Die Graffiti im belgischen Doel

von Brian Waterschoot

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


1998 entschieden die belgischen Behörden, dass unser Dorf am westlichen Ufer der Schelde dem Ausbau des Hafens weichen muss. Die meisten der knapp tausend Einwohner zogen daraufhin fort, darunter auch Teile meiner Familie. Heute leben noch 26 Alteingesessene hier und ein paar Häuser sind von Hausbesetzern belagert oder stehen leer und verfallen. Der Hafen ist immer noch nicht ausgebaut worden. Mittlerweile gedeiht in Doel die Street Art. Der Graffiti-Künstler ROA, den wir den Banksy Belgiens nennen, hat acht Bilder mit überdimensionalen Tieren in Schwarz-Weiß auf verschiedene Häuserfassaden im Dorf gemalt. Er hat jedes Mal um Erlaubnis gefragt.

Das machen nicht alle, es gibt auch viel Vandalismus. Zusätzlich versuchen wir mit den Aktionsgruppen „Doel 2020“ und „Die Dritte Generation“ durch Kunst und Kultur auf unseren Ort aufmerksam zu machen. Vor allem in diesem Jahr, zum 400. Geburtstag von Doel, haben wir viele Kunstausstellungen, Konzerte, geführte Touren und Theateraufführungen organisiert. Ich freue mich über das große Interesse der Menschen, weil es mir viel bedeutet, dass Doel in einem positiven Licht erscheint. Wir werden dafür sorgen, dass bald jeder das Dorf kennt und die Leute wieder nach Doel ziehen wollen. Dann kämpfen wir gemeinsam.

Protokolliert von Isabel Herwig



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