Fremd bis zur Unheimlichkeit

von Sigrid Löffler

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Nein: Eine starke Frau wird man Rosie Carpe nicht nennen können. Sie ist das glatte Gegenteil der Heldinnen, die Marie NDiaye, die französische Autorin und Dramatikerin senegalesischer Herkunft, in dem Roman „Drei starke Frauen“ porträtiert hat (was ihr den Prix Goncourt 2009 eintrug). Und doch entfaltet Rosie Carpe, dieses orientierungslose, antriebsschwache und moralisch träge Kleinbürgermädchen, in ihrer Apathie eine derart provozierende Wirkung auf den Leser, dass die Auszeichnung des Romans mit dem Prix Fémina 2001 auch heute, bei der verspäteten, aber umso eindringlicheren Rezeption Marie NDiayes im deutschen Sprachraum, durchaus nachvollziehbar erscheint.

In „Rosie Carpe“, ihrem achten Roman, dessen deutsche Ausgabe lange vergriffen war und nun in einer Neuauflage wieder zugänglich ist, erzählt Marie NDiaye von einer Familie aus der französischen Provinz, den Carpes, und dekonstruiert deren inneres und äußeres Leben mit vivisektorischer Kälte und Präzision. In dieser Familie ist der Generationenvertrag außer Kraft gesetzt – infolge Lieblosigkeit, sozialer Inkompetenz und seelischer Verwahrlosung. Die gefühlsstumpfen und desinteressierten Eltern haben ihren Kindern Rosie und Lazare keinerlei Lebensziele anzubieten. Sie werfen sie mit achtzehn Jahren aus dem Nest und verweigern jede weitere Verantwortung für ihre Sprösslinge. Diese scheitern umgehend, driften ins Abseits und verelenden sukzessive – körperlich, seelisch und sozial.

Aus Lazare wird ein haltloser Gauner und Betrüger, der sogar für eine kriminelle Karriere zu untalentiert ist. Er endet als Räuber und Totschläger. Auch Rosie, die Titelheldin, geht verloren. Sie schafft es nicht, aus eigenem Antrieb zu leben: Sie wird gelebt. Lethargisch, wehrlos und wie betäubt nimmt sie hin, was ihr im Leben zustößt – und das ist wenig Gutes. Sie hat nicht die Kraft, etwas daran zu ändern, geschweige denn, etwas aus sich zu machen. Sie jobbt in einem schäbigen Pariser Vorstadthotel, wird alsbald von ihrem verheirateten Chef geschwängert und lässt geschehen, was auch immer dieser über sie und ihren kraftlosen, kränklichen Sohn Titi verfügt. Erst als sie völlig am Ende ist, gibt sie einem Fluchtimpuls nach.

Im Hauptteil des Romans führt Marie NDiaye diese zerrüttete Familie aufs Unheilvollste wieder zusammen. Auf unterschiedlichen Wegen sind die Carpes auf die französische Karibikinsel Guadeloupe gelangt. Rosie ist ihrem Bruder auf die Insel gefolgt: Er soll sich nun, da sie erneut schwanger ist, ohne zu wissen, von wem, um sie kümmern. Doch auch Lazare ist am Ende: ohne Job, ohne Geld, ohne Aussichten. Die Eltern Carpe ihrerseits wollen als wohlhabende Rentner in sonniger Verantwortungslosigkeit auf der Insel ein zweites, sexuell enthemmtes Leben beginnen. Die Carpes sind sich fremd bis zur Unheimlichkeit: Meist erkennen sie einander gar nicht, wenn sie sich begegnen. Hier, auf Guadeloupe, ist Marie NDiaye ganz in ihrem pessimistischen Element. In diesem üppigen exotischen Ambiente voll lähmender Hitze und tropischer Fäulnis inszeniert sie ein postkolonial aufgeladenes Melodram. Sie zieht den Carpes systematisch den Boden unter den Füßen weg, um herauszufinden, wozu ihre Protagonisten fähig sind, wenn sie nichts mehr zu verlieren haben und am Abgrund stehen, wenn Ich-Sucht auf Verzweiflung, Wut und Panik trifft.

Auf Guadeloupe darf sich der „White Trash“ aus Frankreich gegenüber den schwarzen Einwohnern als Inselherrscher gebärden. Überdeutlich werden die Carpes als Prototypen neokolonialer europäischer Verkommenheit kenntlich gemacht. Gezeigt wird, wie abgewirtschaftet in ihrem weltzerstörenden Egoismus die Weißen sind, verglichen mit den moralisch überlegenen, verantwortungsbewussten, adretten Schwarzen. Dies ist Marie NDiayes Kunstgriff: Sie konfrontiert die grässlichen Carpes in ihren zerfallenden Sozialbindungen mit einer integrativen Gegenfigur, indem sie als positive Gestalt einen schwarzen jungen Inselbewohner einführt, einen wahren Ausbund an Tugend, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit. Er ist die dunkel schimmernde, edle Folie, vor der sich die Carpes in ihrer Verderbtheit umso greller abheben.

Marie NDiaye spinnt den Leser ein in eine Sprache der sozialen Kälte, verstärkt durch eindrückliche, gelegentlich drastische symbolische Bilder. Ihre psychologischen Tiefenbohrungen ziehen den Leser in den Bann und sind geeignet, seinen Widerwillen gegen diese unerquicklichen Figuren zum faszinierten Grauen über so viel Amoral und gleichgültige Bosheit zu steigern.

Rosie Carpe. Von Marie NDiaye. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011.



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