„Tänzer wollen etwas ausdrücken“

ein Interview mit Heather Jurgensen

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Frau Jurgensen, als wir die Mitglieder unserer Redaktion danach fragten, welche Sportarten sie ausüben, sagte eine Praktikantin: Ballett. Ist Ballett für Sie ein Sport?

In unserer modernen Welt hat sich die Sicht auf das Ballett sehr verändert. Heute tanzen tatsächlich viele Menschen, um fit zu bleiben. Wenn man ein- oder zweimal in der Woche in ein Ballettstudio geht, um zu trainieren, dann sieht man das natürlich als Sport.

Aber haben Sie sich selbst jemals als Sportlerin gesehen?

Professionelle Tänzer wollen etwas darstellen, etwas ausdrücken. Ich habe mich nie als eine Sportlerin gesehen, obwohl ich mich genau wie eine Athletin damit beschäftigt habe, wie ich noch besser werden könnte, zum Beispiel durch zusätzliches Fitnesstraining, Pilates oder eine spezielle Ernährung. Erst mit zunehmendem Alter wurde ich mir bewusster darüber, dass ich täglich körperliche Höchstleistungen vollbringen musste, denn es wurde immer schwieriger, diese Leistung auch auf den Punkt zu liefern.

Wie wurde Ihr Talent erkannt? War es Ihre körperliche Leistungsfähigkeit, die hervorstach und Sie vorwärtsbrachte?

Ja. Aber körperliche Fähigkeiten sind auch nicht alles. Es gibt Primaballerinen, die tolle Anlagen haben, die Beine mühelos bis zu den Ohren schwingen können und supergelenkig sind, aber irgendwann ist man von dieser Perfektion nur noch gelangweilt.

Wie viel mussten Sie noch trainieren, als Sie bereits erste Solotänzerin an John Neumeiers Hamburg Ballett waren?

Tänzer jammern manchmal: Wäre ich doch ein Fußballspieler, dann hätte ich nach einem Spiel auch einmal frei. Wir hatten ständig Auftritte, jeden Tag Training und nie Pause. Wenn man an den Punkt kommt, an dem man einfach nicht mehr kann, passiert oft etwas Merkwürdiges: Man tanzt plötzlich auf einem anderen Niveau. Das ist schwer zu erklären. Es ist, als würde man aufhören zu denken und einfach nur noch tanzen.

Das Interview führte Karola Klatt



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