Machtspiel

von Brian Stoddart

Beweg dich. Ein Heft über Sport (Ausgabe I/2014)


Für die nicht englischsprachige Welt bleibt Cricket ein ewiges Mysterium. Bei internationalen Länderspielen, etwa England gegen Australien oder Indien gegen Sri Lanka, treten zwei elfköpfige Teams mehrere Tage lang gegeneinander an, oft ohne Ergebnis. Werfer spielen Schlagmännern zu, die fest zum Nichtstun entschlossen scheinen. Dabei sind die Regeln recht einfach. Das Feld ist 22 Yards (20,12 Meter) lang und an jedem Ende stecken drei Wickets im Boden – Konstruktionen aus je drei Holzstäben, die oben mit je zwei Querhölzern verbunden sind.

Der Schlagmann verteidigt die Wickets gegen den Werfer, der sie zu treffen versucht, während die Feldspieler darauf aus sind, den geworfenen Ball zu fangen, ehe er den Boden berührt. Bei kompletten Spielen – Dauer drei bis fünf Tage – tritt jedes Team zweimal als Schlagmannschaft und zweimal als Feldmannschaft an und gewonnen hat am Ende die Mannschaft mit den meisten „Runs“. Ein Run wird erzielt, indem ein Schlagmann den geworfenen Ball in einen Teil des Spielfelds schlägt.

Der seltsame Sport beherrschte das britische Empire und der heutige Stand von Cricket in der Welt spiegelt diese Vergangenheit in überraschender Weise wider. Es begann mit dem Cricket des 19. Jahrhunderts, das an den englischen Public Schools entwickelt wurde und einen Ehren- und Benimmkodex widerspiegelte, der Pflichttreue, Aufrichtigkeit und Strebsamkeit hochhielt. Viele der Cricket spielenden Schuljungen gingen später als Pioniere, Beamte oder Geschäftsleute ins Empire und nahmen das Spiel und seinen Ehrenkodex mit.

In Indien führten die Briten Cricket in denjenigen Kreisen ein, die sie als ihre natürlichen Verbündeten betrachteten, also in der Aristokratie und unter den höheren Beamten. All diese Menschen verinnerlichten die Vorstellung vom „Sportsgeist“ in jeder Hinsicht, nicht nur auf dem Spielfeld. „It’s just not cricket“ wurde zur sprichwörtlichen Wendung, um unakzeptables Benehmen zu tadeln. Cricket diente als soziale Metapher, als Ausdruck eines gesellschaftlichen Standards, dem man gerecht zu werden hatte.

Aus diesem Grund war ein Cricket-Sieg über England in allen Teilen des Empires bald mehr als ein sportliches Ziel: England zu schlagen hieß moralischen und gesellschaftlichen Fortschritt unter Beweis zu stellen. Besonders ausgeprägt war diese Haltung im Australien des späten 19. Jahrhunderts. Bis heute ist „England gegen Australien“ für die meis-ten Cricket-Fans der Wettkampf schlechthin, denn die soziale Komponente schwingt hier weiterhin mit.

Noch schärfer trat das Gefühl des Wettstreits in Südafrika hervor, nachdem dort ab den 1920er-Jahren die Apartheid eingeführt wurde. Da nur weiße Spieler das Land bei internationalen Wettbewerben vertreten durften, galten südafrikanische Cricket-Siege auch nach innen als Triumph des eigenen Gesellschaftsmodells. In Indien und in der Karibik wurde das Nord-Süd- oder Hautfarbenthema auf andere Art ausagiert.

1950, in der Endphase des karibischen Unabhängigkeitskampfes, gewannen die West Indies erstmals ein Cricketturnier in England. Bei den rauschenden Feiern danach ging es ebenso sehr um das letzte schlagende Argument gegen die Sklaverei und ihre Nachwehen wie um den sportlichen Sieg. Die Schwarzen hatten triumphiert und seine Vollendung fand dieser Erfolg in den 1980er- und 1990er-Jahren, als die Stärke der West Indies auf dem Spielfeld damit einherging, dass sich die karibischen Länder außerhalb des Platzes für eine Aufhebung der Apartheid im Sport einsetzten.

Indien hingegen war zwar schon vor seiner Unabhängigkeit 1947 eine Cricket-Nation, musste aber bis 1971 auf einen Turniersieg in England warten. Seit den 1990er-Jahren ist Indien eine Cricket-Großmacht. Über seine Erfolge im Spiel wird viel geschrieben, doch noch beeindruckender ist seine administrative Vorherrschaft. Das Land bringt heute rund 75 Prozent der weltweiten Cricket-Finanzierung auf, größtenteils durch Fernsehrechte, und münzt diese Macht in eine dominante Stellung im internationalen Verband um. Bei einer jüngsten Kraftprobe drohte es sogar unverhohlen Nachteile für Südafrika an, nachdem dort ein neuer Verbandsgeschäftsführer ernannt worden war, der Indien nicht passte. An anderer Stelle in den internationalen Beziehungen würden solche Eingriffe nicht geduldet, in der Cricket-Welt zeigen sie, dass aus dem Kolonisierten der Kolonisator geworden ist.

Aus dem Englischen von Michael Ebmeyer



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