Klare Grenzen ziehen

von Ahmed Abd-Elsalam

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


In der altägyptischen Mythologie verkörpert die Göttin Isis Treue, Liebe, und Schönheit. Sie war die Göttin der Geburt, der Wiedergeburt, aber auch die Todesgöttin. Ihr Name besteht aus zwei Silben: "Is", (Thronsitz), und "et" (Brotlaib). Die Altägypter, die Griechen und die Römer verehrten Isis als eine Göttin, die das Leben und die Macht vereinte. Das Leben regierte. Mit der Verbreitung des Islam geriet der Mythos von Isis und ihrem Gatten Osiris in Vergessenheit und wurde erst in der Moderne als Epos der ägyptischen Nationalliteratur neu geboren. Er symbolisierte den Kampf Ägyptens für seine Unabhängigkeit, wobei Isis Ägypten, Osiris den Staat und ihr gemeinsamer Sohn Horus das Volk verkörpern sollten.

Nun, 1.400 Jahre nach der Verbreitung des Islam, erwacht der Mythos von Isis wie Phönix aus der Asche. Die postmoderne Isis ist jedoch real, fassbar und erschreckend. Der "Islamische Staat von Irak und Syrien" (ISIS) ruft nach Blut und verbreitet Schmerzen. Er zerstört alles Schöne und verbietet es im Namen Gottes, der diesmal Allah genannt wird. Seine Nation nennt er Umma, seinen Staat Kalifat und seine Söhne, seine Kämpfer, Mujaheddin. Er schafft sich eine so exklusive Religion, zu der nicht einmal andere Muslime gehören dürfen, und nennt sie Islam. Seine Anhänger erkennen keine religiösen Autoritäten außer sich selbst an, sodass sogar radikale islamistische Organisationen sich von ihm distanzieren. Islamische religiöse Autoritäten sind empört, dass ISIS, der sich nun IS, "Islamischer Staat", nennt, Terror sät. Doch man dürfe den IS nicht als "islamisch" bezeichnen.

Muslimische Jugendliche würden dadurch verwirrt und könnten denken, der IS wolle nationalistische Gefühle wecken, um die "Islamische Nation", also Umma, aufzubauen und den "Islamischen Staat", also das Kalifat, wiederherzustellen. Doch das ist genau das, was aus der Sicht traditioneller religiöser Gelehrter der Traum aller Muslime sein sollte und das, was sie ihren Schülern weitergeben, während sie sich weigern, religiöse Texte neu zu lesen und kritisch zu betrachten. Islamische Geschichte, wie sie jungen Muslimen bislang gelehrt wird, vermittelt ein romantisches Bild von Tod und Blut, von Schmerzen und Schlachten. Der IS kann nicht durch die Behauptung, seine Taten seien "unislamisch", entzaubert werden.

Denn solche Taten finden sich in jedem islamischen Geschichtsbuch und in jedem Werk des islamischen Rechts. Der IS kann nur durch eine neue Betrachtung islamischer Geschichte und die Relektüre der religiösen Texte des Islam entzaubert werden. Viele Menschen in der arabischen Welt wenden sich zwar aufgrund negativer Erfahrungen mit gescheiterten säkularen Nationalstaaten im Nahen Osten der Religion zu. Doch die Religion wird von politischen Kräften genau wie vom IS nur instrumentalisiert und letztlich missbraucht. Alle, die argumentieren, man müsse der arabischen Welt einen eigenen Weg in die Moderne zugestehen, übersehen, dass wir nicht mehr auf abgeschiedenen Inseln, sondern in einer stark vernetzten Welt leben. Auch der Islam gehört inzwischen zum Westen - viele Muslime leben in Europa und den USA - und wir befinden uns in ständigem kulturellen und wirtschaftlichen Austausch. Dennoch regieren im Nahen Osten bis heute Herrscher und Regime, die sich auf überkommene Ideologien berufen, die die Sphären von Religion und Staat nicht trennen. Vor 200 Jahren war es vielleicht plausibel, dass man Gemeinschaften isoliert leben lässt, ungeachtet dessen, woran sie glauben und an welche Regeln sie sich in ihrem lokalen Umfeld halten.

Doch die Maxime ist für die globalisierte Welt nicht mehr tragbar. Wir müssen uns auf gemeinsame Werte verständigen, brauchen weltweite Standards, die besagen, was richtig und was falsch ist. An einer Säkularisierung der arabischen Welt führt deshalb kein Weg vorbei. Der erste Schritt ist es, die Religion als eine der Institutionen innerhalb eines Staates neben anderen zu begreifen. Stabile Staaten können nur entstehen, wenn die Regierenden zwischen den verschiedenen Institutionen und Akteuren, der Religion und Vertretern liberaler Kreise, ein Gleichgewicht herstellen. Zwar kann die Religion im arabischen Raum nicht übergangen werden, aber der Westen darf nicht auf den Diskurs der Islamisten eingehen - damit würde er sie legitimieren. Wir müssen vielmehr eine klare Grenze markieren: Die Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Ohne ernst gemeinte islamische theologische Reformen gibt es keine Gemeinsamkeiten als erforderliche Basis für einen Dialog mit dem Westen und ohne eine neue islamische Theologie, die humanistisch orientiert ist, gibt es für den Weltfrieden keine Hoffnung; was bleibt, ist, dass der Tod regiert.



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