Haus oder Ruine?

Thomas Hummitzsch

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Wenn in Europa die Zukunft liegt, müssten gerade junge Menschen davon begeistert sein. Die Ablehnung des europäischen Verfassungsvertrages in Frankreich und den Niederlanden 2005 und die des alternativen Vertrags von Lissabon durch die Iren im vergangenen Jahr sprechen eine andere Sprache. In allen drei Fällen waren es vor allem auch junge Franzosen, Niederländer und Iren, die sich gegen Europa ausgesprochen haben.


Umso spannender ist die nun vorliegende Dokumentation des Projektes „Young Euro Connect“. Insgesamt 44 Autoren wurden zwischen 2005 und 2008 eingeladen, sich auf die Suche nach Europa und seinen Werten zu machen. Aus den eingesandten Beiträgen wurden die besten ausgewählt und deren Verfasser zu einer einwöchigen Lesereise nach Deutschland eingeladen. Die Beiträge geben Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt junger Europäer. Mutig, einfallsreich und originell haben sich die Autoren mit der Frage nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Europa auseinandergesetzt. Es ist bemerkenswert, wie sich die Herkunft der Autoren in den Texten niederschlägt. Während die Beiträge der Autoren aus Nicht-EU-Staaten oft von einem Gefühl der romantischen Hoffnung und Begeisterung getragen werden, setzen sich die Autoren aus den EU-Staaten vorwiegend kritisch mit Europa auseinander. Den Grund für diese unterschiedlichen Sichtweisen nennt der Titel der Dokumentation: „Freiheit. Ich verstehe das Wort nicht, weil ich sie nie entbehren musste.“ Es macht eben einen Unterschied, ob man in Verhältnissen lebt, in denen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit selbstverständlich sind, oder nicht. Der tägliche Kampf um diese Werte schärft die Sinne für das Grundlegende. Neben scharf gestellten Blicken von außen bietet die Dokumentation aber auch ebenso spannende Innenansichten. Denn allein mit dem Erreichen dieser europäischen Werte ist es nicht getan: Sie müssen auch jeden Tag aufs Neue verteidigt werden. 


„Die Geschichte ist kein Haus, dem jede Ära etwas zur Gemütlichkeit beisteuert, sondern eine ewige Ruine, die sich nur manchmal in einem besseren Zustand befindet.“ Diese Worte von der Tschechin Petra Hulová besitzen sowohl innerhalb als auch außerhalb der europäischen Grenzen Gültigkeit.
 



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