Helfen ist schwer

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Japan: Niemandem zur Last fallen
 
In Japan Hilfe anzubieten, ist nie einfach. Besonders schwer war es nach der Katastrophe von Sendai im März 2011. Der Tsunami und das Erdbeben haben vor allem kleine Ortschaften getroffen, aus denen die jungen Leute weggezogen waren, sodass der Altersdurchschnitt dort relativ hoch ist. Diese beiden Faktoren – eine ländlich geprägte Gegend und eine hohe Anzahl alter Menschen – verstärken ein kulturspezifisches Problem, das uns seit dem Erdbeben in Kobe 1995 bekannt ist: dass die Menschen in einem Erdbebengebiet nämlich einfach in ihren kaputten Häusern wohnen bleiben und sich keine Hilfe holen. In Deutschland wurde bewundert, wie wenig Chaos es trotz der schrecklichen Zerstörung im Land gab – die Beharrungskräfte sind in Japan sehr hoch. Auch die Schamgrenze ist viel höher als in anderen Ländern. Die Grundhaltung in Japan ist, niemandem zur Last zu fallen. Das bedeutet auch, dass es vielen schwerfällt, Hilfsangebote von Unbekannten anzunehmen. Auf die Frage „Kann ich Ihnen helfen?“ wird man meist keine Antwort bekommen. Das ist eine Herausforderung für humanitäre Organisationen. Auffällig war, dass es nicht ausreichte, Notunterkünfte aufzubauen, in denen man medizinische Hilfe zentral koordinieren konnte – denn viele haben diese Angebote gar nicht angenommen, sondern sich auf private Netzwerke verlassen.

Über persönliche Beziehungen funktioniert die ganze Gesellschaft am besten. Hilfsorganisationen kann man deshalb nur raten, mit den Organisationen oder bekannten Menschen zusammenzuarbeiten. Zu erleben war das etwa in dem Ort Onagawa, der vom Tsunami stark betroffen war und in dem es ein zweites Atomkraftwerk gibt, dessen Zustand zeitweise als kritisch galt. Hier hat der Bürgermeister die Organisation der Hilfe übernommen. Alle Angebote an die Bevölkerung wurden durch ihn kanalisiert. Das mag einem Deutschen seltsam vorkommen, wurde aber sehr gut angenommen. Denn es gab ein Vertrauensverhältnis, auf dem aufgebaut werden konnte. Die ausländischen NGOs hat das in die eigentlich sehr schöne Lage gebracht, durch ihre Hilfe auch die Selbstorganisation vor Ort zu stärken.
 
Noriaki Ikeda und Bastian Broer sind Trainer für internationale Aufgaben. Gemeinsam schulen sie Ausländer, die in Japan arbeiten wollen.

Haiti: Misstrauen gegenüber Weißen
 
Seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 gibt es in Haiti mehr ausländische Hilfseinsätze als jemals zuvor. Diese haben aber bis heute kaum eine Verbesserung für das Leben vieler Haitianer bewirkt. Es scheint, als werde der Erfolg dieser Projekte maßgeblich durch die Kommunikation in der Begegnung von ausländischen und lokalen Kulturen geschmälert. Im haitianischen Bewusstsein ist das Bild des „Weißen“ eng mit der Kolonialzeit und den anschließenden militärischen Besetzungen verknüpft. In dieser Tradition von Ausbeutung, Misstrauen und Macht ist „der Weiße“ derjenige, der entscheidet, ob ich Sklave bin oder frei, ob ich ein Niemand bleibe oder Mensch werden darf. Nach dem Erdbeben erlebten wir unter neuen Vorzeichen eine ähnliche Situation: Für Haitianer, die ihre Besitztümer verloren hatten, war es wieder „der Weiße“, der das Wasser besaß, um ihren Durst zu stillen, die Nahrung, um ihren Hunger zu besänftigen, die Medikamente, um ihre Krankheiten zu heilen. Wieder hatte „der Weiße“ die Macht zu geben und der Haitianer nur das Recht zu empfangen. Viele ausländische Helfer waren sich dieser historischen Parallele nicht bewusst.

Statt mit den Bedürftigen zu arbeiten, arbeiteten die Helfer für sie, statt mit ihnen zu entscheiden, entschieden sie für sie. Das ist leichter und schneller, als die Armen zu ermächtigen. Doch in einigen Extremfällen hat diese Form der Verleugnung zu gewaltsamen Konflikten zwischen Überlebenden und westlichen Helfern geführt. Manchmal wirkten die Helfer, die mit guten Absichten gekommen waren, sogar wie Wölfe im Schafspelz, die das Leid noch vergrößerten: In den Tagen nach dem 12. Januar verdreifachten sich die Immobilienpreise in Port-au-Prince, Hinche, Léogâne und anderen Städten auch wegen der gestiegenen Nachfrage durch die Ausländer. Die Helfer müssen die Armen als Gesprächspartner ernst nehmen. Meine Erfahrung ist es, dass man den Alltag der Bedürftigen teilen muss: essen, was sie essen, trinken, was sie trinken, unter Umständen sogar schlafen, wo sie schlafen. Man muss Teil der Familie werden, der man helfen will. 
 
Gahston Saint-Fleur leitet die Entwicklungshilfeorganisation Procultura und veröffentlichte Lyrik in der Kreolsprache Haitis und auf Französisch.

Chile: Die Verdrängung alten Wissens
 
Chile ringt mit einem historischen Schicksal: Ein Drittel der weltweiten seismischen Energie ist hier gemessen worden – und das mit 9,5 auf der Richterskala stärkste Erdbeben der Geschichte, das 1960 meine Heimatstadt Valdivia verwüstete. „Leben bedeutet, etwas wiederkehren zu sehen“, sagten alte Nachbarn, als Valdivia 2010 erneut von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Unsere kollektiven Wunden werden neu aufgerissen und neu genäht – Letzteres auch dank der internationalen Hilfe. Tragisch ist jedoch, dass diese Hilfe die uralten Selbstheilungskräfte Chiles nicht stärkt, sondern verdrängt. Noch 1960 gab es bei uns in Südchile etwa die „Minga“ und den „Mingako“, indigene Traditionen gegenseitiger Hilfeleistung, im Rahmen derer alle Bewohner einer Kommune zum gemeinsamen Wohl arbeiten. Die humanitäre Hilfe hätte die Überlebenden darin bestärken können, Wohnstätten gemeinschaftlich wieder aufzubauen, um einen nachhaltigen Weg aus der Not zu finden. Stattdessen wurde damals wie auch 2010 eine Hilfe vorangetrieben, welche die Marginalisierung und das Elend der indigenen Bevölkerungen fortschreibt. Das provisorische Feldlazarett, das die Amerikaner 1960 in Valdivia errichteten – ein Spielzeughaus aus Kabeln, Holz und Asbest –, blieb bis in die 1990er-Jahre das Hauptgesundheitszentrum der Stadt.

So war aus einem Pflaster eine chronische Krankheit geworden. Ähnliches droht sich nun zu wiederholen: Am 21. Juli 2011 ist es in den stark beschädigten Küstenort Dichato zu Aufständen gekommen. Die Menschen sind zornig, dass sie nach über einem Jahr nach dem letzten Erdbeben noch immer in Notunterkünften leben. Zwei Winter haben sie schon in ihren Lagern verbringen müssen. „Auf was wartet ihr noch?“, schrien sie, „darauf, dass wir verrecken?“ Charles Darwin schrieb einmal, als er mit seiner „Beagle“ durch Südamerika reiste: „Wenn das Elend unserer Armen nicht durch die Gesetze der Natur, sondern durch unsere Institutionen verursacht wird, ist unsere Sünde groß.“
 
Yanko González ist Dekan der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften an der Universität Austral de Chile in Valdivia.

China: Die Angst vor dem Therapeuten
 
Nach dem Erdbeben in Sichuan 2008 sprach sich unter den Überlebenden herum, dass es drei Dinge gibt, vor denen sie sich hüten müssen. Erstens vor Bränden, zweitens vor Diebstählen und drittens vor Psychotherapeuten. Sie haben schlimme Tragödien erlebt, viele ihr einziges Kind verloren, als die Schulen einstürzten. Doch wenn wir ihnen aus psychologischer Sicht helfen wollten, wehrten sie ab. Für einige war Therapie mit einem Stigma behaftet. Andere hatten noch nie davon gehört. Zusätzlich zu anderen Problemen – es gab keine Toiletten, kaum Wasser und mehrere Nachbeben – kam, dass in der Sichuan-Provinz kein Mandarin gesprochen wird, sondern ein Dialekt. Nicht nur Ausländer, auch Helfer aus Peking oder Schanghai brauchten Übersetzer und kannten die örtlichen Gepflogenheiten nicht. Wir fragten uns: Was wäre, wenn wir Psychologen hätten, die in der Sprache und regionalen Kultur verwurzelt sind? In den 1960er- und 1970er-Jahren mangelte es an Ärzten im ländlichen Raum.

Damals wurden einfache Bauern in Hygienefragen, Gesundheitsvorsorge und der Behandlung häufiger Krankheiten ausgebildet, um Abhilfe zu schaffen – die sogenannten Barfußärzte. In Sichuan entwickelten wir die Idee weiter und setzten Barfußtherapeuten ein: Anwohner, denen wir einige Grundlagen der Therapie beibrachten. Sie brauchten keine Distanz nach westlichem Vorbild halten, sondern konnten die Freunde der Überlebenden sein. Teilweise boten sie Akupunktur an oder machten Volkstänze mit ihren Klienten. Sie stärkten das Selbstvertrauen der Überlebenden und halfen ihnen, mit Verlusten und Schuldgefühlen umzugehen. Nach drei Jahren kann man eine erste Bilanz ziehen. Viele Überlebende haben ein neues Leben begonnen. Seit dem Erdbeben gab es in der Region 2000 neue Geburten. Weitere Betreuung ist nötig, aber das ist ein gutes Zeichen. Wir Fachleute haben von den Barfußtherapeuten etwas Wichtiges gelernt: uns anzupassen und lokale Ressourcen für unsere Zwecke zu nutzen.
 
Lan Zhang ist Psychotherapeutin und arbeitet am West China Hospital der Sichuan Universität. 



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