Kauf' dich beim Bauern ein

Maria Bjune, Hanne Torjusen

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Ein norwegischer Landwirt verdient gerade einmal 20.000 Euro im Jahr, obwohl das durchschnittliche Jahresgehalt in Norwegen 380.000 Kronen, etwa 47.000 Euro, beträgt. Nur vierzig Prozent der in Norwegen konsumierten Lebensmittel werden von der Binnenwirtschaft produziert. Und Konsumenten verlangen zunehmend nach lokal und organisch produzierten Lebensmitteln. Drei norwegische Realitäten. Doch wie bringt man sie zusammen? Wie kann die wachsende Abhängigkeit des Landes von Lebensmittelimporten aufgehalten, die Existenz lokaler Landwirte gesichert und gleichzeitig die Nachfrage der Konsumenten gedeckt werden?
Diese Fragen stellte man sich zu Beginn der Jahrtausendwende auch in der Norwegischen Gesellschaft für Entwicklung (Norges Vel) – und antwortete in Form eines staatlich unterstützten, landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramms. Es war die Geburtsstunde der sogenannten „Community- supported agriculture“ (CSA), der solidarischen Landwirtschaft in Norwegen. Solidarische Landwirtschaft, das steht für eine alternative Art der Kooperation zwischen Lebensmittelerzeugern und Konsumenten. Das Konzept entstand Mitte der 1960er-Jahre unabhängig voneinander in Deutschland und Japan. In Japan riefen Lebensmittelskandale Verbraucherschutzorganisationen auf den Plan; in Deutschland wurde die Initiative von der biologisch-dynamischen Bewegung inspiriert, die zu neuen Idealen in der Landwirtschaft, unter anderem aktiver Naturpflege, und neuen Formen des sozialen Zusammenlebens aufrief.
Im Kern bedeutet solidarische Landwirtschaft, dass Konsumenten Anteile an der Produktion eines Bauernhofes kaufen, statt nur dessen Endprodukte zu erwerben. Sie zahlen vorab einen abgesprochenen Betrag an die Betreiber des Hofes – entweder einen Festpreis im Frühjahr oder Ratenzahlungen über das ganze Jahr – und dürfen als Gegenleistung eine bestimmte Menge der Ernte abnehmen. So teilen sich Produzenten und Konsumenten die Vor- und Nachteile etwaiger Produktionsschwankungen. Privatpersonen profitieren von frischen, lokalen Lebensmitteln und können sich mit den Landwirten auf weitere Qualitätsmerkmale verständigen, zum Beispiel eine organische Produktion. Die Landwirte wiederum profitieren von der regelmäßigen Einkommensquelle und der direkten Zulieferung der Produkte an den Endverbraucher. Der Grundsatz ist, dass wir alle Landwirte sind, die einen aktiv, die anderen passiv.
In Norwegen hat die Zahl der Gemeinschaftshöfe seit der Initiative von Norges Vel ständig zugenommen. Heute gibt es bereits zwölf Versorgungsgemeinschaften, von denen mehr als tausend Menschen versorgt werden. Der erste und noch immer größte norwegische Gemeinschaftshof ist Øverland Andelslandbruk in der Nähe von Oslo. Seine 347 Mitglieder sind in einer Kooperative organisiert, das heißt sie mieten Land für den Anbau von Obst und Gemüse und beschäftigen Landarbeiter sowie einen Projektmanager. Ein Mitglied zahlt etwa 250 Euro im Jahr und kann im Gegenzug mehr als fünfzig verschiedene Gemüse-, Kräuter- und Blumenarten ernten. Was zu welchem Zeitpunkt reif ist, darüber werden die Teilhaber in einem wöchentlichen Rundbrief informiert.
Die Mitglieder schätzen nicht nur das frische Essen, sondern auch den sozialen Aspekt des Projekts. Sie lernen meist viel über Essen, Land- und Farmwirtschaft, über Dinge, mit denen andere Konsumenten niemals in Kontakt kommen. Als solidarische Landwirte können Menschen im besten Fall dazu beitragen, die politische Agenda der Regierungen zu verändern, denn die solidarische Landwirtschaft ist eine radikale Alternative zur konventionellen Vermarktung von Lebensmitteln. Es ist aber auch eine innovative Form des Dialogs zwischen Produzenten und Konsumenten, eine Stütze für die Produktion von organischen Lebensmitteln und ein Grundpfeiler einer frischen und vielfältigen Ernährung.

Aus dem Englischen von Kai Schnier



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