Blick nach Westen

Rosa Gosch

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Das Beste an diesem Buch ist der Anhang. Hier erfährt der Leser in kurzen Porträts, wer die ägyptischen Frauen sind, die die Autorin zu ihren Meinungen über Geschlechterverhältnisse befragt hat: Alter, sexuelle und politische Orientierung, Familienstand, Religiosität, Beruf, Modestil und westliche Kontakte. So glaubt Safiyya, eine geschiedene Lehrerin, die sechs Jahre Komplettverschleierung trug und sich heute ohne Kopftuch als Feministin bezeichnet, dass sich Frauen aus gesellschaftlichen, nicht religiösen Gründen verhüllen. 


Mona Hanafi El Siofi, eine deutsch-ägyptische Islamwissenschaftlerin und Soziologin, 1968 geboren und in der Bundesrepublik aufgewachsen, lässt ihre Informantinnen aus der gebildeten Mittel- und Oberschicht Kairos ausgiebig selbst zu Wort kommen. Ihre Stimmen und Informationen über die rund dreißig Personen hauchen dieser ethnologischen Studie Leben ein. Sie machen ihre Ergebnisse für den Leser realer und zugänglicher.


Denn das Fazit überrascht wenig: Viele muslimische Frauen verurteilen die Geschlechterverhältnisse im Westen nicht pauschal als Sündenpfuhl, sondern haben ein durchaus differenziertes Bild. Sie bewundern, idealisieren sogar oft die Frauen im Westen, die unabhängig sind, Karriere und Kind unter einen Hut zu bekommen scheinen und dabei von „modernen” Männern unterstützt werden. Aber sie grenzen sich auch ab: Homosexualität, Feminismus im Sinne absoluter Geschlechtergleichheit und die Vernachlässigung der Familie zugunsten des beruflichen Fortkommens oder aus Individualitätsdrang lehnen die meisten ab.


Gleichzeitig stehen die Ägypterinnen der eigenen Gesellschaft kritisch gegenüber. Viele der Befragten richten sich gegen die interessengeleiteten männlichen Interpretationen der islamischen Quellen und führen den Islam selbst als Waffe gegen die Benachteiligungen von Frauen in der muslimischen Welt an.


Siofi zeigt einmal mehr, dass eine strikte Dichotomie von modern-westlichen und traditionalistisch-muslimischen Gesellschaften zu kurz greift. Man wünschte sich, dass dies der Ausgangspunkt der Diskussionen wäre. 
 



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