Tiyu oder Yundong?

von Chih-Chieh Tang

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Wenn die Menschen im heutigen Taiwan von „Yundong“ sprechen – die gängige chinesische Bezeichnung für „Sport“ –, haben sie dabei eher die Gesundheit und die Förderung der Vitalität im Blick als Wettkampf und Regeln oder Spaß. Viele Menschen betrachten körperliche Bewegung und Gymnastik, Gartenarbeit, Singen, Saunagänge, Baden und sogar stilles Dasitzen als Yundong. Das überrascht oder amüsiert westlich geprägte Menschen. Manche denken, dies sei ein durch einen Übersetzungsfehler ausgelöstes Missverständnis oder hinge mit dem Lebenskonzept des Qi und der eng damit verbundenen alten Tradition des Nährens der Lebenskraft zusammen.

Denn nicht nur die aus Qi bestehende Nahrung kann das eigene Leben stärken. Auch die geeignete Körperbewegung in Verbindung mit der richtigen Atemtechnik kann die Aufnahme und Zirkulation von Qi im Körper lenken und fördern und so die Vitalität der Menschen verbessern. Diese beiden Auffassungen von Yundong entspringen einer zu schlichten Intuition, sie erfassen den komplexen Tatbestand nicht hinreichend: Yundong ist ein Produkt der Moderne.

In alten Zeiten pflegten die Chinesen Ballspiele und genossen die Spannung und den Spaß, die mit dem Wettkampf verbunden waren. Die Vorstellung des Nährens der Lebenskraft legte den Menschen zwar nahe, ihre Energie nicht exzessiv zu verbrauchen, hinderte sie vor dem Niedergang des Kriegerethos aber auch nicht daran, Jiju (ähnlich dem Polo) oder Cuju (ähnlich dem Fußball) zu spielen.

Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert änderte sich die Gesellschaftsstruktur: Die Kriegergesellschaft wandelte sich in eine Bürgergesellschaft. Dadurch veränderte sich auch die Funktion des Sports. Da die neue Oberschicht hauptsächlich aus Angehörigen einer schöngeistigen Bildungselite bestand, wurden rabiatere Ballspiele vernachlässigt. Spiele wie Chuiwan (ein sanftes und subtiles Spiel wie Golf) oder von kognitiven Fähigkeiten bestimmte Spiele wie Go waren beliebter. Es gab weniger Gewalt und körperlicher Kontakt im Sport sowie die Tradition, die Lebenskraft zu stärken, dominierte. Ballspiele wurden so zu einer fast vergessenen kulturellen Erinnerung.

Im Zuge des Imperialismus im 19. Jahrhundert führten westliche Militärs die Gymnastik, genannt Tiyu, ein. Der Westen, die japanischen Kolonialherren und die autoritäre Herrschaft der politischen Partei Kuomintang nach dem Zweiten Weltkrieg benutzten Tiyu vorzugsweise auch als Mittel zur Disziplinierung. Die Menschen dachten, es könne die Nation retten, weil es aus dem alten, schwachen Untertan den neuen, starken und gesunden Bürger mache. Tiyu wurde dadurch mit körperlichen Aktivitäten verbunden, während Yundong als allgemeiner Begriff, der wörtlich nichts anderes als „Bewegung“ oder „Beweglichkeit“ bedeutet, aufgrund seiner chinesischen Prägung ein vom Sport unabhängiges Eigenleben führte.

Der heutige chinesische Begriff Yundong, der im Verlauf von Chinas Begegnung mit der westlichen Moderne geprägt wurde, steht für vier verschiedene Bedeutungen zugleich: für Beweglichkeit, Übung, Leibeserziehung und eben Sport. Die Menschen beschäftigen sich gerne mit Sportspielen, aber die Sorge um die körperliche Gesundheit und das Nähren der Lebenskraft bleibt die vorherrschende Strömung. Spazierengehen und Jogging sind die beliebtesten Formen von Yundong, die sehr viel populärer sind als das „Yundong der Nation“, der seit der japanischen Kolonialherrschaft gespielte Baseball.

Die Leibeserziehung des Tiyu verlor außerhalb des Bildungssystems zunehmend an Einfluss, auch wenn die meisten Menschen immer noch gewohnheitsmäßig Tiyu etwa für die Sportnachrichten im Alltagsleben verwenden. Doch auch wenn Menschen im Garten, in der Schule, an öffentlich zugänglichen Orten oder einfach auf kleinem Raum unter freiem Himmel Tai-Chi und andere Arten von Gymnastik praktizieren, klänge es sehr seltsam, wenn man solche körperlichen Übungen als Tiyu bezeichnen würde, sie werden vielmehr automatisch als Yundong aufgefasst.

Aus dem Englischen von Werner Roller



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