Jeden Monat Blut

Carmen Eller

Kauf ich. Ein Heft über Konsum (Ausgabe IV/2014)


Im sechsten Schuljahr teilt sich die Klasse: in Mädchen mit und ohne Busen. Erstere sehen auf Letztere herab. Modesta gehört zum zweiten Lager. Sie weiß schon, wie man Binden bastelt, aber noch nicht, wozu. Die Handarbeitslehrerin verteilt einfach Scheren und Schnittmuster. Dann schneiden die Schülerinnen Bahnen aus Baumwollgewebe.

Die erste Periode kommt als Schock. Mitten im Englischunterricht rinnt Modesta das Blut über die Beine. In ihrem Büro klärt Schwester Gerda sie auf: „Von jetzt an wird dieses Blut dich jeden Monat daran erinnern, dass du nur eine Frau bist.“

Diese Worte spricht die katholische Nonne in einem Mädcheninternat, das auf einem knapp 2500 Meter hohen Berg liegt. Das jüngste Werk von Scholastique Mukasonga heißt wie diese Einrichtung: „Die Heilige Jungfrau vom Nil“. Der Roman führt ins Ruanda der 1970er-Jahre und ist von zwei großen Themen bestimmt: vom Rassismus und der Rolle der Frau.

Zentraler Schauplatz ist die ruandische Schule, die im Jahr der Unabhängigkeit, 1962, erbaut wurde. Sie liegt an der Quelle des Nils und ist umgeben von einer hohen Ziegelmauer. Nachts postieren sich bewaffnete Wächter am eisernen Tor. Was wertvoll ist, will bewacht sein: Hier lernt die weibliche Elite des Landes, Mädchen mit hohem Marktwert.

Zum Beispiel Gloriosa, genannt „die Kolossin“. Eine Schülerin mit imposanten Schultern und ideologischer Denke. „Auf zwanzig Schülerinnen zwei Tutsi, das ist also die Quote, und wegen der haben Freundinnen von mir, echte Ruanderinnen, (...) in der Schule keinen Platz mehr bekommen.“ So lästert das Hutu-Mädchen zu Beginn des Romans über die „Quoten-Tutsi“. Am Ende ruft sie zu deren Ermordung auf.

Die Autorin Mukasonga, die 1956 in Ruanda geboren wurde, erfuhr schon als Kind Diskriminierung und Gewalt im Zuge des ethnischen Konflikts. 1973 wurde sie nach Burundi ins Exil vertrieben, seit 1992 wohnt sie in Frankreich. Beim Völkermord in Ruanda 1994 verlor sie einen Großteil ihrer Familie.

Mukasongas viertes Buch erzählt episodenhaft aus dem Alltag der Eliteschule und entlarvt nebenbei die Doppelmoral der christlich geführten Institution. Die Mädchen werden sexuell missbraucht – vom weißen Pater Herménégilde. Der notgeile Geistliche bittet Schülerinnen einzeln in sein Büro, „das gleichzeitig auch sein Schlafzimmer war“. Dort müssen sie ihre Schuluniform ausziehen – um gespendete Kleider anzuprobieren, wie er scheinheilig erklärt. Während der Pater die verschreckten Mädchen begafft, versichert er: „Die Augen eines Priesters kennen keine Sünde.“

Der Leser lernt in diesem Buch viel über Rassismus in Ruanda und koloniale Hochmut. Aber auch über Riten, Kulte und die perfekt gegrillte Banane. Sogar eine Regenmacherin gehört zum Romanpersonal – „runzelig wie eine vertrocknete Maracuja“. Für 500 Francs bewahrt sie Menschen vor Blitzschlägen. Und mischt für das Mädchen Immaculée ein Mittel, damit sie ihren Liebsten auf ewig an sich binden kann.

Die Lektüre lohnt sich. Doch oftmals wirken Figuren wie bloße Repräsentanten von Ideologien und Idiotien. Wie eben Gloriosa, die Machtgier verkörpert und rohen Rassismus. Gleichwohl sind die den Menschen in den Mund gelegten Worte eindrücklich. Virginia, eine der schikanierten „Quoten-Tutsi“, bilanziert gegen Ende des Romans bitter, „dass die Tutsi keine menschlichen Wesen sind“, sondern „Ungeziefer und Schlangenbrut, Schädlinge aller Art; und bei den Weißen sind wir die Helden ihrer Legenden“.

Mukasonga eröffnet erschreckende Einblicke in eine Mädchenwelt, die sich anfangs noch um die Frage nach dem Busen dreht. Am Ende beginnt eine Treibjagd auf Menschen. Tutsi oder Hutu? Die falsche Antwort ist tödlich.

Die heilige Jungfrau vom Nil.
Von Scholastique Mukasonga. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 2014.



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