„Der neue deutsche Wanderzirkus“

von Georg Blume

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Oh, wie sie alle begeistert sind, unsere Teilnehmer der Deutschlandjahre im Ausland! Sie schwärmen, wie es dort menschelt zwischen den Kulturen – in Biergärten und Veranstaltungspavillons. Sie entdecken dort ihren Sinn für „direkte Begegnungen“, wie es eine Kuratorin dieses neuen Kulturproduktes „Made in Germany“ ausdrückt. Es gibt im Rahmen dieser Veranstaltungsreihen in fernen Ländern für jeden etwas, sogar frisch importierten Deutschrock für die Jugend und Minilabore von BASF für die ganz Kleinen. Da kann sich jeder wohlfühlen. Deutschlandjahr, das ist der neue deutsche Wanderzirkus auf Welttournee unter Direktor Westerwelle.

„Warum muss deutsche Außenkulturpolitk immer so kompliziert sein?“, fragen die Showmaster im Auswärtigen Amt. Sie glauben, etwas neu erfunden zu haben: Das Deutschlandjahr gilt ihnen als eine Chance für den Noch-Nicht-Weltbürger in Schwellenländern unserem Land sprungartig näher zu kommen. Oft zieht der Zirkus nicht durch die Hauptstädte, sondern durch die Provinz von Ländern wie China, Vietnam und Indien. Bald auch nach Russland, Brasilien und Indonesien.

Ihr Gepäck ist dabei immer das gleiche: eine Konzertbühne, ein Biergarten, schmucke, bunte Pavillons der deutschen Großkonzerne und ein obligatorisches Kulturzelt für die ernsteren Begegnungen. Meistens herrscht dann acht Tage lang deutsche Fußgängerzonenatmosphäre im Zentrum einer von der Globalisierung kulturell entleerten Provinzstadt. Wenn man die Besucher danach fragt, finden sie das Deutschlandjahr natürlich toll. Sie sagen: „Das macht kein anderes Land in unserer Stadt.“ Und kosten tun die Veranstaltungen auch nichts – es zahlt der deutsche Steuerbürger. So sind am Ende alle froh. Besonders die deutschen Veranstalter entzückt ihre eigene Popularität in der fernen Provinz.

In Wirklichkeit aber hinterlässt der deutsche Wanderzirkus außer Wohlgefühl nicht viel. „Einmalig, aber es geschieht leider nur einmal“, ist das Deutschlandjahr-Fazit einer chinesischen Philosophin, die das Programm begleitete. Sie freute sich für ihre Provinzstädte, dass sie auch einmal etwas geboten bekamen. Doch sie bemerkte auch, dass nichts hängen blieb. Die Veranstalter boten für chinesische Gäste zum Beispiel ABC-Kurse an einem Nachmittag als Einstieg in den Deutschunterricht an. Doch wo sollen die Leute später weiterlernen? Nur online? Das Deutschlandjahr hat eben Event-Charakter und ist damit genau das Gegenteil von der langsamen, gründlichen Aufbauarbeit der Goethe-Institute etwa im Sprachunterricht.

Eben diese Goethe-Institute verpflichtet Zirkusdirektor Westerwelle nun zum Mitmachen beim Deutschlandjahr. In China, wo mit Michael Kahn-Ackermann ein ausgebuffter Goethe-Chef die Federführung hatte, ging das noch halbwegs gut, weil gerade dieser Chef das künstlerisch-organisatorische Chaos beherrschte. Allerdings gefiel das den teilnehmenden Konzernen nicht, die, vertreten durch ihre Interessenverbände wie den Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, bisher als gleichberechtigte Akteure bei den Deutschlandjahren aufgetreten sind. Also wird im Falle Brasiliens nun den deutschen Handelskammern im Ausland die Regie angedient. Wir können uns denken, was die Folge dieser Entscheidung des Auswärtigen Amts sein wird: noch mehr Leistungsschau statt kreativen Goethe-Happenings.

Genau hier liegt das Problem der Show: Sie inszeniert Deutschland als flüchtiges Kultur- und Wirtschaftserlebnis. Die Nachhaltigkeit, etwa im erwähnten Sprachunterricht, wird als Angebot ins Internet verlegt. Dabei darf man sich über die Sogwirkung des Zirkus keine Illusionen machen: Er wird die etablierte, kontinuierliche Außenkulturpolitik aushöhlen.

Dabei geht auch der Austauschcharakter dieser erprobten Politik verloren. Events haben keine Zeit für Austausch, sie bieten Programm. Als ein chinesischer Kulturbeamter nach dem Deutschlandjahr in China gefragt wurde, ob sein Land jetzt nicht ein Chinajahr in Deutschland veranstalten wolle, antwortete dieser: „Natürlich würden wir das gerne tun. Wir würden auch gerne eine Show machen und uns selbst darstellen. Nur: Wir Chinesen können das nicht tun. Wir geraten dann immer unter den Zwang der Selbstrechtfertigung.“ Der Beamte spielte damit natürlich auf die Probleme an, die der Einparteienstaat China mit seiner Selbstdarstellung im demokratischen Deutschland hätte. Doch im Grunde lieferte er auch eine allgemeingültige Kritik: Show und Selbstdarstellung sind meistens identisch.

Damit aber reihen sich die Deutschlandjahre ein in die Tradition der belehrenden deutschen Außenkulturpolitik, obwohl wir Deutschen von den Schwellenländern selbst viel lernen könnten. Das ist der größte Makel dieser Zirkustournee: Die Schwellenländer kommen leider nicht zu uns. Dabei muss es der deutschen Außenkulturpolitik heute eigentlich wesentlich darum gehen, gerade bei uns daheim den Blick auf Länder wie China, Indien und Indonesien zu öffnen. Stattdessen fahren Deutschlands Botschafter lieber mit Biergärten um die Welt.



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