Heute gibt es Reste!

von Tristram Stuart

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Es gibt über eine Milliarde hungernder Menschen auf der Erde, und doch werden zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Lebensmittel in Europa undNordamerika weggeworfen. In Deutschland allein landen elf Millionen Tonnen Lebensmittel statt beim Verbraucher auf dem Müll. Eine solche Menge an Nahrungsmitteln wegzuwerfen ist unmoralisch in einer Welt, in der so viele Menschen hungern und über 870 Millionen an chronischer Mangelernährung leiden. Was wir auf den Müll werfen, hat einen direkten Einfluss auf die Weltnahrungsreserven. Die Preise steigen und für hungernde Menschen wird es immer schwieriger, Nahrungsmittel zu kaufen.

Die Lebensmittelpreise in Deutschland sind zwischen Januar 2007 und Mai 2013 um zwölf Prozent gestiegen. Laut dem Spiegel hat sich die Zahl derjenigen, die kostenlose Mahlzeiten oder Lebensmittel gegen eine geringe Zuzahlung erhalten haben, auf 1,5 Millionen Menschen verdoppelt und die öffentlichen Tafeln haben Schwierigkeiten, die steigende Nachfrage zu bedienen.

Es ist nicht nur eine Frage des Hungers: Mit der Nahrungsmittelproduktion üben die Menschen den größtmöglichen Einfluss auf das natürliche Kapital der Erde aus. Wir vergrößern die landwirtschaftlich genutzten Flächen ständig, dringen bis in den Regenwald vor, um Nahrungsmittel anzubauen, die dann auf Bauernhöfen, in Fabriken, Lagerhäusern, Supermärkten, Restaurants und in den Haushalten weggeworfen werden. Betrachtet man die natürlichen Ressourcen, die bei der Nahrungsmittelproduktion verwendet werden, nämlich Land, Strom und Wasser, beginnt man zu verstehen, dass das, was wir wegwerfen, einen großen Einfluss auf die Fähigkeit unseres Planeten hat, das Leben auf ihm zu erhalten. Nahrungsmittelverschwendung hat einen direkten Einfluss auf den Klimawandel – zehn Prozent aller Treibhausgasemissionen entstehen durch die Produktion von Lebensmitteln, die niemand isst. Wäre die weltweite Nahrungsmittelverschwendung ein Land, hätte es den drittgrößten Treibhausgasausstoß nach den USA und China.

Wir alle sind schuld daran. Lebensmittelabfälle sind ein selbstverständlicher Teil des Nahrungsmittelsystems geworden und wir nehmen die Verschwendung einfach hin. Dabei ist die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung einer der einfachsten Wege, die Auswirkungen auf unsere Umwelt einzudämmen und die Nahrungsmittel dort bereitzustellen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
In Deutschland nehmen eine Reihe von Initiativen das Problem in Angriff. Über die Website foodsharing. de geben beispielsweise Einzelverbraucher oder Restaurants überschüssige Lebensmittel an öffentliche Tafeln ab. So kann jeder mithelfen, dass Essen nicht in den Müll gelangt.

Die kürzlich von Russland verhängten Importbeschränkungen für europäische Lebensmittel werden besonders die deutsche Lebensmittelproduktion und deren Überschuss betreffen. Im Zuge der Sanktionen können europäische Nahrungsmittel im Wert von schätzungsweise einer Milliarde Euro nicht an Russland verkauft werden. Ein Viertel des russischen Bedarfs an Schweinefleisch wird von deutschen Lieferungen gedeckt. Deutschland exportiert zudem mehr Lebensmittel und landwirtschaftliche Produkte nach Russland als jedes andere EU-Land. Deutsche Bauern fürchten, die neuen Sanktionen könnten dazu führen, dass Schweinefleisch, Obst und Gemüse im Wert von 595 Millionen Euro keinen stabilen Absatzmarkt finden.

Die Folge dieser Sanktionen wird, zumindest kurzfristig, ein Lebensmittelüberschuss sein, für den es keinen Absatzmarkt gibt. Die Berichterstattung sieht hier zumeist ein ökonomisches Problem, doch man sollte es auch aus dem Blickwinkel der Verschwendung betrachten. Die Situation bietet eine perfekte Gelegenheit, Lebensmittelhändler, Bauernvertretungen, Landwirtschaftsvertreter und Regierungen zu mobilisieren, sich dieses Problems anzunehmen.

Ganz Europa wird sensibler für die Verschwendung von Lebensmitteln und die Menschen reagieren darauf. Auch einige Regierungen erhören die Forderungen ihrer Bürger und setzen sich mit dem Problem des Nahrungsmittelüberschusses auseinander. So fanden sich beispielsweise 63 französische Abgeordnete parteiübergreifend zusammen und reichten einen Gesetzesentwurf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln ein. Die Abgeordneten sehen im Konsum die Geißel unserer Gesellschaften und setzten sich dafür ein, dass französischen Supermärkten verboten wird, wie bisher durchschnittlich 200 Tonnen Lebensmittel pro Jahr wegzuwerfen. Supermärkte mit einer Größe von mehr als tausend Quadratmetern sollen verpflichtet werden, übrig gebliebene Lebensmittel an öffentliche Tafeln zu spenden.

Wie sieht es bei unverzehrbaren Lebensmitteln aus? Statt sie auf die Mülldeponie zu bringen, sollten diese Lebensmittel an Schweine verfüttert werden, sodass aus ihnen neue Lebensmittel gemacht werden können. Die Kampagne, überschüssige Lebensmittel an Schweine zu verfüttern, haben wir mit unserer Organisation „Feeding the 5.000“ ins Leben gerufen. Wir Menschen verfüttern unsere Essensreste seit vielen Tausend Jahren an Schweine. Unsere Kampagne setzt sich einerseits dafür ein, dass legal zulässige Nahrungsmittel wie Gemüse, Molke und Treber, also Malzrückstände aus der Bier- und Weinproduktion, verfüttert werden dürfen.

Wir wollen insbesondere das EU-Gesetz kippen, das im Zuge der Maul- und Klauenseuche eingeführt wurde. Essensreste wurden als Infektionsherde erkannt und dürfen seitdem nicht an Schweine verfüttert werden. Ohne das Gesetz könnten Lebensmittelreste in Restaurants besser entsorgt und der versteckten Lebensmittelverschwendung Einhalt geboten werden. Schweine werden heutzutage mit Getreide gefüttert, das sich für die Ernährung von Menschen eignet. Der größte Anteil an Tierfutter besteht aus Soja, das in Südamerika angebaut wird, wofür wiederum der Regenwald in alarmierendem Ausmaß abgeholzt wird. 97 Prozent der weltweiten Sojaproduktion wird für Tierfutter verwendet, Europa importiert vierzig Millionen Tonnen Sojamehl pro Jahr. Deutschland produziert 13 Prozent des europäischen Schweinefleisches und könnte eine führende Rolle einnehmen und die Verfütterung von Resten an Schweine fordern, anstatt auf Sojaschrot zurückzugreifen.

In den landwirtschaftlichen Betrieben ist die Verschwendung von Lebensmitteln oft unsichtbar, aber der Anteil an Lebensmittelmüll ist gigantisch. Zwanzig bis vierzig Prozent des Gemüses und Obstes in Großbritannien werden ausgemustert, noch bevor es die Läden erreicht, meistens weil die strengen Schönheitsstandards der Supermärkte nicht erfüllt werden. Das sogenannte Gleaning Network stellt sich diesem Problem, indem es freiwillige Helfer in die Landwirtschaftsbetriebe schickt, die jene Produkte ernten, die die Bauern nicht verkaufen können. Sie werden öffentlichen Tafeln gespendet, die sie wiederum an Bedürftige verteilen. Im ersten Jahr seines Bestehens hat das Netzwerk über fünfzig Tonnen Lebensmittel in Großbritannien gerettet, was 625.000 Portionen frischen Obsts und Gemüses entspricht.

Unser Ziel ist es nicht nur, die Lebensmittel umzuverteilen, sondern den Markt für Lebensmittel mit Schönheitsmakeln zu verändern. Schönheitsstandards sollten abgeschafft werden und die Händler sich auf den Bedarf an missförmigem Obst und Gemüse einstellen. Dieser Prozess hat schon begonnen, und es gibt Unternehmen, die bereits umdenken. Die französische Supermarktkette Intermarché verkauft „hässliches Obst und Gemüse“ um dreißig Prozent billiger. Der Spot „Inglorious Fruits and Vegetables“ ist mit vier Millionen Klicks auf YouTube ein internationaler Hit. Die National Farmers Union in Großbritannien schätzt, dass im Jahr 2012 300.000 Tonnen Obst und Gemüse zusätzlich aufgrund der gelockerten Schönheitsstandards verkauft wurden und dass unförmiges Obst und Gemüse der am schnellsten wachsende Produktionssektor ist.

Wir brauchen Transparenz, um klar erkennen zu können, was wo weggeworfen wird und welche Schritte nötig sind, um dies einzudämmen. Eine systematische Veränderung wird es nur geben, wenn die Gesellschaft die Verschwendung von Lebensmitteln nicht mehr akzeptiert und nach Maßnahmen seitens der Unternehmen und Regierungen verlangt. Dieser Prozess hat bereits begonnen, muss aber so schnell wie möglich weitergehen. Unser Planet kann es nicht länger ertragen, dass essbares und schmackhaftes Essen in einem solchen Ausmaß verkommt.

Aus dem Englischen von Anja Kootz



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