Nach 9/11

von Hamed Abdel-Samad

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Es ist schwer, einen Bogen zwischen Ground Zero in New York und dem Tahrir-Platz in Kairo zu schlagen. Es sei denn, man ist Fotograf. Kate Brooks tut dies in ihrem beeindruckenden Bildertagebuch „Im Licht der Dunkelheit“, obwohl sie kein einziges Bild vom zerstörten World Trade Center in Manhattan zeigt. Dennoch kann man fast jedes Bild in diesem Band „Ground Zero“ nennen. Auch der Titel „Gravität“, Schwerkraft, wäre dafür passend.

Die US-amerikanische Fotografin machte sich nach dem 11. September 2001 auf eine zehnjährige Reise durch die islamische Welt. Ihre Eindrücke aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Libanon, Libyen und Ägypten sind meist farbenscheu. Durch ihre eigensinnige Ästhetik vermitteln die Bilder eine subtile Melancholie und eine multidimensionale Düsterkeit. Die 1977 geborene Fotografin entgeht jedoch der naheliegende Versuchung, die Kriegswelt in Opfer und Täter zu unterteilen. Der moralische Zeigefinger bleibt unten. In ihren Bildern steht auch nicht die Natur im Mittelpunkt, sondern der nackte Boden, die Erde, in der Menschen verwurzelt sind und an der sie verzweifeln.

Ganz sicher ist „Im Licht der Dunkelheit“ kein Bilderbuch für „Orientliebhaber“. Es fehlen die üblichen warmen Farben, die Wasserpfeifen in den Cafés, die gedrängten Touristenbazare und die lächelnden, bettelnden Kinder. Es fehlen der strahlend blaue Himmel und die stimmungsvollen Sonnenuntergänge. Es ist aber auch kein Buch für Kriegslüsterne. Denn trotz der zum Teil bedrückenden Kriegsszenen und der grausamen Bilder von Opfern, ist es in erster Linie ein Buch über die Menschen und deren Erde.

Die Künstlerin verzichtet allem Anschein nach ganz bewusst auf die übliche Ästhetik der Fotografie. Man gewinnt den Eindruck, die meisten Bilder seien aus der Perspektive einer Katze oder eines kriechenden Menschen aufgenommen worden. Es sieht manchmal sogar so aus, als hätte der Boden die Bilder selbst geschossen. Einheimische Frauen, Männer und Kinder, westliche Soldaten und Kriegsgeräte, Häuser und Flüsse, Gräber und Mohnpflanzen scheinen das gleiche Schicksal zu teilen: Alle sind durch die Schwerkraft an den Boden gekettet und haben kaum Zugang zum Horizont. Sogar das Minarett von Dscham in einem Dorf in Afghanistan wird nicht gezeigt, wie es in den Himmel ragt, sondern erscheint als großer Nagel, der fest in die Erde gerammt wurde. Auch hier sieht man mehr Boden als Himmel.

Brooks fotografisches Tagebuch lebt von verwandten und dennoch widersprüchlichen Bildern: US-Soldaten blicken vom Kampfflugzeug aus auf eine menschenleere, karge Hindukusch-Landschaft, im nächsten Bild sitzen viele Menschen auf demselben Boden, essen und gehen ihrem Alltag nach. Afghanische Frauen warten in einer Schlange vor einem Wahllokal und werden dabei von einem afghanischen Polizisten hinter einer halb geschlossenen Tür beinahe ängstlich beobachtet. Auf das Bild einer gesichtslosen Frau, die Opfer eines Säureanschlags in Islamabad wurde, folgt das Bild eines freizügigen pakistanischen Supermodels. Junge Demonstrantinnen schwenken die libanesische Flagge und tanzen in einem verschwommenen Bild wie in Trance während der Zedernrevolution in Beirut 2005. Im nächsten Bild rettet ein junger Mann einen brennenden Koran aus den Trümmern, die ein israelischer Luftangriff 2006 in derselben Stadt hinterlassen hat. Der Boden im zerstörten Beirut erinnert stark an den Ground Zero. In der Erde klafft eine offene Wunde, die niemals heilt. Es scheint, als wären die ganzen Übel aus dem Boden selbst herausgebrochen und nicht vom Himmel gefallen. Und wieder Szenenwechsel, ebenfalls aus der Katzenperspektive: Junge Männer beobachten entzückt zwei Mädchen beim Table-dance in einem Nachtklub in der libanesischen Hauptstadt.

Auch der Tahrir-Platz ähnelt in Brooks Bildband der Terrorgrube von New York. Keine fröhlichen Demonstranten oder witzigen Plakate werden gezeigt, sondern junge Männer, die Steine sammeln, die sie aus dem Boden des Platzes herausgelöst haben, um sich gegen die angreifenden Mubarak-Anhänger zu wehren.

Die Innenbilder dieses fotografischen Tagebuchs sind meist düster und erinnern an Platons Höhle. Ob Burka-Frau oder Model, gesunde oder kranke Männer, ob Kindersoldaten oder US-Streitkräfte, alle scheinen in einer Höhle gefangen zu sein und sind nicht imstande, etwas außer dem eigenen Schatten zu sehen. Allen ist der Weg zum natürlichen Licht versperrt. Die farbenfrohsten Bilder zeigen ironischerweise den Boden, wie er Feuer fängt oder von Blut übergossen wird. Das einziger Panoramabild, das nicht aus der Katzenperspektive geschossen wurde, ist das von den betenden Muslimen auf dem Tahrir-Platz, wie sie sich auf den Boden niederwerfen, ein Bild, das an das Muster eines orientalischen Teppichs erinnert es ist eine Hommage an den Hauptakteur dieses Bildbandes: den Boden.

In fast allen Bildern ist ein ungleicher Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Erde und Himmel zu spüren, den die Schwerkraft am Ende unwillkürlich gewinnt. Meist wird der Himmel nur hinter großen Rauch- oder Sandwolken gezeigt oder er wird von der starken Präsenz des Bodens überschattet. Nur im allerletzten Bild erleben wir eine Umkehrung: Es kommt zu einer gerechten Verteilung, ja zu einer Umarmung: Himmel und Erde, Blau und Schwarz bekommen genau die gleiche Fläche. Nur liegt der Boden oben und der Himmel darunter. Auf den dunklen Boden sind einige Namen und eine Grußbotschaft auf Arabisch geschmiert: Willkommen im freien Libyen. Aber auch hier ist die Schwerkraft stark am Werk: Die schwer entzifferbaren Worte verflüssigen sich in weinende Buchstaben und fallen wie Bluts- oder Regentropfen auf den blauen Himmel herab.

Es ist die Hauswand eines Militärstützpunkts in der Stadt Ras Lanuf, die in Blau und Schwarz gestrichen wurde, die diesen gelungenen Abschluss eines außergewöhlichen Bildermarathons bildet. Am Ende bleibt mir, den Lesern eine Empfehlung mit auf den Weg zu geben: Seht euch erst alle Bilder an, bevor ihr die interessanten Tagebucheinträge der Fotografin lest. Denn nur so lässt man es zu, dass man sich auf seine eigene Reise ins dunkle Licht begibt.

Im Licht der Dunkelheit. Ein fotografisches Tagebuch seit 9/11. Von Kate Brooks. Benteli, Bern, 2011.



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