen Arten, wie man in einem Land mit über einer Milliarde Einwohnern seine Homosexualität leben kann, aus dem Blickfeld geraten. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Mann, der erzählte, dass seine Mutter niemals seine langjährige Beziehung zu einem anderen Mann anerkannte, dass sie aber immer tunlichst darauf achtete, ihm übrig gebliebenes Essen einzupacken. Nach einiger Zeit verstand dieser Mann, dass auch das eine Form von Liebe ist, die man wertschätzen sollte, auch wenn seine Mutter niemals in einer Sendung namens "My Child is Gay" auftreten würde.

In den USA hieß sich zu outen einmal, dass man seinen Eltern sagte: "Ich bin schwul", und sich dann schleunigst ein Busticket ohne Rückfahrt in Richtung San Francisco oder Manhattan kaufte. Man behauptete sein Recht auf Individualität. In Indien bedeutete sich zu outen hingegen, dass die Eltern sich fortan mit einem versteckten - das Geheimnis musste von nun an von der gesamten Familie gewahrt werden. Immerhin konnte Homosexualität in der indischen Gesellschaft geheim sein, der Familienstand dagegen ist jedermanns Sache. Das hat sich auch in den vergangenen zwanzig Jahren nicht verändert, wie ich zuletzt erfahren musste, als ich versuchte, meine Küche neu einzurichten. "Kommen Sie doch einfach wieder, sobald Madame dem Küchendesign zugestimmt hat", sagte der Berater für Einbauküchen mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich erklärte zum wiederholten Male geduldig, dass es keine "Madame" gebe und dass nur ich selbst meiner Einbauküche zustimmen müsste, inklusive der Farbe und allem, was dazugehört. Er nickte und sagte: "Wir können gerne ein paar Tage warten, falls Madame etwas mehr Zeit braucht." Als es ihm endlich dämmerte, dass es tatsächlich keine "Madame" gab und ich allein lebte, war er sichtlich schockiert. Ich weiß nicht, was ihn mehr aus der Bahn warf - dass ein Mann sein eigenes Küchendesign auswählen kann oder dass ein allein lebender Mann überhaupt darüber nachdenkt, eine Küche auszuwählen.

Nach zwanzig Jahren in den USA konnte ich mich, zurück in Indien, nur langsam an die Tatsache gewöhnen, dass es sich in den hiesigen Städten wesentlich seltsamer anfühlt, nicht verheiratet zu sein und allein zu leben, als schwul zu sein. Es ist, als ob man niemals richtig erwachsen geworden wäre. Ich habe mich einmal in einem Artikel darüber lustig gemacht, dass die wahre Front im Kampf für Schwulenrechte in Indien die arrangierte Ehe für Homosexuelle wäre. Ich stellte mir darin eine Sonntagszeitung mit folgender Heiratsanzeige vor: "Gut situierte Hindu-Unternehmerfamilie aus Mumbai sucht Partner für Sohn, 28, 173 cm, abgeschlossenes MBA-Studium, helle Haut, leitender Angestellter bei einem Fortune-500-Unternehmen. Potenzielle Ehemänner sollten berufstätig und unter 35 sein. Kaste unerheblich." Ein paar Wochen später schrieb mir eine Redakteurin einer indischen Tageszeitung, dass sie meinen Artikel mit großem Interesse gelesen hätte und ob ich den Kontakt mit einem solchen Paar herstellen könnte. Ich sagte ihr, dass ich es als Witz gemeint hätte. Mittlerweile bin ich mir da aber nicht mehr ganz so sicher.

Aus dem Englischen von Christoph Senft

 



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