Neuschnee auf Zedern

Jasna Zajcek

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Durch die großen Fenster fällt der Blick auf ein strahlendes Bergpanorama. Im rustikal eingerichteten Frühstückssaal erwartet den Gast ein geschmackvoll arrangiertes Buffet, an den Tischen feines Silbergeschirr – ein Szenario wie aus einer Luxusherberge in den französischen Alpen. Doch wir befinden uns im 5-Sterne-Hotel Intercontinental in Libanons beliebtestem Skigebiet, Faraya Mzaar. Auffallend anders als in Europa: die vielen Kinder an den Tischen. Ganze Großfamilien entfliehen der Hektik der Hauptstadt Beirut, dem Lärm und dem Smog. Doch nur selten sieht man, wie eine Mutter sich selbst um ihre Kleinen kümmert – meist übernehmen dies die mitgenommenen Dienstmädchen. Manchmal allerdings hört man „Antoine, leave this!“ oder „Nancy, stop it!“, gezischt mit französischem Akzent. Es gilt als weltoffen und modern, seinen Kindern internationale Namen zu geben und mit ihnen in der Öffentlichkeit Englisch zu sprechen.


Draußen glitzert der Neuschnee im Sonnenschein. Sanfte Hügellandschaften, moderne Doppelmayr-Seilbahnen und ein ungetrübter, strahlend blauer Himmel begrüßen den Wintersportler im Libanongebirge. Sechs Skigebiete gibt es derzeit dort, darunter das malerisch zwischen Zedernhainen gelegene Cedars, das exklusive Faqra, das familienfreundliche Laqlouq und das vor allem bei Langläufern beliebte Qanat Bakish. Ein weiteres Skigebiet ist in Planung: Sannine Zenith soll mit 59 Pisten das größte Wintersportareal des Landes werden. Faraya Mzaar gilt als das exklusivste und mondänste aller libanesischen Skigebiete. Von Dezember bis April ist dieses Resort schnee- und sonnensicher und im Gegensatz zu den alpinen Skigebieten Europas nur Sonntag nachmittags ansatzweise überlaufen.


Auf bis zu 2.465 Höhenmetern laden Tiefschnee und gepflegte Pisten aller Schwierigkeitsgrade zum Skivergnügen ein. Allein in der Region Kesrouane, rund eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt entfernt, gibt es 18 Hänge und insgesamt 80 Kilometer Pisten zu erkunden. Das Tourismusministerium wirbt immer noch mit dem Slogan aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg, als der Libanon noch als die „Schweiz des Nahen Ostens“ galt und Beirut als das „Paris des Orients“, eine glamouröse Stadt, die internationale Weltstars magisch anzog: „Das einzige Land, in dem man morgens skifahren und mittags auf dem Mittelmeer Wasserski fahren kann“. Wer dies aber tatsächlich tun möchte, muss eine Stunde mit dem Auto ans Meer fahren – in jedem Fall ist während der Wintermonate ein Neoprenanzug dringend empfohlen, denn die Temperatur des Mittelmeeres steigt erst Ende Mai wieder über zwanzig Grad.


Der Krieg gegen Israel im Jahr 2006 sorgte für einen großen Einbruch bei den Urlauberzahlen im Libanon. Jetzt wächst der Tourismus wieder, wenn auch langsam. Von den rund drei Millionen Touristen, die nach offiziellen Zahlen das kleine Land am östlichen Mittelmeer 2008 besuchten, kamen viele nicht, um Urlaub zu machen. Es handelte sich um Libanesen, die in der zweiten oder dritten Generation im Ausland leben und die Familie in der Heimat besuchten, sowie Geschäftsreisende aus den Golfstaaten.


Zehn Prozent der Tourismuseinkünfte werden laut dem zuständigen Ministerium durch den Skitourismus erwirtschaftet. Wintersport ist allerdings nur ein kleiner Teil des Wochenendvergnügens der wohlhabenden Libanesen in den Wintersportgebieten. Viele der Gäste scheinen eher nach Faraya Mzaar zu reisen, um zu sehen und gesehen zu werden. Das ist in dem Skiresort nicht anders als in St. Moritz, Aspen oder Kitzbühel. Bei genauerem Hingucken offenbart sich ein guter Teil der Absurdität der libanesischen Nachkriegsgesellschaft. Es glitzert viel Echtes oder Unechtes, bei der stets figurbetonten Kleidung sind Gold, Pink und andere grelle Farben altersunabhängig beliebt. Nach dem Motto „Zu sexy und zu sehr gestylt gibt es nicht“ verziehen sich die Damen nach dem Frühstück in ihre Räume, um sich für das frühe Après-Ski-Vergnügen herzurichten, während die „Maids“ mit den Kindern spielen und die Väter eine Runde im Bogner- oder Aigner-Skianzug wedeln gehen.


Morgens allerdings haben die Damen der Gesellschaft noch kein aufwändiges Tagesmake-up aufgelegt. Das Frühstücksbuffet im 5-Sterne-Hotel ist daher nur spärlich beleuchtet. Schemenhaft sind die Gäste, die sich an orientalischen und internationalen Spezialitäten bedienen, zu erkennen. Nur die Servicemitarbeiter an den Crêpes- und Käsetheken haben etwas Licht zum Arbeiten zur Verfügung. Aber selbst im schummerigen Licht des Buffets tragen einige der betont lässig und sportlich gekleideten Damen große Sonnenbrillen. Nicht wenige erholen sich hier von kleineren und größeren chirurgischen Eingriffen, die längst zum Standard der oberen Zehntausend im Zedernstaat geworden sind. „Die Beleuchtung ist eine Aufmerksamkeit besonders für einige der weiblichen Gäste“, flüstert ein Angestellter auf Nachfrage dezent.


Der Aufwand, den die lokale Damenwelt um ihre Schönheit treibt, wird in der Arabischen Welt zum Teil bewundernd zur Kenntnis genommen, zum Teil auch schon in Comedy-Shows verspottet. Denn in den Nachbarländern Palästina und Syrien beispielsweise haben die Frauen ganz andere Probleme, als den passenden Lippenstift zum französischen Designerschneeanzug zu erwerben.


Doch auch im Libanon ist Skifahren nur ein Vergnügen für eine schmale Oberschicht: Die Preise für die Übernachtungen in den Luxusherbergen der Resorts liegen mit rund 300 US-Dollar beim durchschnittlichen Monatsgehalt eines einfachen Arbeiters. Aber die christliche libanesische Bevölkerung will mit der armen, meist muslimisch-schiitischen Arbeiterklasse ohnehin nicht gemessen werden. Die Christen des Zedernstaates haben sich seit der französischen Mandatszeit (1920-1943) als Teil der Grande Nation gesehen. Sie schicken ihre Kinder auf teure, frankophile Privatschulen und behaupten von sich, phönizianischen und nicht arabischen Ursprungs zu sein. Sie wollen ihren demokratischen Staat nicht mit den umliegenden arabischen Staaten, den islamischen Königreichen und Diktaturen, verglichen wissen. „Es fühlt sich hier wie Europa an, oder?“, wird man als Europäer oft gefragt. Doch nur die offiziell rund 40 Prozent der Einwohner, die christlichen Religionsgemeinschaften angehören, können das von ihren Lebensumständen behaupten.


Der Libanon steht ein wenig neben all den Klischees und Entwicklungen, die im Vorderen Orient anwendbar und zu beobachten sind. Die Menschen hier kreieren ihre ganz eigenen, religiös und materialistisch geprägten Lebensrealitäten. Auf hohem Niveau, und auf Kosten der „anderen“. Die „anderen“ sind die schiitischen Arbeiter und die Gastarbeiterinnen aus Entwicklungsländern wie Äthiopien, Sri Lanka und den Philippinen – die ähnlich wie in anderen arabischen Ländern die unliebsamen Arbeiten erledigen.


Das Leben vieler Hausangestellten allerdings hat mit christlicher Nächstenliebe nicht viel gemein. Denn nicht unbedingt werden alle Hausangestellten mit auf Wochenendausflüge genommen, sondern sie werden, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem Ende August 2008 veröffentlichten Bericht festgestellt hat, in den Wohnungen eingeschlossen. Damit sie nicht weglaufen, nicht stehlen oder Fremde in die Wohnung lassen. 


Dieses Verhalten bleibt nicht ohne Folgen: Im Durchschnitt stirbt eine der Angestellten pro Woche bei dem Versuch, ihrem häuslichen Gefängnis zu entfliehen. Die häufigste Todesursache lautet „Selbstmord durch Springen von hohen Gebäuden“, und nur selten wird untersucht, warum sie versucht haben, zu fliehen oder sich umzubringen. Human Rights Watch berichtet zudem von Unterernährung, zu langen Arbeitszeiten und Misshandlungen bis hin zu sexueller Gewalt gegen die fast rechtlosen Arbeiterinnen. Da die Arbeitgeber die Pässe des Personals einziehen und die Frauen oft hohe Schulden gegenüber den vermittelnden Agenturen in ihrem Heimatland haben, traut sich kaum eine, ihrem Martyrium zu entfliehen, das oft mit gerade mal umgerechnet 100 US-Dollar im Monat entlohnt wird. Das sind 150 US-Dollar weniger als der aktuelle Mindestlohn im Libanon. Und während die einen ihr karges Einkommen, das oft nicht vollständig ausgezahlt wird, sparen und der Familie in die armen Heimatländer senden, geben ihre Arbeitgeberinnen problemlos Hunderte an einem Freitagnachmittag für den Friseur und die passende Maniküre zum Skikostüm aus.


Aktiv auf der Skipiste sieht man die Damen der Gesellschaft selten. Dafür amüsieren sie sich schon mittags beim Après-Ski. Importierter Champagner und lokaler Rosé wird hier zu ohrenbetäubender europäischer Techno-Musik kredenzt, und nach Sonnenuntergang stehen die Parties denen in exklusiven europäischen Skiresorts in nichts nach. Auffallend sind vielleicht die vielen „Bikini-Modenschauen“, mit denen die Discos in den Bergen, im christlichen Kernland, ihre Gäste zu locken suchen. Und auf den Pisten ticken die Uhren ein wenig anders: Der europäische Skifahrer muss sich an den lokalen Fahrstil gewöhnen, er ist an den anarchischen Autoverkehr angelehnt. Wenn Pisten aufeinandertreffen, so nimmt man sich besser vor rücksichtslosen Rasern in Acht. Eine Pistenwacht, die die angetrunkenen Herren zur Räson rufen könnte, gibt es noch nicht.


Manchmal sieht man auch komplett verschleierte muslimische Frauen, Touristinnen aus den Saudi-Arabien oder den Emiraten, die am Rande der Pisten auf ihre Ehemänner warten und auch muslimisch beten, während direkt nebenan dem Alkohol gefrönt wird.


Doch der Libanon wäre nicht das Land mit den stärksten Kontrasten im Nahen Osten, wenn es nicht auch einen Gegenentwurf zum winterlichen Show-Alltag gäbe. So findet man beispielsweise im kleinen Örtchen Qanat Bakiche, in dem es viele antike Schreine für den Gott des Weines Bacchus gibt, ein durchaus ernsthaft sportbegeistertes Publikum. Hier werden die Pisten nie zu voll, und das einzige Hotel des Örtchens bietet gemütliche Doppelzimmer für nur 75 Dollar an. Auf bis zu 2.250 Höhenmetern kann man hier die Ruhe, Einsamkeit und Abgeschiedenheit genießen, die man nicht nur in den anderen libanesischen, sondern auch in den europäischen Skigebieten längst vermisst.
 
 



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