Avantgarde und Alltag

von Oskar Piegsa

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Laur Kaunissaare spricht Europäisch: fließend Englisch, akzentfrei Deutsch, manchmal beides auf einmal. „Soundscapes sind gerade ein Cutting-edge-Thema“, sagt der estnische Kurator beim Stadtrundgang durch Tallinn: „Wir machen aber auch viel zu Sustainability und öffentlichem Raum.“ Der 29-Jährige, der mit seiner verstrubbelten Frisur und kurzen Hose sehr jugendlich wirkt, arbeitet im Team des Kulturhauptstadtjahres 2011. Wie viele seiner Kollegen steht er für das neue Tallinn. „Cutting edge“ zu sein, also im europäischen Kunstdiskurs vorn mit dabei, ist ihm wichtig. Jahrhundertelang war Tallinn eine europäische Stadt – bis die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg Estland besetzte, Zehntausende Esten nach Sibirien deportierte und das Land nach Westen hin abschottete. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs holt Estland wieder auf: Das Heimatland von Skype hat viel in seine Internet-Infrastruktur investiert und zum Jahreswechsel als erstes neues EU-Mitglied den Euro eingeführt. Nun ist die kulturelle Vernetzung dran.

Ein dröhnender Bass unterbricht Laur Kaunissaare: Soundcheck im Theater NO99. In dunklen Stufen hebt sich der vom Architekturbüro Salto entworfene Bau in den Regenhimmel. Was es mit den klangdurchlässigen Wänden auf sich hat, bemerkt man erst auf den zweiten Blick: Das kantige Theater ist fast ausschließlich aus Stroh errichtet. „Der teuerste Teil war die schwarze Farbe für die Außenwände“, sagt Intendant Tiit Ojasoo, der mit seinen 33 Jahren kaum älter wirkt als Kaunissaare: „Unser Theater ist regenfest, nicht entzündlich und hat eine tolle Akustik.“ Die Idee, ein Theater aus Stroh zu bauen, spielt mit der Reetdach-Architektur des Ostseeraums. Zugleich erinnert das Gebäude an die Arbeiten des britischen Künstlers Richard Long, der strenge geometrische Formen aus Materialien wie Schlamm oder Schiefer gestaltet.

Wie Longs „Berlin Circle“ verbindet das NO99 die Idee der Nachhaltigkeit mit der Formsprache der Minimal Art – Erstere befreit es vom Image der schlaffen Öko-Ästhetik, Letzterer verhilft es zu neuer Dringlichkeit. Nach der Spielzeit soll das Theater abgerissen, zusammengefegt und kompostiert werden. Bis dahin sind die 250 Plätze laut Ojasoo bereits fast jeden Abend ausverkauft. „Zu Sowjetzeiten war das Theater wichtig, weil man dort kritisch sein konnte“, sagt er. „Heute geht es um Zeitgeist. Wir wollen nur Stücke zeigen, die uns sehr gut gefallen.“ Dafür hat er Gastspiele vom Berliner Theatertreffen und dem Festival d’Avignon organisiert, Stoffe von David Foster Wallace und Christoph Schlingensief, Auftritte der Gruppen Gob Squad und She She Pop. Mit 17 Millionen Euro hat Tallinn eines der niedrigsten Kulturhauptstadtbudgets aller Zeiten, unter anderem, weil die Finanzkrise Estland hart getroffen hat. Die Kreativität und internationale Ausrichtung des Programms haben darunter aber nicht merklich gelitten.

Eine Kulturhauptstadt soll Menschen verschiedener Länder zusammenbringen und die Vielfalt des Kontinents zeigen, so fordert es die Europäische Kommission seit 2008 von je einem älteren und einem neuen EU-Mitgliedsland pro Jahr, die jeweils intern eine Stadt auswählen. Tallinn konnte sich als Kulturhauptstadt 2011 gegen das kleinere Tartu durchsetzen, zeitgleich behauptete sich die südfinnische Stadt Turku gegen Helsinki. Mit den beiden Ostseeanrainern Estland und Finnland sind erstmals zwei Nachbarländer nominiert und zwei Hafenstädte, die kaum hundert Seemeilen voneinander entfernt sind. Verbunden werden sie durch ihre Geografie, ihre Geschichte – und nicht zuletzt durch die Fähren der Tallink Silja Line, die jeden Tag zwischen 16.000 und 38.000 Menschen durch die Ostsee schaffen: zum Beispiel estnische Arbeitskräfte nach Finnland und schwedische, finnische und deutsche Touristen nach Estland.

Die Folgen dieser Art der europäischen Integration sind in Tallinn nicht zu übersehen: Keine hundert Meter kann man in der possierlichen Altstadt laufen, ohne ein mit Bernstein verhängtes Schaufenster zu passieren oder von kostümierten Touristenneppern in Kneipen gelockt zu werden. Wer sich darauf einlässt, zahlt fünf Euro für einen halben Liter Bier – in einem Land, dessen durchschnittliches Monatseinkommen 2010 knapp unter 800 Euro lag. Voll wird es in der Innenstadt immer dann, wenn die Kreuzfahrtschiffe anlegen. Dann fließen Touristenmassen durch die Stadt, zäh und unnachgiebig, immer dem erhobenen Wimpel der Stadtführer nach. Ein paar Stunden später legen die Fähren wieder ab. Wenn abends in Hafennähe die „Helsinki Burlesque Bar“ und der „Venus Club“ ihre Leuchtschriften anknipsen, ist Tallinns Innenstadt wie ausgestorben.

Das will Liina Guiter ändern. Sie ist zuständig für den „Kulturkilometer“, einen frisch aufgeschütteten Kiesweg, der von der Altstadt bis zur Baustelle des Maritimen Museums an der Meeresküste führt. „Wenn es keine städtische Hafenpromenade gibt“, sagt sie, „dann müssen wir uns eben selbst eine bauen.“ Die 31-Jährige erinnert sich noch an die Zeit, als die estnische Küste gleichbedeutend war mit der Außengrenze der Sowjetunion. Hier reihten sich militärische Einrichtungen an Industrieanlagen – Sperrgebiet für Zivilisten. Kaum war Estland in die Freiheit und freie Marktwirtschaft entlassen worden, wurde das Gelände größtenteils privatisiert. Es entstanden einige Luxushäuser mit Meerblick und Getränkemärkte für finnische Sauftouristen, doch viele der einstigen Industriegelände liegen heute noch brach. Wo früher die physische Grenze war, blieb für die Anwohner eine psychische. Wie das Theater NO99 ist der „Kulturkilometer“ ein Provisorium, soll aber langfristige Impulse setzen. „Diese Gegend hat sich so verändert“, schwärmt Guiter. „Man braucht bloß ein paar Laternen aufzustellen, ein paar Bänke und eine öffentliche Toilette – schon kommen die Leute.“

Während Tallinn nach Europa strebt, ist Turku mit sich selbst beschäftigt. Einst war es die finnische Hauptstadt – doch dann eroberte das zaristische Russland die Stadt und verlegte den Regierungssitz 1818 nach Helsinki. Neun Jahre später wurde Turkus hölzerne Altstadt bei einem Großbrand fast vollständig zerstört. Heute prägen schmucklose Neubauten das Stadtbild. Die letzte Krise ereilte Turku in den 1990er-Jahren, als der Umsatz der Werften einbrach. Heute setzt die Stadt auf immaterielle Werte, auch im Kulturhauptstadtjahr. Neue Bauten und Infrastrukturmaßnahmen findet man hier nicht, das gesamte Budget von 52 Millionen Euro geht in Alltagskunst: Es gibt Plastiken, Tanz und Zirkus am Straßenrand, Mitmachaktionen in Kindergärten, Gefängnissen und Altersheimen. „Unsere Botschaft ist: Kultur tut gut“, sagt Cay Sevón, die Direktorin der Turku-2011-Stiftung: „Sie fördert das psychische und physische Wohlsein, vereinigt die Gesellschaft und nützt der lokalen Wirtschaft.“

Turkus Ärzte verschreiben ihren Patienten in diesem Jahr deshalb nicht nur Medikamente, sondern auch ein bisschen Kultur – zum Beispiel mit Freikarten fürs Theater. Die Künstlerin Meiju Niskala macht fast jeden Tag eine neue Aktion, legt Sitzkissen an den Ufern des Aura-Flusses aus, singt Ständchen in Pendlerzügen und verteilte zum Valentinstag Postkarten. Und Jan-Erik Andersson hat in einem Freibad eine knoblauchförmige Sauna gebaut, die gelb leuchtet und bei jedem Aufguss trötet wie ein Nebelhorn.

Auf den Schären-Inseln, mehrere Fährstunden von den Stadttoren entfernt, sind Installationen versteckt, die sich mit dem prekären demografischen und ökologischen Zustand des Archipels befassen. Doch in Turku selbst ist alles niedrigschwellig, bunt und oft auch ein bisschen banal. „Cutting edge“ will hier niemand sein. „Es stimmt schon“, gesteht die Pressesprecherin Saara Malila nach dem zweiten Glas des eigens aus der französischen Gascogne importierten Kulturhauptstadt-Weins, „wir setzen eher auf die sichere Bank.“ Kultur tut gut heißt eben auch: Kultur darf niemandem weh tun. Weder durch schrille Posen, noch durch komplizierte Ideen.

Den Zahlen nach zu urteilen fahren beide Länder sehr gut mit ihren unterschiedlichen Ansätzen. Tallinn verzeichnete nach offiziellen Angaben in der ersten Jahreshälfte 22 Prozent Tourismuszuwachs und 550.000 Veranstaltungsbesucher. Turku meldet rund zehn Prozent mehr Auslandstouristen. Dort ist man besonders stolz auf die 60.000 Zuschauer, die einer Temperatur von -20°C trotzten, um bei der Open-Air-Auftaktveranstaltung im Januar dabei zu sein. Was jedoch auffällt, ist, wie wenig beide Städte gemeinsam machen. Zwar tauchen Arbeiten der finnischen Künstlerin Hanna Haaslahti in den wichtigsten Ausstellungen beider Städte auf – eine gemeinsame Schau, die etwa in Tallinn beginnt und in Turku fortgesetzt wird, gibt es aber nicht. Zwar sponsert die Tallink Silja Line das Programm beider Städte und hat ein paar Gemälde ins Fährterminal gehängt – Sonderfahrten von Stadt zu Stadt sind aber nicht geplant. Während Tallinn auch auf Finnisch wirbt, bietet Turku nicht mal die Internetseite seines Kulturprogramms auf Estnisch an. 22 Jahre nach dem Mauerfall und sieben Jahre nach der EU-Osterweiterung ist Europa eins im Namen und vielteilig in der Praxis. Kulturell betrachtet ist diese Vielfalt auch ein Gewinn.



Ähnliche Artikel

Unterwegs. Wie wir reisen (In Europa)

Ein schöner Mann in Estland

von Jan Kaus

Die New Economy ist in Estland angekommen – und ein Art Director flieht aus Tallinn, um sich an wichtige Dinge des Lebens zu erinnern

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (In Europa)

Politik der Träume und Mühen

von Olaf Schwencke

Kultur ist die Essenz des europäischen Gesellschaftsmodells – über 60 Jahre Europäische Kulturpolitik

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (In Europa)

Zusammen singen

von Fritz Pleitgen

Wie RUHR.2010 die Bewohner des Ruhrgebiets dazu brachte, sich an Kulturprojekten zu beteiligen

mehr


Frauen, wie geht's? (Thema: Frauen)

„Wir sind die letzte Generation, in der die Männer die Oberhand haben“

ein Gespräch mit Vladimír Špidla

Ein Interview mit dem Arbeitskommissar der Europäischen Union

mehr


Frauen, wie geht's? (Forum)

Warm-up im Club Med

von Isabel Schäfer

Am Mittelmeer wird erstmals eine gemeinsame europäische Außenkulturpolitik sichtbar

mehr


What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Bücher)

Europäische Kulturpolitik

von Renate Heugel

Europäische Kulturpolitik gewann mit den Verträgen von Maastricht, spätestens aber seit dem Vertrag von Lissabon 2009 zunehmend an Bedeutung. Perspektiven einer...

mehr