Die Intimität der Begegnung

von Julia Kristeva

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Neue technologische Möglichkeiten wecken in unseren Tagen alte Ängste gegen die Technik, der nachgesagt wird, sie denaturiere die „menschliche Natur“. (...) Der gelungene wissenschaftliche Eingriff in die Gebärmutter oder in die DNA, um Missgestaltungen oder Krankheiten zu verhindern, löst bei den einen Zustimmung, bei den anderen entsetzten Widerstand aus (...). Und doch hat die Selbstmanipulation des Menschenwesens nicht erst im Atomzeitalter oder in der Ära der Stammzellen begonnen.

Manche behaupten indes, es genüge, den Dotcom-Unternehmen, der Finanzwelt, den Konzernen und den intelligenten Technologien freien Lauf zu lassen, erzeugten diese doch aus sich selbst heraus den Humanismus des dritten Jahrtausends (...). Es ist Mode geworden, den „Archaismus“ des als „menschenverliebt“ und selbstbezogen charakterisierten subjektiven Raums zu diskreditieren. Doch mit dem freudschen Durchbruch ist uns kein von der Sorge um Beherrschung seines „Stoffs“ heimgesuchtes Ideal-Ich hinterlassen, vielmehr eine immer schon „dialogische“ und „auf dem Weg befindliche“, „prozessierende“, zutiefst heterogene Subjektwerdung, die es erlaubt, die Vielschichtigkeit des Humanen nicht als „mangelhaft“ oder „unvollständig“ zu denken, sondern als eine sich ständig erneuernde.

Unter dem Anschein einer forcierten Hinwendung zu „Spiritualitäten“ zeichnet sich heute eine andere Sicht des Humanen ab, die als Gegenbild zum Zeitalter der Biotechnik die Intelligenz der intimen Besonderheit entdeckt und entwickelt. Ich suche, entdecke, verstehe, teile die besondere, einzigartige Sprache dieses Mannes, dieser Frau. (...) Der Humanismus sollte ein Zuhören des Singulären, Einzigartigen sein. Vorausgesetzt, unsere „wechselhaften und Neues schaffenden Singularitäten“ sind imstande, die Solidarität der Gruppe gegenüber jedem Einzelnen ihrer Mitglieder durch die nicht reduzierbare Tiefe des inneren Raums zu ergänzen.

Dabei betrifft das letzte und nicht das geringste Rätsel nach der Schoah, vor das uns die galoppierende Globalisierung stellt, die Wandlungen des einzigartigen Subjekts, das sich, ungeachtet der Gestalten, in denen es auftritt, in der Furche der griechisch-jüdisch-christlichen Überlieferung ausgebildet hat. Die Erschütterung der ödipalen Strukturen innerhalb der Patchwork-Familien, aber auch das Aufkommen von Kulturen, die nicht die gleichen Logiken libertärer Singularitäten zu teilen scheinen, zugleich aber deren Verführungskraft erfahren (Muslime, Konfuzianer, Shintoisten, …): All das vermag den universellen Charakter der anthropologischen Konstanten, so wie sie von den Monotheismen entdeckt und dann fixiert wurden und welche die psychoanalytische Erfahrung seit Freud aufzuklären versucht, nicht wirklich aufzuheben. Freilich zwingen diese Erschütterungen, uns in einer Mischung aus Härte und Toleranz sowohl mit den zur Autonomie des Denkens und zur Freiheit des Subjekts unabdingbaren ethischen Codes, die sich im Gefolge dieser Tradition und über deren Brüche hinweg herauskristallisiert haben, als auch mit deren transgressiven, revoltierenden, „queeren“ oder „unreinen“ Kontingenzen auseinanderzusetzen (...).

Die moderne Säkularisation und die modernen Techniken ermöglichen es, diese Transgressionen nicht mehr als Perversionen (von Ödipus, des Gesetzes, der symbolischen Ordnung) zu werten, sondern als Einladungen, Aufforderungen an die Moderne, neue Verwandtschaften, neue Familien, neue Legalitäten zu erfinden. Ich halte daran fest, dass, eingeläutet von der Renaissance und der Aufklärung und nach der normativen Moderne des modernen Judaismus und der kritischen Moderne, eine dritte Moderne auf der Suche nach sich selbst ist: die des analytischen Humanismus. Freudianisch inspiriert, ist sie imstande, alle religiösen Traditionen der globalisierten Welt der Erfahrung des Denkens zu öffnen.

Die Begegnung der Kulturen bildet gewiss die andere wesentliche Herausforderung, mit der uns die gegenwärtige Globalisierung konfrontiert. Nehmen wir die arabische Welt: Dort hat die durch Internet befreite Information machtvoll zum Aufblühen einer von Freiheit beseelten Jugend beigetragen. Doch zur Wirklichkeit wird diese Freiheit erst werden, wenn sie sich auf die Mobilisierung der individuellen Würde und aller verantwortungsbewussten kreativen Kräfte stützen kann. Angesichts der Trägheit der kulturellen Überlieferungen, die zwangsläufig in Konflikt mit den vom informatisierten Humanismus propagierten Verheißungen und Risiken der Freiheit treten müssen, stellt der Fall der arabischen Welt und die daraus sich ergebenden Folgen ein Hauptereignis und eine Hauptprüfung jenes Universalismus in der sich suchenden Diversität dar.

Ein weiteres, sehr bedeutungsvolles Beispiel für die Begegnung der Kulturen ist die der chinesischen Tradition mit dem jüdisch-christlichen Monotheismus. Leibniz (1646-1719) war Zeitgenosse der jesuitischen China-Mission und mit den Patres der Ansicht, die Chinesen würden nicht nur „unseren Gott“ nicht kennen, sie verstünden auch die Materie selbst als mit einer Art Vernunft oder Gesetz, einem „Li“ versehen (...) und dass diese Seinsweise nicht mit unserem Sinn für „Wahrheit“ verfahre (...). War er damit Visionär eines chinesischen Humanismus, dessen Geheimnis uns noch verborgen ist? Nur zu rasch sind wir geneigt, jene Art von chinesischem Humanismus als „Arroganz“ zu brandmarken: Sollte das daran liegen, dass er als eine Erfahrung erscheint, die sich in einer Adaptation an die Logik des Unternehmens und der Konnexion wohler fühlt, in der das Selbst zu einem Einschlagpunkt der unendlichen kosmischen und sozialen Windungen reduziert wird? Und wäre umgekehrt die von den jüdisch-christlichen Monotheismen überkommene permanente Dekonstruktion/Konstruktion, die den europäischen Humanismus in seinem Bestreben nach Universalität auszeichnet, ein Handicap, das unsere unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen könnte? Ein Relikt der alten Welt, das von den technischen Fortschritten hinwegzufegen wäre, die angeblich „in sich selbst“ die „befriedeten“ und „kooperativen“ Subjekte einer engelsgleichen postapokalyptischen Zukunft hervorbringen?

Ich vertrete dagegen die These, dass, wer die Logiken der inneren Erfahrung ignorieren will, Gefahr läuft, erleben zu müssen, dass die Angst vor der Endlichkeit und der Ausbruch der Gewalt in jedem Moment der Reparatur dieser idealen Welt entgegenwirken (...). In der Übertragungsbeziehung mit dem Anderen sind wir auf Logiken des Durcharbeitens, des Sublimierens und des schöpferischen Umgangs mit psychischen Problemen angewiesen, Logiken, die uns in einer ersten Phase von der inneren Erfahrung der vorsäkularen Tradition, dann durch deren säkularisierte Dekonstruktionen anhand der durch einen gewissen Wiener Doktor eingeleiteten analytischen Erfahrung vermittelt wurden.

Das Magazin „The New Yorker“ vom letzten Februar berichtet, wie deprimierte und verängstigte Chinesen via Skype eine Psychoanalyse mit Analytikern aus New York machen. Während atheistische Humanisten in Paris noch immer in den Tiefen der psychischen Erfahrung die Entdeckung machen, dass das Bedürfnis zu glauben nicht nur Überrest der Tradition ist, die Schwache dazu bringt, über sich selbst hinauszuwachsen, sich zu übertreffen, sondern vielmehr vor allem eine universelle anthropologische Konstante, die zum Erwerb von Sprache und Denken unabdingbar ist. Die ihrerseits wieder durch Entfaltung des Wunsches nach Wissen die vorläufigen und historisch entwickelten Dogmen jener Glaubensüberzeugungen selbst infrage stellen.

Der globalisierte Humanismus sucht die Begegnung zwischen einerseits der chinesischen Anpassungsfähigkeit an die kosmischen und sozialen Intelligenzen und andererseits der politischen Interaktion zwischen jenen psychosomatischen komplexen Phänomenen, deren nachchristlichen Humanismus Proust in die Worte fasste: „Die Kranken fühlen sich ihrer Seele näher.“

Ich habe hier nur einige Varianten jenes Humanismus unterbreitet, der uns von jetzt an nicht mehr wie ein Universum vorkommt, sondern wie das, was ich als „Multiversum“ bezeichnen möchte (...). Beherrscht wird das Ganze durch ein Meta-Gesetz: Es gibt eine universelle Humanität, deren Begriff und Praxis aus dem universalistischen Monotheismus und aus dem Bruch mit demselben hervorgegangen ist (...). Ich setze darauf, dass sich vor uns eine neue Etappe auftut, kraft des uns beseelenden Bestrebens, das Gedächtnis der Religionen wieder zu öffnen, dabei aus der analytischen Erfahrung schöpfend und mit dem Beistand all jener, die sich uns anschließen möchten.

Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
 
Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung einer Rede, die Julia Kristeva im Rahmen der Veranstaltung „Parvis de gentils“ am 23. März 2011 in Paris gehalten hat. Die Rede ist veröffentlicht unter: www.kristeva.fr



Ähnliche Artikel

Ganz oben. Die nordischen Länder (Thema: Skandinavien)

Geistreiche Zeiten

von Richard Florida

Nur Wissensindustrien sind für die Globalisierung gewappnet: Das hat der Norden begriffen

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Verheizte Pinguine

von Ilija Trojanow

Warum wir eine neue Haltung zur Natur brauchen

mehr


What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen (Die Welt von morgen)

Keine Dolche im Parlament

Ein Kurznachricht aus Kanada

mehr


Helden (Was anderswo ganz anders ist)

Bloß kein Neid

by Amira Bassim

»Das ist aber ein hübscher Junge« oder »Ich habe einen tollen neuen Job« – derartige Sätze hört man selten in Ägypten. Man fürchtet, sie könnten Neid und damit den Bösen Blick heraufbeschwören

mehr


High. Ein Heft über Eliten (Thema: Eliten )

„Wettrüsten um künstliche Meinungsmache“

ein Gespräch mit Rop Gonggrijp

Über die gesellschaftliche Verantwortung von Technik-Eliten

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Bücher)

Die Undogmatische

von Karin Schädler

Lamya Kaddor beschreibt in ihrem neuen Buch ihre Sicht auf einen zeitgemäßen Islam

mehr