Blauer Dämon und Superstern

von Daniel Téllez

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Die Sportart Lucha Libre (spanisch für „Freistilkampf“) entstand als mexikanische Variante des Wrestlings Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch wenn diese Sportart als sehr gefährlich gilt und nicht von Laien praktiziert werden sollte, sind ihre Kämpfe heute sehr beliebt und tief in der populären Kultur Mexikos verwurzelt. Mit Beginn der Mexikanischen Revolution 1910 entstanden die ersten Unternehmen des Lucha Libre, die sogenannten Promotions.

Diese Firmen organisierten Kämpfe in Theatern und in der Stierkampfarena El Toreo im Stadtteil Condesa der mexikanischen Hauptstadt. Salvador Luttherot González gründete 1933 die professionelle Promotion Empresa Mexicana de Lucha Libre. Er gilt als „Vater“ des Lucha Libre, weil er den Kampfsport im ganzen Land bekannt machte. 1943 ließ er die Wettkampfhalle Arena Coliseo im Viertel La Lagunilla im Zentrum von Mexiko-Stadt errichten. Dort ertönte zum ersten Mal der bis heute legendäre Ruf: „Lasst sie ringen … bis zum zweiten oder dritten Pin ohne Zeitlimit.“ Einen Pin erzielt man, wenn man den Gegner auf der Matte hält, während der Ringrichter bis drei zählt.

Lucha Libre wurde in den folgenden Jahren zu einem fundamentalen Teil der mexikanischen Kultur. Wie keinem anderen Sport gelingt es ihm, eine imaginäre Welt hervorzubringen, in der jedes Mal wieder von Neuem der Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen wird. Der Ring ist wie beim Boxen sechs mal sechs Meter groß. Es gibt verschieden Kampfarten: ein Kämpfer gegen einen; zwei gegen zwei oder sogar drei gegen drei. Die Luchadores werden wegen der Art des Freistils und ihrer Kenntnisse der griechisch-römischen Ringtechnik „Gladiatoren“ genannt.

Im Ring schlüpfen sie in Rollen, in denen das Publikum sie wiedererkennt: Die einen gehören zu der Gruppe der „Brutalen“, die anderen zu den „Technikern“. Beide Stilrichtungen erfordern den Einsatz besonderer Kniffe und Hebelgriffe. Trotzdem erfreuen sich die Brutalen, die heimtückischer angreifen, einiger Vorteile im Ring und genießen beim Publikum größere Beliebtheit als die Techniker, die das „Feine“ und das „Gute“ verkörpern.

Unentbehrlich beim Lucha Libre sind die Masken, die Verkleidung, die Namen der Kampfstile und die Klammergriffe, die den Gegner zum Aufgeben bringen sollen, die Gegenklammergriffe und die Hebel, mit denen man sich wieder von einer Klammer befreit und damit den Gegner zwingt, einen noch stärkeren Griff oder Hebel anzuwenden.

Die Maske ist nicht nur ein Schmuck, sie ist eine Allegorie, die aus der Zeit vor der spanischen Eroberung stammt. Sie verleiht dem Charakter des Kämpfers eine zweite symbolische Bedeutung und gibt ihm Kraft. Jeder Kämpfer bekommt durch den Namen und die Züge der Maske eine individuelle Geschichte. Diese erzählt etwa, dass der Kämpfer auf die Welt gekommen ist, um einen besonderen Bösewicht aufzuspüren und zu bekämpfen. Die ideale Welt, die der Ringer erschafft und in der sein Charakter handelt, befindet sich zwischen den Sphären der Religion – der Verehrung einer Heldenfigur durch ein fanatisches Publikum – und des Schwindels – des improvisierten Theaterschauspiels im Ring.

Carlos „Der Tarzan“ López, der „höhlenbewohnende“ Galindo, „Der mörderische Arzt“, „Die Fledermaus“ Velázquez, „Blauer Dämon“ oder „Schwarzer Schatten“ waren die Namen von bekannten Kämpfern, die in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, der goldenen Zeit des Lucha Libre, in den Arenen erklangen. Heute bewundern wir Kämpfer mit Namen wie „Der Einzelgänger“, „Tausend Masken“, „Der Mathematiker“, „Schwarze Schlange“ oder „Superstern“.

Lucha Libre hat tragische wie olympische Talente und viele brillante und glaubwürdige Spektakel und Kämpfe hervorgebracht. Der Kult um den Sport hat viele Künstler und Schriftsteller inspiriert. Ich selbst bin langjähriger gelegentlicher, aber leidenschaftlicher Luchador, ein „Brutaler“. Der Brutale im Ring symbolisiert für uns Mexikaner die Schlange im Paradies – und ohne ihre Arglist, ihren Widerpart verlöre die Schönheit all ihre Anmut.

Aus dem Spanischen von Yannick Mäntele



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