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Vougar Aslanov

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Europa legt dieser Tage ein verstärktes Interesse für die zentralasiatischen Republiken an den Tag – insbesondere für Usbekistan. Die jüngste Reise des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier in die postsowjetischen Republiken Mittelasiens ist ein Beleg für dieses zunehmende Interesse: Europa ist bestrebt, in dieser Region eine aktivere politische Rolle zu übernehmen. 


 Die Gründe hierfür sind neben der zunehmenden geopolitischen Bedeutung der Region vor allem ihre reichen Rohstoffquellen. Immerhin sind in Usbekistan erst Ende 2005 ergiebige Öl- und Gasvorkommen entdeckt worden. Die usbekischen Öl- und Gasvorräte belaufen sich einschließlich der neu entdeckten Quellen auf rund 600 Millionen Barrel Öl und 2,44 Trillionen Kubikmeter Gas. Darüber hinaus verfügt das Land über reiche Gold- und Uranvorkommen.


 Während jedoch in Kasachstan amerikanische und britische Firmen die natürlichen Ressourcen fördern, ist in Usbekistan noch immer nicht endgültig klar, wer die wertvollen Rohstoffe abbauen wird. Die Bestrebungen Russlands, im Verbund mit den mittelasiatischen Republiken ein Kartell zu bilden, um ihnen die Rohstoffe ab- und anschließend an Europa weiterzuverkaufen, dürften sich für die Europäer nicht immer vorteilhaft auswirken. Zugleich ist Europa über den Verlust des amerikanischen Einflusses in Usbekistan besorgt, der die Stellung der USA in allen zentralasiatischen Republiken innerhalb kurzer Zeit ins Wanken gebracht hat. 


 Der usbekische Präsident Islam Karimow, verschreckt durch die „Tulpenrevolution“ im Nachbarland Kirgisien und den Sturz des dortigen autoritären Regimes, geht nach und nach von der Orientierung auf die USA ab und wirft den Amerikanern nunmehr vor, sie unterstützten die usbekische Opposition. Dass die Vereinigten Staaten zudem auf eine Untersuchung der Vorfälle in Andischan drängten, bei denen am 13. Mai 2005 nach inoffiziellen Angaben über 500 Menschen erschossen wurden, hat das Verhältnis zwischen dem Regime Karimow und Washington endgültig verdorben. An jenem Tag hatten in der Stadt Andischan Regierungstruppen das Feuer auf Demonstranten der religiösen Organisation „Akromija“ eröffnet, unter ihnen befanden sich auch zahlreiche Frauen und Kinder. Karimow entzog den Vereinigten Staaten die Erlaubnis, den Flughafen Chanabad weiterhin für Flüge nach Afghanistan zu nutzen, verwies eine Gruppe amerikanischer Soldaten des Landes. Usbekistan schloss sich erneut der von Russland geführten Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) an und nahm Tuchfühlung zur Schanghai-Orgnisation für Zusammenarbeit (SOZ) auf, der neben Russland und den meisten Republiken Mittelasiens auch China angehört. 


 Karimow ignorierte die Forderung der USA, der Europäischen Union, der Vereinten Nationen und der OSZE nach einer internationalen Untersuchung, nahm selbst Ermittlungen auf und stellte diejenigen vor Gericht, die nach seiner Meinung für die Vorfälle in Andischan im Frühling vorigen Jahres verantwortlich waren. Karimow äußerte sich von vornherein überzeugt, dass die Bewegung „Akromija“, mit deren Anhängern es in Andischan zu den Zusammenstößen kam, von terroristischen Organisationen unterstützt werde, die von Afghanistan aus operieren. Diese Version wurde später auch offiziell vom russischen Verteidigungsminister Sergej Iwanow verfochten. 


 Durch brutalen Druck, Gerichtsurteile und Haftstrafen, die das Regime Karimow herbeigeführt hat, wurden viele religiös extremistische Organisationen aus dem Land genötigt. Doch auch nach ihrer Verlagerung in angrenzende Länder machen die Angehörigen dieser Organisationen ihren Einfluss auf die usbekische Bevölkerung bis heute geltend. Die aktivsten radikalen islamischen Organisationen sind die „Islamische Bewegung Usbekistan“ (IMU) und „Hisb ut-Tahrir“. Die IMU wurde 1996 gegründet, ist eng mit den afghanischen Taliban verknüpft. Ihr wird die Zusammenarbeit mit Al-Qaida und anderen islamistischen Gruppierungen wie Ichwan al-Muslimun (Muslimbrüderschaft) und Hisb ut-Tahrir vorgeworfen. Die IMU will mit Waffengewalt ein Kalifat errichten, das ganz Usbekistan und überhaupt ganz Mittelasien umfassen soll. Im Frühjahr 2004 sind Anhänger dieser Organisation vom benachbarten Afghanistan aus nach Usbekistan eingedrungen und haben mehrere Terrorakte verübt. Der Kopf dieser Bewegung, Tachir Juldaschew, hat sich mit seinen Anhängern in die Berge Wasiristans im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zurückgezogen. Weder Juldaschew noch seine Anhänger haben sich jedoch von ihrem Wunsch verabschiedet, die Macht in Usbekistan zu übernehmen.


 Hisb ut-Tahrir ist dagegen eine in erster Linie politische Bewegung, wenngleich auch sie die Errichtung eines islamischen Kalifats anstrebt – allerdings auf friedlichem Wege. 
 
 Ebenfalls verbreitet ist in Usbekistan das Gedankengut des Wahhabismus, dessen Propagierung wie auch die Finanzierung der entsprechenden Moscheen von Saudi-Arabien aus unterstützt wird. Die Ideen des Wahhabismus haben jedoch in Usbekistan nicht viele Anhänger gefunden, da die Bevölkerung sich hierzulande zum größten Teil an die hanafitische Schule hält. 


 In jüngster Zeit ist häufig von einer weiteren extremistischen Organisation namens Nurdschular die Rede, die in ihrem Entstehungsland, der Türkei, ähnlich wie manch andere Gruppierung bereits verboten wurde. Nurdschular predigt panislamische und pantürkische Ideen und ruft zur Errichtung eines „Turanischen Reiches“ auf, das alle türkischsprachigen Völker von der Türkei bis China vereinen soll. Viele usbekische Intellektuelle unterstützen diese Idee mittlerweile.


 Tausende Anhänger dieser Organisationen sind in den letzten Jahren verhaftet und in Gefängnissen weggesperrt worden. Betroffen war auch so mancher friedliche Bürger, der überhaupt keine Verbindung zu radikalen Gruppierungen hatte, sondern nach der religiösen Unterdrückung der Sowjetzeit zum islamischen Glauben zurückkehren wollte. Für den Kampf gegen die Islamisten und andere politische Gegner hat sich Karimow mit einem sehr brutalen System der Verfolgung gerüstet, das dem System Stalins ähnelt. In den Gefängnissen leben die Inhaftierten unter unerträglichen Bedingungen – nicht selten erleiden sie Folter und brutale Schläge, häufig werden sie unzureichend mit Lebensmitteln versorgt. 

 Die Brutalität, mit der Karimow regiert, wird die Probleme des Landes jedoch nicht lösen. Im Gegenteil erhalten die Islamisten immer mehr Zulauf. Ursachen für diesen Zulauf sind sowohl die krasse Armut der Bevölkerung – zumal in der Provinz – als auch der Willkür der Behörden und die alles durchdringende Korruption. Auch die demokratische Opposition wird von Karimow unterdrückt und ist in den letzten Jahren erheblich geschwächt worden. Um auch die islamische Religion selbst unter seine Kontrolle zu bringen, hat Karimow verfügt, dass ein Studium des Islam nur noch an staatlich kontrollierten Universitäten möglich ist und dass der Islam ausschließlich in Moscheen gepredigt werden darf, die von der Regierung kontrolliert werden. Auch die traditionellen Stadtviertelkomitees sucht er in die Kontrolle des Islams einzuspannen. Ungeachtet des brutalen Vorgehens des Regimes Karimow ist und bleibt Usbekistan ein Pulverfass. Die Gefahr, dass bewaffnete Kämpfer aus Afghanistan ins Land eindringen, ist unverändert hoch. 
 
 Andere mittelasiatische Länder wiederum fürchten, der religiöse Fanatismus könnte aus Usbekistan auf ihr Territorium übergreifen. Um dies zu verhindern, überprüft man in Kasachstan seitens der Regierung sämtliche Imame und sucht die Verbreitung jener islamischer Strömungen, die dort nicht traditionell verankert sind, zu unterbinden. In Kirgisistan blickt man beunruhigt hinüber zum usbekischen Fergana-Tal, in dem die Menschen massenweise in Armut leben und die Neigung zum traditionellen wie auch zum extremistischen Islam am stärksten ist. Den Einfluss eines erstarkenden radikalen Islam fürchtet man auch in China, wo neben den nach Usbekistan orientierten Uiguren auch Kasachen, Tataren und einige andere muslimische Minderheiten leben. 


 Rabiat verfolgt wurden in den letzten Jahren auch Menschenrechtsaktivisten und Journalisten, die versuchen, die Wahrheit über das auszusprechen, was im Land vor sich geht. Obendrein hat Karimow einigen Menschenrechtsorganisationen wie beispielsweise Freedom House jede Aktivität im Land verboten. 


 Unter derart erschwerten Bedingungen versucht Europa nun seine Beziehungen zu Usbekistan zu verbessern. Usbekische Dissidenten ihrerseits fürchten, Europa könnte die gegen das Regime Karimow verhängten Sanktionen wie etwa das Waffenembargo gegen Usbekistan und das Einreiseverbot nach Europa gegen zwölf hohe Regierungsmitglieder des Landes lockern. Weil Russland und China an der Kontrolle über die Ressourcen Usbekistans interessiert sind, kann deren Einfluss Europa und den USA nicht gleichgültig sein. Grund zur Sorge sind die Sicherheitsverhältnisse und die Ausbreitung des Rauschgift- und Waffenhandels in dieser Region, der häufig von pseudoreligiösen Organisationen kontrolliert wird, die gemeinhin als „islamistisch“ bezeichnet werden. 


 Dennoch ist für Europa heute die Energiefrage wichtiger. Ein Europa, das in puncto Gas und Öl nicht zu stark auf Russland angewiesen sein will und sich außerdem bewusst ist, wie riskant eine Abhängigkeit von Energielieferungen aus den arabischen Ländern sein kann, ist gezwungen, sich nach alternativen Energiequellen umzusehen. Inwieweit die Länder Mittelasiens diese Hoffnungen Europas erfüllen werden, ist schwer vorherzubestimmen.
 

Aus dem Russischen von Andreas Bredenfeld 
 



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