Pornos in der Lehmhüttte

Tim Samuels

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Globalisierung - ein Begriff so allgegenwärtig, dass er beinahe seine Bedeutung verloren hat. Ja, unsere internationalisierten Leben sind eng ineinander verwoben. Natürlich, wir konsumieren und arbeiten global, wollen unsere Produkte in der ganzen Welt verkaufen und selbst im Winter exotische Früchte essen. Doch wie sehr sind wir uns der Konsequenzen dieser internationalen Verzahnungen wirklich bewusst?

Ich erkannte sie dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte: in einem kleinen Dorf im nördlichen Ghana. Einem Ort ohne Stromversorgung, mit strohbedeckten Lehmhütten, Frauen in traditionellen Kleidern und umherlaufenden Ziegen - einer völlig unpassenden Kulisse für die Geschichten, die mir die jungen Männer des Dorfes anvertrauen sollten.

Einmal im Monat brachten die Männer einen Generator in das Dorf. Mit dem Strom schlossen sie einen Projektor an und verwandelten eine der staubigen Hütten in ein behelfsmäßiges Kino. Die Besonderheit: Hier, mitten im Nirgendwo, wurden keine Spielfilme, sondern ausschließlich raubkopierte Pornos aus Los Angeles gezeigt. Private Pornovorführung am Ende der Welt - ein Auswuchs unserer globalisierten Zeit so skurril, dass man darüber schmunzeln könnte. Doch die Konsequenzen der Filmabende im Dorf waren alles andere als lachhaft.

Die örtlichen Stammesmänner hielten Selbstbefriedigung für frevelhaft. Das führte dazu, dass es nach den Vorführungen zu sexuellen Übergriffen auf Frauen kam. Männer, in deren Köpfen sich die anstößigen Bilder nackter Haut und filmreifer Sexszenen abspulten, zogen durch die Straßen. Jungen in gefälschten Fußballshirts erzählten mir von "schlaflosen Nächten voll von Gedanken an Sex" als Folge der Kinoabende, von Vergewaltigung als "Befriedigung sexueller Lüste", von kleinen Brüdern, die ausgeschickt wurden, um Frauen für große Brüder heranzuschaffen.

Die Mienen der Frauen im Dorf verfinsterten sich, wenn sie nach den Auswirkungen der Pornos in ihrem Dorf gefragt wurden. Eine Frau berichtete, dass der Anfang der Filmvorführungen vor drei Jahren auch das Ende ihrer dreißig-jährigen Ehe bedeutet hätte. Eine andere sprach davon, dass die Männer nicht mehr zu befriedigen seien, seit die Pornofilme Einzug ins Dorf gehalten hätten. Langjährige Bünde und Beziehungen zwischen Menschen - zerrissen von einer gebrannten DVD.

Und die negativen Konsequenzen sind noch vielschichtiger. In den Pornos fehlt jegliche Darstellung von Safer Sex. Im "Westen" produzierte Pornofilme sind längst wieder zu kondomfreien Zonen geworden, und während man beim europäischen und amerikanischen Zielpublikum unter Umständen einen gewissen Grad an sexueller Aufklärung voraussetzen kann, trifft das in viel geringerem Maße auf die Konsumenten in Ghana zu. Die Folgen sind oft tödlich. In Accra traf ich zwei Männer, die angaben, viele Pornos zu schauen und nie sexuelle Aufklärung erhalten zu haben. Kein Wunder, dass sie das auf dem Bildschirm Gesehene - oder besser gesagt Nicht-Gesehene - ohne Nachfrage kopiert hatten. "White is right", sagte einer der Männer in Bezug auf die Sexpraktiken kaukasischer Pornodarsteller. Die Hardcore-Sexstreifen waren ihre einzige Informationsquelle bezüglich "richtiger" oder "falscher" sexueller Praktiken. Heute sind beide Männer HIVpositiv. Für den Kampf gegen HIV/AIDS in Ghana sind die Folgen des Pornokonsums in der Tat verheerend. Ein AIDS-Kommissar bekundete mir gegenüber, dass die Verbreitung westlicher Pornos das Potenzial habe, alle bisher erreichten Erfolge komplett zunichtezumachen. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Bevor ich Ghana verließ, traf ich einen jungen Mann, der mir erzählte, dass er eine Produktionsfirma in Kalifornien angeschrieben habe, um Pornodarsteller zu werden. Er - selbst noch Jungfrau - hatte sogar ein Selbstporträt in halbnackter Pose mitgeschickt. Mangels Postanschrift gab er die lokale Kirche als Rücksendeadresse an. Er mochte die Filme und er glaubte an seine Chance. Ich für meinen Teil vermute, dass die der Globalisierung nachgesagte Kraft, Träume wahr werden zu lassen, auch in diesem Fall versagen wird.

Aus dem Englischen von Kai Schnier



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