Liberalismus

von Nick Srnicek

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Bereits in der Einleitung zu seinem neuen Buch „Liberalism. The Life of an Idea“ weist Edmund Fawcett darauf hin, wie uneindeutig, ja zwiespältig der Begriff „Liberalismus“ sein kann. Es ginge um mehr als nur „Liberty“, ein Konzept, auf das die Ideen liberaler Politiker und Denker oft reduziert wurden. Im Lauf der Geschichte hat liberales Gedankengut viele Konnotationen bekommen. 1814 beschrieben die Spanier mit „Liberalismus“ die Rückkehr zu einer konstitutionellen Regierungsform, die die überhandnehmende Monarchie eindämmen sollte. Als liberaler Abgeordneter gründete Hermann Schulze-Delitzsch 1849 in Preußen die ersten Handwerker-Genossenschaften. In Zeiten der „Arbeiterfrage“ verhalf er damit dem mittelständischen Handwerk zu mehr Eigenverantwortung. In den USA hingegen ist „liberal“ heutzutage fast ein Schimpfwort, das man „willensschwachen“ und „politisch Korrekten“ an den Kopf wirft. Das Verständnis liberaler Ideen hat große Veränderungen durchlaufen, die Fawcett, ein langjähriger Autor des Economist, in seinem Buch untersucht.

Liberale Strömungen erkennen, dass die innere Logik sozialer Konflikte zu Problemen führen kann, sie misstrauen Machtkonzentrationen, glauben an Fortschritt und respektieren menschliche Vielfalt. Vor diesem Hintergrund schildert Fawcett in seinem Buch vier Epochen der Liberalismusgeschichte: eine Phase des Wachstums und der Hoffnung von 1830 bis 1880, gefolgt von einer turbulenten Periode mit anschließender Konsolidierung von 1880 bis 1945, eine sehr erfolgreiche Entwicklung von 1945 bis 1989, und schließlich den aktuellen Status voller neuer Bedrohungen.

Entlang dieser Perioden beschreibt Fawcett auf fesselnde und unparteiische Weise, wie sich die Ideologie zuerst weit verbreiten konnte. An Schlüsselfiguren wie Woodrow Wilson, dem 28. Präsidenten der USA, der von 1913 bis 1931 regierte, zeigt er eindrücklich die Entstehung und Weiterentwicklung liberaler Ideen. Er befasst sich mit den Debatten innerhalb verschiedener Strömungen und schreckt nicht vor den dunkleren Auswüchsen zurück, wie dem wirtschaftlichen Imperialismus, den liberale Politiker heute oft befördern.

Fawcett arbeitet gelungen die ständig wiederkehrenden Argumente der Debatte über den Liberalismus he­raus, die auch heute noch allgegenwärtig sind. So führe eine liberale Demokratie zu untragbaren Staatsausgaben und ihre Vorteile blieben auf die Gebildeten, also die besitzenden Klassen, beschränkt. Darin spiegelt sich auch die Frage, wie man den Willen des Volkes in freiheitlich-individualistische Ideen übersetzen kann. Politisch werden diese Fragen jedoch immer schon im Rahmen liberaler Eckpfeiler wie Individualismus, Freiheit, Eigentum und Markt diskutiert – das sind große Themen, die oft weit von der Lebensrealität vieler Menschen entfernt sind. Indem diese Eckpfeiler als Prämissen an die Diskussion angelegt werden, gelten sie schon als gegeben und werden nicht auf ihre Realitätstauglichkeit hin befragt.

Für das Buch spricht, dass Fawcett nicht in die Erzählung der traditionellen Geschichtsschreibung verfällt. Demnach entfaltet ein verwirklichter Liberalismus eine unaufhaltbare Kraft der Freiheit und bedeutet das Ende der Geschichte. So sah das zum Beispiel Francis Fukuyama. 1992 vermutete er, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seien liberale Demokratien auf dem besten Wege alle verbliebenen Widersprüche aufzulösen. Offensichtlich ging die Geschichte aber weiter.

Dennoch hat diese Erzählung – jene des Liberalismus selbst und wie Fawcett sie beschreibt – an zwei wichtigen Stellen Schwachpunkte: beim Umgang mit der ersten Krise des Liberalismus im späten 19. Jahrhundert und in der Betrachtung seiner seit dem Anfang des 21. Jahrhunderts aufkommenden neuen Krise.

Die erste große Liberalismuskrise nahm ihren Anfang im späten 19. Jahrhundert. Die deutsche Nationalliberale Partei war beispielsweise bis zur Reichsgründung im Jahre 1871 eine antreibende politische Strömung, die als wichtigsten Programmpunkt die Einigung des Reiches vorsah. Nach der Gründung verlor sie an Integrationskraft und verlegte sich unter anderem auf den Ausbau des Justizsystems. Mit der Zeit zerfielen die Liberalen in immer mehr Splitterparteien, die sich an verschiedene Ideen klammerten, um ihr Profil zu schärfen. So setzten sie Fortschritt beispielsweise mit Imperialismus gleich. Ein Widerspruch des Liberalismus war es, zu verkennen, dass mit steigender Freiheit und Individualität des Einzelnen oder einer Nation Repressionen in anderen Weltgegenden entstehen können. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die liberale Ideologie wirklich neu starten. Doch auch mit dem Neuanfang, dem Wiederaufbau Europas, blieben die Widersprüche.

Anhand Fawcetts Buch lassen sich zwei große Unklarheiten über den Liberalismus beleuchten, die auch seine Grenzen deutlich machen: die Verwirrung Liberaler darüber, wie politische Macht funktioniert und wie der Kapitalismus agiert. Ersteres führt zu einem Unverständnis, wie politischer Fortschritt möglich ist, und Letzteres dazu, dass die materialistischen Dynamiken verkannt werden, die die eigentlichen Bedingungen für den Liberalismus bilden. Diese blinden Flecken werden besonders in Krisenzeiten des Kapitalismus deutlich.

In den 1970er-Jahren stagnierte die Wirtschaft weltweit und rutschte in eine Krise. Der Neoliberalismus war eine Reaktion auf diese Dynamik. In Großbritannien waren beispielsweise Gewerkschaften die Sündenböcke, die zu viel Lohn einforderten, was angeblich zu Inflation und Arbeitslosigkeit führte. Unternehmen bezahlten zu viel, Arbeitnehmer leisteten zu wenig – so die Logik. Die Macht der Arbeiter musste gebrochen werden, damit wieder Rentabilität entstehen konnte, doch diese gründete sich nur auf – wie wir heute wissen – steigende Schuldenlast und anschwellende Finanzen. Der „alte“ Liberalismus, der im Prinzip auch gerechte Bezahlung für gerechte Arbeit forderte, biss sich hier selbst in den Schwanz.

Hier liegen unter anderem die Grundlagen seiner aktuellen Krise. Der neoliberale Kapitalismus hat sich als unfähig erwiesen, breit gefächertes Wachstum, Stabilität und steigende Lebensstandards zu ermöglichen. Seit den 1970er-Jahren erleben viele westliche Länder stagnierende Lohnverhältnisse, steigende Schulden und ein immer langsameres Wachstum. Die Finanzkrise ab 2008 hat diese Stagnation offengelegt. Auch in wirtschaftlich rasant erstarkten Nationen wie China bringt der Aufschwung bei Weitem keinen breiten Wohlstand für alle. Wenn der Erfolg liberaler Programme auf wachsendem materiellen Gewinn basiert, auf einer stabilen Mittelklasse, dann sind die gegenwärtig drohende Stagnation und zunehmende Ungleichheit die Bedingungen für ihr Scheitern. Die aktuelle Liberalismuskrise kann deswegen nicht ohne Verweis auf kapitalistische Dynamiken verstanden werden.

In einem vielsagenden Satz im Bezug auf die erste Krise des Liberalismus schreibt Fawcett: Der „Kompromiss mit der Demokratie war ein Preis, dem sich der Liberalismus auslieferte, um den Kapitalismus zu retten“. Heute sind wir möglicherweise in einer ähnlichen Situation und man sollte sich die Prioritäten des liberalen Weltbildes klar vor Augen halten: Kapitalismus vor Demokratie. Hier liegt ein enormes Konfliktpotenzial. Nicht umsonst sind erstarkte faschistische Bewegungen wie die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland oder die offene Enttäuschung über repräsentative Demokratien auch Tendenzen, die direkt mit Fehlleistungen im Umgang mit der Krise seit 2008 in Verbindung stehen. Liberale Ideen sind überall auf der Welt unter Beschuss.

Wo Fawcett die Zusammenhänge brillant beschreibt, fehlt es manchmal an erklärender Schärfe. Da er sich auf die Hauptdenker der Liberalismusgeschichte konzentriert, kommen zwei wichtige historische Akteure zu kurz: das Kapital und die Menschen. Fawcett zufolge besteht das Problem liberaler Krisen vorrangig darin, dass sich der Liberalismus mit der Demokratie einigen muss, indem er breitere Ansichten in die liberale Ordnung einfließen lässt. Seine Krisen entstehen jedoch insbesondere in den Schwächephasen der kapitalistischen Wirtschaft und durch die Spannungen zwischen liberaler Ökonomie und der Umsetzung liberaler Ideen in politisches Handeln. Sie werfen Fragen auf, wie die Marktordnung angesichts von Arbeiterrevolten, Ungleichheiten, Armut, Monopolen und neuen Forderungen nach Mitspracherecht aufrechterhalten werden können.

An manchen Stellen räumt Fawcett ein, dass Klassenkonflikte von maßgeblicher Bedeutung für das Erreichen des Wohlfahrtsstaates und die Ausweitung der Demokratie gewesen seien. Wenn man noch genauer hinschaut, erkennt man, dass die Erfolge des Liberalismus oft das Ergebnis von Arbeiterbewegungen, Frauenbewegungen und Entkolonialisierungsbewegungen waren.

Nicht selten haben sich Liberale dem, was wir heute als den historischen Fortschritt betrachten, aktiv widersetzt. Die Errungenschaften des liberalen Wohlfahrtsstaates waren weithin das Verdienst von anderen Kräften außerhalb des Liberalismus, wie den Erfahrungen der Großen Depression und des Zweiten Weltkriegs, dem Sozialismus, der sich quer durch Europa zog, einer starken Arbeiterbewegung und einer wachsenden kommunistischen Kraft in der Sowjetunion. Auch im Rahmen des Civil Rights Movement in den USA der 1960er-Jahre forderte ein radikaler schwarzer Nationalismus gemäßigte Kräfte heraus, weiter zu gehen, als sie ohne diesen Druck gegangen wären. Damit Fortschritt in der Welt Zugkraft entwickeln konnte, war schon immer eine linke Bewegung notwendig – und die fehlt in der Eigendynamik des Liberalismus.

Die erhoffte Auflösung aller Widersprüche durch den Liberalismus hat sich offenkundig nicht eingestellt. Vielmehr zeigen die liberalen Innenperspektiven, die Fawcett aufbereitet, wie sehr in der liberalen Ideenwelt bereits tiefe Widersprüche angelegt sind. Zwar hat der Neoliberalismus vorerst Krisen des Kapitalismus lösen können. Doch wer die Dynamik ignoriert, die er freigesetzt hat, übersieht, was einem gemäßigten Liberalismus im Weg steht. Zudem hatte der Tod der programmlosen Linken in der westlichen Welt zur Folge, dass niemand den Liberalismus in eine gemäßigte linke Position ziehen könnte. Der Neoliberalismus wird also vorerst bleiben. Und der Traum eines moderaten Liberalismus ist eben genau das: ein Traum.

Letzten Endes liefert „Liberalism. The Life of an Idea“ eine interessante und hervorragend lesbare Sicht auf die Geschichte liberaler Praxis. Es enthüllt schließlich auch, wo der Liberalismus als Weltmodell an seine Grenzen stößt. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft liegt möglicherweise allein bei einer lebensfähigeren Linken, die sich liberale Ideen aneignen und sie zeitgemäß umwerten könnte. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Liberalism. The Life of an Idea. Von Edmund Fawcett. Princeton University Press, Princeton, 2014.
Aus dem Englischen von Annalena Heber



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