Die Disziplinen des Dschingis Khan

von Nils Kaben

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Jedes Jahr am 11. Juli wird es bunt in Ulan-Bators Nationalstadion. Mit einer mehrstündigen, pompösen Eröffnungsfeier beginnt das Nadaam Sportfest, mit dem die Mongolen das Jubiläum ihrer Unabhängigkeit von China begehen. Die aufwendigen Kostüme der hundert Tänzer, Sänger und Reiter haben Mütter und Ehefrauen monatelang genäht, die Choreografien wurden sorgfältig einstudiert. Dass sich der Staatspräsident die paar Hundert Meter aus seinem Palast hinüber ins Stadion bemüht, empfinden die Menschen hier als besondere Ehre und nicht als Selbstverständlichkeit.

Kinder, Frauen und Männer messen sich an zwei Tagen im Reiten, Bogenschießen und Ringen. Dabei heißt Nadaam übersetzt sinngemäß „die drei männlichen Spiele“. Denn vor 800 Jahren, als Dschingis Khan im Fernen Osten ein gefürchteter Herrscher und Eroberer war, mussten junge Anwärter für das Heer sich in den drei Disziplinen beweisen. Kämpfer werden heute zwischen den Supermächten Russland und China nicht mehr so dringend gebraucht. Doch die Tradition lebt fort. Das Naadam-Festival ist das größte Sportereignis in der Mongolei und seine Sieger Volkshelden.

Etwa eine halbe Autostunde außerhalb von Ulan-Bator liegt die dreißig Kilometer lange Pferderennstrecke. Die Jockeys sind ausnahmslos Kinder, was daran liegt, dass die Knirpse leicht sind und die Pferde dankbar für jedes Kilo, das sie nicht schleppen müssen. Für die Kleinen ist es ganz sicher der aufregendste Tag des Jahres. Viele sind gerade einmal fünf Jahre alt. Wenn der Startschuss ertönt, rennen die Pferde mit ihren jungen Reitern auf den oft sattellosen Rücken eine halbe Stunde über Stock und Stein durch die mongolische Steppe. Immer wieder kommt es vor, dass einzelne Tiere im Ziel von der Tortur tot zusammenbrechen. Manchmal gelingt es den Pferden, ihre Reiter unterwegs abzuschütteln – ein Drama für die so verlorenen Kinder. Mutterseelenallein stehen sie in der Landschaft und müssen bange Stunden warten, bis endlich ein Geländewagen kommt und sie wieder einsammelt. Ein Sieg bei dem Rennen ist vor allem für die Züchter ein Erfolg; oft sind das die Väter der jungen Reiter.

Nach den Kleinen sind die Frauen dran. Ihre Bögen und Pfeile sind in langen Wintern selbst geschnitzte Kunstwerke mit Saiten aus geflochtenem Pferdehaar. Jede Schützin hat vierzig Pfeile, mit denen sie auf eine sechzig Meter entfernte Pyramide aus kleinen Schafsdarmzylindern zielt. Direkt daneben stehen Männer, so dicht, dass jedem europäischen Sicherheitschef die Haare zu Berge stehen würden. Jeder Treffer wird von diesen Männern betanzt und besungen, bevor sie die Schafsdarmklötzchen wieder aufstellen. Beim Bogenschießen stelle sie ihren Mut und ihre Zielstrebigkeit unter Beweis, erzählt die Vorjahressiegerin, eine strenge, aber freundlich wirkende Mittvierzigerin.

Am zweiten Abend geht das Festival mit der Königsdisziplin Ringen seinem Höhepunkt entgegen. Mehr als 500 männliche Kämpfer treten gegeneinander an. Es gibt keine Gewichtsklassen, Dick kämpft gegen Dünn. Nach acht K.-o.-Runden sind noch zwei Kämpfer übrig – und die sind alles andere als dünn. Sich in diesem Finale vor den Augen der gesamten Nation zu beweisen – das Fernsehen berichtet live –, gilt als die höchste Ehre für den mongolischen Mann. Oft dauert das Ziehen und Zerren mehr als eine halbe Stunde. Wer seinen Gegner als Erster auf den Rücken legt, ist für ein Jahr der Held der Nation. Zur Belohnung gibt es einen Geländewagen aus Stuttgart. Der macht was her und ist für die Umherziehenden ziemlich praktisch. Außerdem ist eine nagelneue Dreizimmerwohnung zu gewinnen. Da hält sich die Begeisterung des Beschenkten oft eher in Grenzen. Nomaden haben nicht unbedingt eine Vorliebe für Immobilien.



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