Das Märchen vom bewussten Konsum

Armin Grunwald

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Heute glaubt man, Nachhaltigkeit sei unsere persönliche Sache. Als Konsumenten gehen wir einkaufen, fahren Autos und verbrauchen Strom. Das bringt ökologische Probleme mit sich. Als deren Verursacher sollten wir also zur Beseitigung dieser Probleme beitragen und unseren persönlichen Konsum nachhaltiger gestalten. Niemand kann heute sagen, er oder sie habe von den durch den eigenen Konsum verur­sachten Umweltproblemen nichts gewusst.

Es ist jedoch naiv und verniedlicht die Herausforderung der Nachhaltigkeit, zu glauben, wir könnten durch bewusstere Ernährung, weniger Fernreisen und Mülltrennung globale Probleme lösen. Unser Konsumverhalten schwankt und ist abhängig von Lebensstilen und Modewellen. Damit ein veränderter Konsum substanziell zur Nachhaltigkeit beitragen kann, müssten alle mitmachen, weltweit.

In Deutschland und anderen Industrienationen ist der nachhaltige Konsum jedoch weitgehend auf bildungsbürgerliche Schichten beschränkt. In Ländern mit stark wachsendem Wohlstand wie China, Indien oder Brasilien dominiert der wenig nachhaltige American Way of Life. Angesichts neuer Lebensqualitäten wird man ihnen dies kaum verdenken können.

Selbst wenn viele Menschen sich ökologisch bewusst verhalten, führt dies nicht unbedingt zu wirksamen Effekten. Es ist unsinnig, in einem wasserreichen Land wie Deutschland Wasser zu sparen. Sinnvoll wäre es, auf Lebensmittel zu verzichten, deren Herstellung in wasserarmen Weltregionen massiv Wasser verbraucht und die dortige Wasserknappheit verschärft. Wir können uns jedoch nicht umfassend in alle globalen Zusammenhänge einarbeiten.

Außerdem könnte das Verursacherprinzip – was wir anrichten, müssen wir auch bereinigen – nur funktionieren, wenn wir autonom konsumieren würden. Wir tun dies aber nicht in einem abs­trakten Raum voller Handlungsfreiheit, sondern in einer realen Gesellschaft. So beeinflussen politische Bedingungen, Steuern, die Rechtslage und Wirtschaftsstrukturen unser Konsumverhalten.

Diese politischen Rahmenbedingungen müssen geändert werden, da sie uns bislang wenig nachhaltige Optionen nahegelegt haben. Änderungen müssen öffentlich diskutiert und für alle verbindlich gemacht werden, damit sie ihre Kraft entfalten können. Als Verbraucher sind wir gefragt, im Alltag verantwortlich zu handeln. Als Bürgerinnen und Bürger eines Gemeinwesens tragen wir ebenso Verantwortung dafür, wie unsere Gesellschaft geregelt wird. Dazu gehört eben auch die Einführung nachhaltigkeitsförderlicher Rahmenbedingungen für den Konsum.

Das rückt die Bürger als politische Akteure in den Mittelpunkt. Wir können Druck auf Institutionen ausüben, damit sie relevante gesellschaftliche Bereiche ökologisch umbauen. Oft nehmen einzelne Personen und Gruppen Vorreiterrollen ein. Dies kann zum Beispiel in politischen Parteien erfolgen, aber auch durch Engagement auf öffentlichen Plattformen, in Dialogen und den Medien. In den 1970er-Jahren entstanden mit der Umweltbewegung in der Bundesrepublik Initiativen auf lokaler Ebene, damals häufig als „Öko-Spinnerei“ abgetan. Dennoch zeigten diese Initiativen, dass in Richtung alternativer Energien „etwas geht“. Das trug dazu bei, dass 1990 der Vorläufer des heutigen Erneuerbare-Energien-Gesetzes in Kraft gesetzt wurde. „Von oben“ wurde also der Rahmen geschaffen, in dem sich der heutige Boom der Erneuerbaren entfalten kann.

Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben in solchen Prozessen eine besondere Verantwortung. Sie müssen bereit sein, den nichtnachhaltigen Status quo zu hinterfragen. Das bedeutet, experimentierfreudig in Bezug auf neue Modelle guten Lebens zu sein anstatt jede Kritik am Wachstumsparadigma als unsinnig oder gar gefährlich abzutun. Der Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft kann nur ein gemeinsamer Lernprozess sein.

Die Beschränkung auf eine rein individuelle Konsumentenverantwortung allerdings macht blind für die öffentliche und politische Dimension der Nachhaltigkeit.

 



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