Warum Norweger aneinander vorbeireden

von Jostein Gaarder

Menschen von morgen (Ausgabe I/2009)


Zum Beispiel haben wir in Norwegen zwei Sprachen, die eigentlich sehr ähnlich sind. In Deutschland würde man Bokmål („Buchsprache“) und nynorsk („neunorwegisch“) Dialekte nennen, bei uns sind sie offizielle Sprachen. Auf meinem Reisepass steht zum Beispiel „norge“ und „noreg“, zweimal dasselbe Wort, nur anders geschrieben. Ehrlich gesagt bin ich manchmal ein wenig verlegen, wenn ich durch die Grenzkontrolle am Flughafen gehe und meine Papiere vorzeige. Wir sind so ein kleines Land – norwegen hat gerade mal 4,4 Millionen Einwohner – und haben zwei offizielle namen dafür. Bokmål, die Sprachvariante, die von der Mehrheit gesprochen wird, ist stark von der 400 Jahre langen dänischen Herrschaft beeinflusst. Als wir unabhängig wurden, schuf der Dichter Ivar Aasen aus den altnorwegischen Dialekten, die noch immer auf dem Land gesprochen wurden, eine neue Sprache, das nynorsk. Heutzutage wird nynorsk vor allem an der dünn besiedelten Westküste gesprochen. Auch in den Flüchtlingsheimen wird sie gelehrt. Wenn die Flüchtlinge dann auf der Suche nach Arbeit in die großen Städte im Süden kommen, verstehen sie die Leute nicht. So kann es auch den Touristen ergehen, die ein paar Vokabeln Bokmål vor ihrer Reise gelernt haben. Wenn sie trotzdem nichts verstehen, sollten sie einfach nachfragen: „Entschuldigen Sie, aber ist das jetzt nynorsk?“



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