Einfach Spitze!

Toms Ancitis

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Vom Eingang des Schulgebäudes bis zum Büro von Zane Ozola führt ein lauter Weg. In der Garderobe, über den Flur, auf den Treppen - überall hört man Kinderstimmen und das Tippeln kleiner Schritte. Wenn man ins Ozolas Büro tritt und die Tür hinter sich zumacht, wird es plötzlich still. Hier kann man ruhig denken und arbeiten. Doch Zane Ozola sitzt nie den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch. Sie geht raus, in den Lärm, um sich mit den Kollegen zu unterhalten. Ab und zu betritt sie auch eine Klasse, um ihr Fachgebiet, die lettische Sprache und Literatur, zu unterrichten.

Eigentlich müsste sie das gar nicht. Ozola ist keine einfache Lehrerin, sondern die Rektorin der Privatschule Patnis mit über 500 Schülern in der lettischen Hauptstadt Riga. Unter ihrer Leitung arbeiten rund hundert Mitarbeiter. Und Ozola ist kein Einzelfall: Die Frauenquote in Führungspositionen ist in Lettland viel höher als im EU-Durchschnitt. Rund 41 Prozent aller Leitungsposten in dem kleinen Land mit zwei Millionen Einwohnern ist in weiblicher Hand - in der ganzen EU kann nur das Nachbarland Litauen mit einem ähnlichen Anteil mithalten. Auch ganz an der Spitze des baltischen Landes finden sich selbstverständlich Frauen: Laimdota Straujuma ist Ministerpräsidentin und Soltiva Aboltina Vorsitzende des lettischen Parlamentes.

"Ich bin daran gewöhnt, dass Frauen wie Männer behandelt werden. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es auch anders sein könnte", sagt Zane Ozola. Als sie vor zwanzig Jahren die Privatschule gründete, war die heute 44-Jährige erst 24. "Wo immer ich hingegangen bin, spürte ich Misstrauen: ,Ein so junges Mädchen? Was weiß sie überhaupt?' Gerade deswegen, weil ich von anderen mehr ernst genommen werden wollte, habe ich einen Doktortitel in Pädagogik erworben." Während sie ihre Dissertation schrieb, hat sie nicht nur ihre Schule geleitet, sondern auch drei Kinder auf die Welt gebracht. Nur mit Babys zu Hause sitzen konnte sie sich aber nicht vorstellen: "Warum? Weil ich in der Sowjetzeit geboren wurde." Die Idee der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen wurde damals als Teil der kommunistischen Ideologie besonders gefördert. Auch die Teilung in "männliche" und "weibliche" Berufe sollte aufgehoben werden. Eine Frau, die einen großen Traktor fährt, eine Frau, die in einer Fabrik schwere, schmutzige Arbeit erledigt - das waren geläufige Motive auf den staatlichen Plakaten. "In meiner Kindheit wurde es als normal betrachtet, dass die Kinder schon mit zwei Jahren morgens in den Kindergarten gebracht wurden und Väter und Mütter zur Arbeit gingen", erzählt Zane Ozola: "Als ich studierte, wurde mir schnell klar, dass ich sowohl eine Karriere haben wollte als auch eine eigene Familie."

Die sowjetische Ideologie ist sicherlich der Hauptgrund, warum heute in allen drei baltischen Ländern so viele Frauen Führungspositionen bekleiden, allerdings nicht der einzige, meint Roberts ??lis, ehemaliger lettischer Bildungsminister und Professor für Sozialanthropologie. Die Gleichheitsidee der Sowjetunion habe nirgendwo besser gefruchtet als im Baltikum. "Weil wir hier die richtigen Bedingungen hatten", erklärt ??lis. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war die Gleichheit von Mann und Frau auf dem Gebiet des heutigen Lettland weiter vorangeschritten als anderswo in Europa: Zwar besuchten mehr Männer als Frauen die Schule, aber "es gab keine besonderen Männerschulen, im Prinzip gab es schon damals bei der Ausbildung keine Geschlechtertrennung", betont ??lis. 1917 erhielten Frauen in Lettland das Wahlrecht. Das Sowjetregime brachte die Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert weiter voran.

??lis macht noch einen weiteren Faktor für den hohen Anteil von Frauen an der Spitze von Unternehmen aus: Die meisten Firmen in Lettland seien noch sehr jung. Keine Firma, außer einigen staatlichen Monopolfirmen, die schon in der Sowjetzeit funktionierten, sei älter als 20 bis 25 Jahre, so ??lis. Als junge Unternehmen seien sie dynamisch, bisweilen ein wenig chaotisch, die Leitungen der Unternehmer wechselten oft und es gebe keine Traditionen, wer sie führen sollte: Mann oder Frau? "Es ist sozusagen ziemlich egal. Man denkt darüber überhaupt nicht nach", sagt ??lis. Gerade deshalb hält der Anthropologe eine gesetzliche Frauenquote nicht nur für unnötig, sondern meint, die Frauen würden sich durch die Einführung einer solchen beleidigt fühlen, weil man sie dann auswähle, weil sie Frauen und nicht weil sie fähig seien.

Zane Ozola widerspricht dem: Durch eine Quote würde sie sich nicht beleidigt fühlen. Ein anderes Problem sei aber wichtiger: Die Frauen in den Führungspositionen verdienten auch im frauenfreundlichen Lettland weniger als Männer, und das müsste man ändern, davon ist die Rektorin überzeugt.

 



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