Eigenen Überzeugungen gerecht werden

von Nader Hashemi

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Der "Islamische Staat von Irak und Syrien" (ISIS) ist eine extremistische sunnitische Sekte, die wenig damit zu tun hat, wie die allermeisten Muslime ihren Glauben leben. Es wäre allerdings ein Fehler, die ideologische Anziehung, die das Konzept von einem "islamischen Staat" im erweiterten Sinne auf einige Muslime ausübt, zu ignorieren. Diese Anziehung ist aufs Engste damit verbunden, dass das Verhältnis zwischen Religion und Politik historisch anders als im Westen erfahren wurde. Die Ursprünge unseres modernen westlichen Verständnisses der Trennung zwischen Staat und Kirche liegen im 16. und 17. Jahrhundert, dem Zeitalter der Reformation und der Religionskriege. Gelehrte wie John Locke und Pierre Bayle vertraten den Standpunkt, dass Toleranz und sozialer Frieden vereinbar wären, unter der Voraussetzung, dass wir nach Locke, "das Regierungsgeschäft von dem der Religion aufs Genaueste trennen". So entstand ein politischer Säkularismus als direkte Folge der frühmodernen Religionskonflikte.

Muslimische Gesellschaften sind von ganz anderen Erfahrungen geprägt worden: In der islamischen Welt hat es nie größere Religionskriege gegeben, ebenso wenig wie Auseinandersetzungen über Toleranz. Religion war hier während der frühmodernen Epoche häufig ein Mittel, um politische Tyrannei in Schach zu halten. Eine Art sozialer Vertrag zwang Sultane und Kalifen, im Austausch gegen eine politische wie religiöse Legitimation ihrer Herrschaft, die von muslimischen Gelehrten aufgestellten Grenzen zu respektieren und ihre autokratischen Ambitionen zu bändigen.

Religion wird heute von breiten Bevölkerungsschichten als mögliche Vermittlerin von Stabilität und Vorhersehbarkeit und als Gegengewicht zu politischer Macht gesehen. Dies erklärt bis zu einem gewissen Grad, warum religiöse Institutionen und Anführer unter Muslimen größere Unterstützung erfahren als in westlichen Gesellschaften. Im Zuge der Moderne haben außerdem die negativen Erfahrungen mit postkolonialem Autoritarismus einen tiefgreifenden Einfluss auf die arabisch-islamischen Gesellschaften gehabt. Die zahlreichen Modernisierungsprojekte und politischen Systeme, die aus der Dekolonialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgingen, wurden häufig im Namen eines säkularen arabischen Nationalismus legitimiert. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren die meisten daraus hervorgegangenen Staaten wie Tunesien, Syrien oder Irak ebenso repressiv wie wirtschaftlich ruiniert. Für eine ganze Generation von Arabern und Muslimen wurden Diktatur, Unterdrückung, Korruption und Vetternwirtschaft zu Synonymen einer erschütternd negativen "säkularen" Wirklichkeit. Die Hinwendung zum Islam als alternativer Quelle politischer Inspiration und Hoffnung war eine natürliche Folge.

Umfragen zufolge lehnen die meisten Muslime die Auffassung ab, dass Demokratie zwangsläufig Hand in Hand mit einer westlichen Form des Säkularismus gehen müsse. Ebenso unterstützt eine deutliche Mehrheit die Idee, dass die Scharia zumindest eine Quelle für die Gesetzgebung sein sollte. Während solche Überzeugungen ein westliches Publikum schockieren, ergeben sie aus der Perspektive muslimischer Geschichtserfahrung soziologisch wie politisch durchaus Sinn. Bis heute hatten die Gesellschaften des Nahen Ostens noch keine Gelegenheit, die Abgrenzung von Moschee und Staat demokratisch auszuhandeln. All das hebt die Relevanz jenes Konzepts hervor, das Shmuel Eisenstadt als "multiple Modernen" bezeichnet hat. Verschiedene Gesellschaften, so Eisenstadt, fänden ihren eigenen Pfad zur Moderne, ohne dabei notwendigerweise die Modernisierungserfahrung des Westens zu reproduzieren. Die Modernisierung dieser Gesellschaften wird davon abhängen, inwiefern sie sich mit ihren eigenen historischen Erfahrungen und kulturellen Referenzen arrangieren. Die demokratischen Kräfte in der muslimischen Welt werden sich zwei großen Herausforderungen stellen müssen: einerseits, einen politischen Säkularismus innerhalb der islamischen Politiktheorie theologisch zu rechtfertigen, und andererseits, das negative Erbe des postkolonialen, autoritären Säkularismus zu überwinden.

Die bestmögliche Politik des Westens gegenüber der islamischen Welt besteht darin, dass dieser seinen selbst proklamierten Werten gerecht wird. Einerseits nimmt der Westen für sich in Anspruch, die Menschenrechte zu verteidigen, gleichzeitig unterhalten seine Länder enge Beziehungen mit autoritären Regimen im Nahen Osten wie dem Königshaus Saud in Riad. Dieser doppelte Maßstab befeuert den Islamismus und unterminiert demokratische Kräfte im arabischen Raum. Die westliche Politik sollte darauf ausgerichtet sein, starke Zivilgesellschaften zu fördern und repressive Regime dazu zwingen, die Menschenrechte sowie demokratische Prinzipien zu respektieren. Muslimische Gesellschaften müssen die Freiheit erhalten, grundlegende politische Normen ihrer Gesellschaften, auch das Verhältnis von Religion und Politik, basierend auf einem demokratischen Konsens zu debattieren und neu zu verhandeln.

Aus dem Englischen von Constantin Hühn



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