Im Zeitalter der Authentizität

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Zwei wunderschöne, viel beachtete Bücher hat der kanadische Philosoph und Ideenhistoriker Charles Taylor geschrieben: Durch sein großes Hegel-Buch aus dem Jahre 1975 wurde er zu einem der Wegbereiter des nordamerikanischen Kommunitarismus. Und in „Sources of the Self“ hat er 1989 in faszinierend prägnanten Neologismen die Geschichte der Entstehung spezifisch neuzeitlicher Identität begrifflich auf den Punkt gebracht. Wer diese beiden schnell als klassisch geltenden Bücher kennt und schätzt, kann von Taylors neuem Buch, „Ein säkulares Zeitalter“, nur enttäuscht sein. Auf 850 eng bedruckten Seiten finden sich zwar viele erhellende Bemerkungen zur religionskulturellen Lage der Gegenwart. Aber die zentrale Botschaft, dass nur neues Hören auf Gott uns vor weiterer Verflachung bewahren könne, bleibt frommer Appell. Sie wird nirgends argumentativ begründet. 


Für sein Lebenswerk ist Taylor 2007 mit dem Templeton-Price ausgezeichnet worden, einer hoch dotierten Ehrung für erfolgreiche Erforschung von „spiritual realities“ – was auch immer damit gemeint sein mag. In der Tat kann Taylor als idealer Preisträger gelten, will er in seinem Alterswerk doch die bleibende Präsenz der Religion in der vermeintlich rein säkularen westlichen Moderne erweisen. Taylor spricht von „secularization“, benutzt aber gern auch den Kampfbegriff „secularism“. Zudem unterscheidet er drei unterschiedliche Formen von Säkularität, Weltlichkeit. Er will die in den Sozialwissenschaften lange dominierende Theorie widerlegen, der zufolge ein Mehr an Modernität notwendig ein Weniger an Religion bedeute, und betont unablässig, dass der Siegeszug des Säkularismus nun auch im Westen beendet sei. Mehr noch: Es geht ihm um nichts Geringeres als „the ‚deconstruction‘ of the death of God view“, wie Nietzsche ihn entworfen habe. Gott sei auch in der okzidentalen Moderne höchst lebendig. Man müsse nur die Residuen der Religion und die verbliebenen Bollwerke des Glaubens prägnanter in den Blick nehmen, um seine Gegenwart zu erkennen. Gott sei nicht verschwunden, sondern genau genommen nun allgegenwärtig. Taylor will religiösem Glauben, speziell dem jüdischen und dem christlichen Gottesglauben, neue intellektuelle Anerkennung verschaffen. So spannend das klingt – in der Ausführung bleibt vieles vage, dunkel, allzu assoziativ. 


Taylors Alterswerk ist hervorgegangen aus den Gifford-Lectures, die er im Frühjahr 1999 in Edinburgh gehalten hat. Zehn Jahre lang hat er dann den Text fortgeschrieben und um zwei Teile ergänzt. Allerdings scheint er seine mangelnde Fähigkeit, die Religionsgeschichten der okzidentalen Moderne und speziell die Geschichten von Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Weltumgangs prägnant zu skizzieren, selbst zu spüren. Er will analysieren, was den so schwer greifbaren Prozess der „secularization“ in der westlichen Moderne im Kern ausmacht. Aber er fügt zugleich hinzu: „To do this properly, I should have had to tell a denser and more continuous story, something I have neither the time nor the competence to do.“ Man solle das Buch deshalb nicht als eine in sich kontinuierliche Story mit einem klaren Argument lesen, sondern als eine Reihe von Aufsätzen, die sich wechselseitig ergänzen. Der Philosophenstar spricht von einer „skizzenhaften Behandlung“ des Problems. Für den Leser bedeutet dies äußerst mühsame Lektüre. Man muss sich durch zahllose Wiederholungen hindurchkämpfen, und selbst Elementares bleibt unklar, verwirrend, widersprüchlich. 


Taylor kennt die unausweichliche Perspektivität jeglicher Moderne-Deutung. Offensiv bekennt er sich deshalb zu seinem individuellen „Sehepunkt“, der Sichtweise eines kirchentreuen und tief gläubigen römischen Katholiken. Wie viele andere Modernitätspessimisten vor ihm sieht er die einzige Chance, die vielfältigen Krisen der Moderne zu bewältigen, in einer Erneuerung wahrer Religion. Schon in den „Quellen des Selbst“ hatte Taylor Max Webers alte Frage nach dem Schicksal des „Menschentums“ in der Moderne mit einigen eher diffusen religionstheoretischen Andeutungen zu beantworten angekündigt: Der weiteren materialistischen, konsumistischen Verflachung des modernen Menschen könne allein der „jüdisch-christliche Theismus“ Widerstand entgegensetzen. „Ein säkulares Zeitalter“ lässt sich nun als Versuch lesen, diese These durch eine genauere Analyse der Krisenphänomene der okzidentalen Moderne und die Sinnstärke religiösen Glaubens in einer vermeintlich gottfernen Welt zu entfalten. Zwar wird nirgends die Legitimität der Neuzeit prinzipiell bestritten. Dazu ist Taylor viel zu klug und gebildet. Aber es ist auch nirgends von den Freiheitsgewinnen der Moderne die Rede. Taylor bleibt in seinem Moderne-Begriff eigentümlich ambivalent, vieldeutig.


Er setzt ein mit einer ebenso einfach klingenden wie voraussetzungsreichen Frage: Wie erklärt es sich, dass es für Menschen vor 500 Jahren unmöglich war, nicht ganz existenziell an Gott zu glauben, nun aber, im Jahr 2000, Glaubensferne oder Unglaube für die meisten Menschen eine ganz selbstverständliche Möglichkeit der Selbstdeutung und Lebensführung geworden sind? Damals, im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, hätten die Menschen alle Grund- und Krisenerfahrungen des Lebens als Zeichen eines direkten Eingreifens Gottes in den Lauf der Welt und ihres individuellen Lebens gedeutet. Heute aber sei Gott als Erklärungsprinzip nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im profanen Alltag völlig verschwunden. Taylor sieht hierin die entscheidende, in der bisherigen Forschung ignorierte Dimension der Säkularisierung: Die „social imaginaries“ des modernen Gegenwartsmenschen hätten sich gegenüber denen der vormodern Frommen tiefgreifend geändert, weg von einer präreflexiv unmittelbaren Gottesbindung hin zu einem „exklusiven Humanismus“, der Lebenslauf und gelingendes Leben rein immanent deutet, also jeden religiösen Trans­zendenzbezug als bloße Illusion verwirft. Diesen reinen Immanenzglauben führt Taylor auf sogenannte Subtraktionstheorien zurück. Sie kritisierten religiösen Glauben als ein falsches, illusionäres Bewusstsein und setzten den Fortschritt im Bewusstsein und in der Praxis menschlicher Freiheit mit der Emanzipation von einem verknechtenden Gott gleich. Indem der moderne autonome Mensch Gott den Totenschein ausgestellt habe, habe er eine entzauberte Welt von „Spezialisten ohne Geist und Hedonisten ohne Herz“ entworfen, in der das zutiefst menschliche Bedürfnis nach Orientierung, Lebenssinn und metaphysischer Geborgenheit nicht befriedigt werden könne. Taylor deutet unsere Gegenwart als das „Zeitalter der Authentizität“, als eine radikal individualistische Ära, in der jeder und jede ihren eigenen Weg gehen könne. Auch spricht er vom „nova effect“: Nachdem einmal eine radikal humanistische Gegenposition zum alteuropäischen Transzendenzmodell etabliert war, konnte sie immer weitere Bereiche menschlicher Welt- und Selbstdeutung durchdringen. In der Gegenwart hat sich dieser nova effect noch einmal intensiviert: „Wir leben nun in einer geistlichen Supernova, in einer Art galoppierendem Pluralismus des Spirituellen“. 


Ideenhistorisch gewinnt für Taylor vor allem der Deismus des 17. und 18. Jahrhunderts die epochale Bedeutung, den alten biblischen Theismus erschüttert zu haben. Der traditionelle Theismus sei von der Selbstoffenbarung Gottes in Heiligen Schriften ausgegangen. Der Deismus habe hingegen die Existenz Gottes aus der Vernunft oder aus persönlicher Erfahrung begründen wollen und damit das Eigenrecht des Subjekts gestärkt. Taylor will zwar keine Verlustgeschichte schreiben und Niedergangsrhetorik vermeiden, greift aber alle seit der ersten Romantik um 1800 bekannten Topoi modern-antimoderner Kulturkritik auf, um immer wieder religiösen Glauben als einzig gebliebene Gegenmacht zur herrschenden Verflachung zu beschwören. Er beschwört gar eine neue intime Verbindung zwischen erotischem Begehren und der Liebe zu Gott, die tief in der biblischen Überlieferung verankert sei. 


Schon im Hegel-Buch hatte Taylor den liberalen Individualismus als Quelle aller Übel der europäisch-nordatlantischen Moderne ausgemacht. Nun radikalisiert er seine Individualismuskritik zu einem Frontalangriff auf die Überlieferungen des westlichen Liberalismus, beginnend mit Hobbes und Locke, David Hume und Adam Smith. Ganz im Sinne der römisch-katholischen Naturrechtsüberlieferungen und in bewusster Anknüpfung an Aristoteles und Thomas von Aquin klagt Taylor erneut republikanische Tugenden und Gemeinschaftswerte ein. Die Anknüpfung an einen idealen Republikanismus, in dem freie Bürger ihre Partikularinteressen und ihren Eigennutz hinter das gemeine Wohl aller zurückstellen, bleibt jedoch allzu appellativ. Auch können die vielfachen Bezüge auf Autoren der ersten Romantik nicht überzeugen. Gewiss, die ästhetischen Passagen sind die besten. Wer Dante lese, Bach höre oder die Kathedrale von Chartres aufsuche, könne auch als ganz skeptischer Moderner ihre spirituelle Wirkkraft spüren, die doch transzendenten Sinngehalt manifestiere. Aber der Autor eines bedeutenden Hegel-Buches setzt nicht auf die Selbstoffenbarung Gottes im absoluten Begriff. Er bietet wenig klare Formulierungen für seinen irgendwie noch hegelianischen Glauben, dass Gott im Leben selbst präsent ist. Seine elementare Sorge, dass der moderne Mensch die alten „Sprachen des Spirituellen“ verlernt habe und dadurch viel an Lebensdeutungskraft einbüße, mag man teilen. Aber dann hilft nur harte Erinnerungsarbeit am religiösen Symbol und heiligen Text. Mit einer zutiefst ambivalenten Mischung aus soziologischer Zeitdiagnose, Kulturkritik und Glaubensappell ist nicht viel gewonnen.
 



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