Über Boxen

von Joyce Carol Oates

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Die beiden jungen Weltergewichts-Boxer sind einander so ähnlich wie Zwillinge, obwohl der eine die helle Haut der Rothaarigen hat und der andere dunkel ist, ein hispanischer Typ. Sie umkreisen sich im Ring, unter dem grellen Scheinwerferlicht, versuchen Jabs, unsichere linke Haken, rechte Cross-Schläge, die den Gegner nur streifen oder gar in der Luft landen. Wie an den anderen herankommen? Wie sich einen Vorteil verschaffen? Einen Punkt gewinnen? einen Treffer landen? Sie scheinen alles vergessen zu haben, worauf sie trainiert wurden, und die Zuschauermenge im Madison Square Garden wird immer lauter, Spott kommt auf, Ungeduld. Die Zeit läuft ihnen davon.

„Was soll das da unten – seit wann boxen die, seit heute Morgen?“, sagt ein Mann hinter mir voller Verachtung. (...)

Die Spott- und Buhrufe, die Pfiffe, die aus dem riesigen höhlenartigen Raum bis hinauf zu den billigen Zwanzig-Dollar-Plätzen auf den Rängen steigen und von der ständig zirkulierenden Zuschauermasse auf den Gängen ausgehen, das Dunstgemisch aus Würstchen, Bier, Zigaretten-, Zigarrenrauch und Pomade – all das erreicht die jungen Weltergewichtler. Aber sie sind für die Spanne ihres vergeblichen Kampfes verzweifelt aneinandergeschweißt – sie umkreisen einander, „tänzeln“, Jabs, Schwinger, sie gehen in den Clinch – jetzt eine schwirrende Folge leichter Schläge, unbeholfene Beinarbeit, ein weiterer schwitzender, stolpernder, zu nichts führender Clinch, der eine neue Welle von Spott hervorruft, während der Ringrichter sie trennt. Warum sind sie ausgerechnet hier im Madison Square Garden, Anfänger, die sichtlich ihren ersten professionellen Kampf hinter sich bringen? Keiner will den anderen verletzen – sie sind nicht wütend aufeinander.

Als am Ende der vierten, letzten Runde der Gong ertönt, buht die Menge ein wenig lauter. Der kleine Hispanier, gelbe Seidenshorts, feuchtes, krauses, langes Haar, läuft in seiner Ringecke mit erhobener Faust umher – die Geste richtet sich nicht gegen die lauter werdenden Buhrufe, es sieht nicht so aus, als ob er sie hören würde. Er kopiert die Geste, er hat sie bei älteren Boxern gesehen, er sagt damit: „Ich bin da, ich habe es geschafft, ich habe es tatsächlich geschafft.“

Als das Ergebnis verkündet wird, verstärkt sich der Spott der Menge. „Raus aus dem Ring!“ – „Arschlöcher!“ – „Geht nach Hause!“ Verächtliches männliches Gelächter folgt den Jungen, als sie, in ihre Frotteemäntel gehüllt, den Gang hinaufgehen, Handtücher überm Kopf, schwitzend, atemlos. Warum in aller Welt glaubten ausgerechnet diese beiden, sie seien Boxer?

Wie können Sie an einem so brutalen Sport Gefallen finden, fragen die Leute mich manchmal. Oder sie fragen ganz bewusst nicht. Die Frage ist zu komplex, um eine einfache Antwort darauf zu geben. Jedenfalls finde ich am Boxen nicht im üblichen Sinn „Gefallen“, habe es noch nie gefunden; außerdem ist Boxen nicht immer „brutal“; und für mich ist es kein „Sport“.

Ich kann Boxen auch nicht mit literarischen Begriffen fassen, ich sehe es nicht als Metapher, die für etwas anderes steht. Niemand, dessen Interesse, wie das meine, in der Kindheit erwachte – es wurde geweckt, weil mein Vater sich dafür interessierte –, wird Boxen je als ein Symbol begreifen können: als ob seine Einzigartigkeit ein bloßes Kürzel wäre, ein ikonografischer Hinweis. Das Leben dagegen als Metapher für das Boxen wäre eine mögliche Vorstellung – Metapher für einen dieser Kämpfe, die nicht enden wollen, Runde folgt auf Runde, Stöße, verfehlte Schläge, Clinch, keine Entscheidung, wieder und wieder Gong, wieder und wieder der Gegner, der dir so gleicht, dass du die Augen nicht davor verschließen kannst, dass du selbst dein Gegner bist: Und warum dieser Kampf auf erhöhter Plattform, von Seilen eingeschlossen wie in einen Pferch, unter heißem, brutalem, mitleidlosem Scheinwerferlicht, im Angesicht einer ungeduldigen Menge? Diese Art von höllischer Metapher, wie Schriftsteller sie kennen – es wäre vorstellbar. Das Leben gleicht dem Boxen in vielen beunruhigenden Beziehungen. Aber Boxen gleicht nur sich selbst.

Aus dem Englischen von Ursula Locke-Groß

 



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