„Der Mensch hat einen Drang zu spielen“

ein Interview mit Scott Kretchmar

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Herr Kretchmar, Sie erforschen, warum wir so gerne nach Regeln spielen. Was fasziniert so viele Menschen überall auf der Welt an Basketball, Cricket, Fußball oder Tennis?

Sport ist populär. Durch Sport werden Generationen von Kindern sozialisiert. Da stellt sich natürlich die Frage: Warum ausgerechnet Sport? Die schnelle Antwort ist: Sport ist gesund. Eltern finden in Sportvereinen einen sinnvollen Zeitvertreib für ihre Kinder. Sport verschafft Anerkennung. Aber hinter all dem liegt auch eine biologische Erklärung: Der Mensch hat einen Drang zu spielen.

Ist das wirklich ein biologisches Bedürfnis?

Aber ja. Nicht nur wir Menschen haben dieses Bedürfnis, Tiere auch. Spielen als Form von Verhalten findet sich selbst bei Bienen. Wir müssen allerdings unterscheiden zwischen dem einfachen Spieltrieb, den wir von Geburt an in uns haben, und dem regelgeleiteten Spielen, zu dem wir erst im Laufe unserer geistigen und intellektuellen Entwicklung fähig sind. Aufbauend auf dem Spieltrieb hat der Mensch dann  die Sport- und Spielkultur entwickelt.

Und warum?

Um etwas gegen die Langeweile zu unternehmen. Im Laufe der Evolution sind wir nicht nur intelligenter geworden, sondern haben auch die Fähigkeit entwickelt uns zu langweilen. Dadurch unterscheiden wir uns von den Tieren. Um sich zu langweilen, muss eine Spezies über eine bewusstere Selbsterkenntnis und eine höhere Intelligenz verfügen. Der uns eigene Spieltrieb und die Angst vor der Langeweile sind also die Hauptgründe, warum wir die Spielkultur entwickelt haben.

Wie haben sich die ersten Sportarten entwickelt?

Durch Nachahmung der Realität. In archäologischen Museen findet man häufig Artefakte aus der Steinzeit, deren Funktion unbekannt ist. Diese Objekte sind klar von Menschenhand gemacht und ähneln funktionellen Gegenständen, wie zum Beispiel einem Speer. Ich bin überzeugt, dass diese Objekte zum Spielen dienten. Demnach entwickelten unsere Vorfahren Sportspiele in Anlehnung an Dinge, die sie bereits aus dem echten Leben kannten. Wenn sie also Steine hoben, so ähnelte dies dem Tragen der erlegten Beute. Warfen sie einen speerähnlichen Gegenstand, so erinnerte dies an die Jagd.

Wann war das?

Irgendwann zwischen 50.000 und 5.000 Jahren vor Christus. Der Schlüsselmoment war das Aufstellen von Regeln. Keine unserer heutigen Sportarten funktioniert ohne Regeln. Im Basketball erhält ein Team drei Punkte, wenn es den Ball aus der Entfernung der Drei-Punkte-Linie in den Korb trifft. Aber nichts in der Natur setzt diese Regel voraus. Wir selbst bestimmen sie. Das Festlegen von Bedeutungen und Regeln im Spiel ist vergleichbar mit dem Festlegen von Bedeutung in der Sprache. Meine Vermutung ist, dass sich das regelgeleitete Spielen sogar noch vor der Sprache entwickelt hat.

Und wie haben dann unsere Vorfahren beim Spielen kommuniziert?

Alles, was man für ein Spiel braucht, ist eine Regel. Heutzutage würden wir ein Regelwerk aufstellen und es in schriftlicher Form festhalten. Ich bin überzeugt, dass unsere Vorfahren andere Möglichkeiten hatten, miteinander über die Bestimmungen des Spiels zu kommunizieren. Eine einfache gezeichnete Linie auf dem Boden reicht bereits aus, um den Startpunkt für ein Rennen zu markieren.

Welche Vorteile hat Sport uns in der Evolution gebracht?

Wenn wir Sport treiben, bereitet uns das zugleich auch immer auf etwas vor, das für uns später einmal nützlich sein könnte. Nehmen wir hierfür ein Beispiel aus der Zeit der Jäger und Sammler: Wenn Person A ihre freie Zeit mit Rennen, dem Heben von Steinen und Speerwerfen verbringt, wird sie bei der Jagd besser abschneiden als Person B, die all dies nicht tut. Und auch in der sexuellen Selektion spielt Sport eine wichtige Rolle. Beim Sport können die Männchen ihre Leistungsfähigkeit zur Schau stellen. Sport ist eine öffentliche Sache. Wir sehen zu, wie Athleten ihre Stärke und Schnelligkeit vorführen. Ähnlich verhält es sich in der Brautwerbung.

Ist Sport aus biologischer Sicht für den Menschen unabdingbar?

Ich würde Sport als eine Art Vehikel zur Selbstregulation des menschlichen Organismus bezeichnen. Wir fühlen uns wohl, wenn wir ausreichend stimuliert sind. Sind wir wenig stimuliert und langweilen uns, dann geht es uns schlecht. Selbiges gilt, wenn unser Organismus überreizt und gestresst ist. In beiden Fällen bietet Sport uns einen Ausgleich. Dies ist die tiefere psychologische Erklärung, warum wir uns sportlich betätigen.

Und wozu brauchen wir heute noch Sport?

Ich denke, dass es auch heute noch um die Langeweile geht. Der moderne Mensch sieht sich bedroht von Sinnverlust und Weltentfremdung. Durch Sport erhalten wir die Möglichkeit, selbst neuen Sinn zu schaffen.

Sport bedeutet häufig auch Wettkampf. Warum?

Der Mensch hat einen Hang dazu, der Beste sein zu wollen. Aber ich glaube, dass der Drang zu wissen, wo man sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten einordnen kann, noch viel stärker in uns ist. Wo stehen wir im Vergleich zu anderen? Wo ist unser Platz? Ein sportlicher Wettkampf hilft uns, diese Art Fragen zu beantworten.

Der Konkurrenzkampf im Sport ist also gut für uns?

Ja, denn um miteinander konkurrieren zu können, bedarf  es zunächst einer Menge an Kooperation. Das beginnt damit, dass wir uns auf die Art des Spiels einigen. Wenn wir uns zum Beispiel für Fußball entscheiden, dann handeln wir miteinander aus, welche Art von Fußball wir spielen und welchen Regeln wir dabei folgen werden. Wir einigen uns, wie lange und wo wir spielen werden. Der Konkurrenzkampf im Sport muss also nicht zwangsläufig negativ sein. Das Messen am anderen kann allen Beteiligten eine große Freude bereiten. Ich messe mich zum Beispiel schon mein Leben lang mit meinen besten Freunde im Racquetball. Aber sobald das Spiel vorbei ist, geben wir uns freundschaftlich die Hand und gehen gemeinsam ein Bier trinken. Ich zeige meinen Studenten häufig Bilder von Athleten, die sich innig in den Armen liegen, auch wenn sie auf dem Spielfeld bitterste Rivalen sind. Gerade das Spiel vereint sie, denn sie kämpfen gemeinsam für dieselbe Sache. So verhält es sich im Idealfall, wenn der Konkurrenzkampf positiv umgesetzt wird.  

Und was wäre ein negatives Beispiel?

Im schlimmsten Falle kann das Konkurrenzdenken im Sport zu Misstrauen und Hass führen. Gerade die Überzeugung „Wettkampf ist alles“ ist meines Erachtens wider der Bestimmung von Sport.

Und was ist die eigentliche Bestimmung von Sport?

Wir leben im Zeitalter der Instrumentalisierung, in dem Trainer und Spieler zwanghaft und mit allen Mitteln versuchen, zu gewinnen. Die Spielregeln zu befolgen scheint nur noch zweitrangig zu sein. Athleten versuchen herauszufinden, wie sie die Regeln brechen können, ohne dafür bestraft zu werden. Diese Einstellung läuft zuwider der eigentlichen Bestimmung des Spiels. Im Sport und im Spiel geht es in erster Linie nicht ums Gewinnen, sondern darum, die eigene Leistungsfähigkeit zur Schau zu stellen und zu erproben. Das ist der eigentliche Sinn von Sport.

Das Interview führte Maria Galland



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