Die Befreiung von Vorurteilen

von Fadi Bardawil

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


„Sie richteten sich in einer klaren Sprache an mich: Alle Nationen gehen der Globalisierung, Wissensgesellschaft und politischen Moderne entgegen – nur ihr rennt in die genau andere Richtung. Wir wissen, fuhren sie fort, dass eure unaufgeklärte Religion schuld daran ist, dass eure Gesellschaften verschlossen und finster bleiben, dass ihr Feinde von Individuen, Frauen und Nicht-Muslimen, Feinde der Vernunft, der Moderne und des Lebens seid. [...] Unser Erfolg ist ungewiss, doch einen Versuch ist es uns wert, und wenn wir euch eure Rückständigkeit mit Feuer austreiben müssen.“
(Al-Afif al-Akhdar: Was mir die Bomben über Bagdad sagten, auf www.ahewar.org, 23. März 2003)

Es sind die amerikanischen Raketen, die hier von den Übeln der arabischen Welt sprechen, während sie im März 2003 Bagdad in Schutt und Asche legen. Der Autor, der sich zum Dolmetscher dieser Bomben macht, ist al-Af?f al-Akhdar, ein gebürtiger Tunesier und ehemaliger marxistischer Intellektueller. Einst hatte er im palästinensischen Widerstand gekämpft und 1965, drei Jahre, nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, sogar am Treffen des Fatah-Mitbegründers Khalil al-Wazir alias Abu Jihad mit Ernesto „Che“ Guevara in einem Hotel in Algier teilgenommen. Rund vierzig Jahre später preist er die Bombardierung Bagdads durch die USA.

Al-Akhdar, der in den ersten Jahren des libanesischen Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 von Beirut nach Paris gezogen war, steht mit seinen harten Worten nicht allein da. Viele der militanten Intellektuellen, die einst an vorderster Front in den nationalen Befreiungskriegen kämpften, waren ähnlich desillusioniert wie er. In den Jahren zwischen der Islamischen Revolution im Iran und dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten sie sich nach und nach von ihren alten politischen Organisationen losgesagt und wurden zu scharfen Kritikern der anti-imperialistischen Bewegung. In ihrer Jugend hatten diese Intellektuellen vom revolutionären Potenzial der Massen geschwärmt. Im Alter nahmen sie nun die entgegengesetzte Haltung ein, in der sie die Kultur ebenjener Massen zum Grundübel der arabischen Welt erklärten. Einige schlossen sich sogar wie al-Akhdar der imperialistischen These an, die arabischen Gesellschaften könne nur der Schock einer ausländischen Besatzung aus ihrem „Dornröschenschlaf“ wecken.

Zwei Dinge sind bei dieser Umkehrung erhalten geblieben: die Distanz zwischen den Intellektuellen und den Massen, die sie erst überhöht hatten und nun verachten. Und ihr Hang zu grob vereinfachenden, monokausalen Erklärungen der Gesellschaften und der Geschichte der arabischen Welt. Während früher all ihre Analysen und Schuldzuweisungen auf den Kolonialismus und Imperialismus abzielten, sagen sie nun ihr „Mea culpa“, indem sie die Wurzel alles Bösen in der arabischen Kultur suchen. Anstatt zu versuchen, Kenntnisse der arabischen Welt mit einem Verständnis des globalisierten Kapitalismus und der internationalen Machtbalance nach Ende des Kalten Kriegs zu verbinden, singen sie Mantras vom Islam als „unaufgeklärter Religion“ und von arabischen Gesellschaften, die „finster“ und „verschlossen“ seien.

Heute tragen die Aufstände in Tunesien, Ägypten und anderen Ländern dazu bei, die kulturalistischen Theorien zu zerschlagen, denen diese intellektuell verbrauchte Generation nachhängt, diese einstigen Kämpfer, die längst zu weltfremden Zynikern geworden sind. Es bleibt zu hoffen, dass diese welthistorischen Umbrüche auch dabei helfen, die binäre Logik zu überwinden, die schon zu lange die Diskussionen an beiden Enden des politischen Spektrums geprägt hat: die Logik der inneren gegen die äußeren und der politischen gegen die kulturellen Erklärungen, des Kolonialismus und Imperialismus auf der einen Seite und des Islam auf der anderen. Den Kulturalismus von al-Akhdar und seinesgleichen haben die Aufständischen entlarvt, doch das darf nicht dazu führen, dass das Pendel zu einem noch älteren Mythos zurückschwingt: zur unkritischen Verherrlichung der arabischen Massen und der Wiedergeburt eines Panarabismus, der verspricht, gradewegs in die oft verheißene, lang hinausgezögerte „Arabische Renaissance“ zu führen.

Schon der erste Blick auf die Verflechtung von innerstaatlichen konfessionellen, regionalen und familiären Loyalitäten mit internationalen Interessen im Libanon, auf den Bruch zwischen Jordaniern und Palästinensern, die ethnischen und sektiererischen Trennlinien im Irak sowie die wachsende geopolitische Bedeutung von Iran und Türkei sollte ausreichen, um vorschnelle Verallgemeinerungen in die Schranken zu weisen. Der gute alte Panarabismus eines Michel Aflaq und ganzer Generationen arabischer Nationalisten taugt heute nichts mehr. Wenn ein zeitgemäßer „Arabismus“ entstehen soll, dann wird er eine Haltung zu den vielschichtigen historischen, politischen, ethnischen, konfessionellen und geschlechtlichen Faktoren entwickeln müssen, die arabische Gesellschaften heute prägen, anstatt ihre Existenz zu leugnen.

Die aktuelle Lage lädt dazu ein, auch die Bedeutung des Libanonkriegs im Juli 2006 zu überdenken. Damals scheiterten die israelischen Streitkräfte an der Hisbollah. Die Guerrillakämpfer, die trotz schwerer Luft- und Bodenangriffe ihre Dörfer verteidigten, entlarvten in jenem Sommer den Mythos der absoluten militärischen Überlegenheit Israels. Zusammen mit diesem Krieg haben die Aufstände von 2011 Gewissheiten erschüttert, die Generationen von Arabern mit der Muttermilch aufgesogen haben: „Araber können nicht kämpfen“, „Arabische Diktatoren bleiben ewig“ und „Halt dich aus der Politik raus, Einmischen hat keinen Sinn“.

An der Nordküste des Mittelmeers sieht es derweil düsterer aus. Die Krisen der europäischen Demokratien, die bereits durch Julian Assange und seine WikiLeaks-Mitstreiter vertieft wurden, haben sich durch die arabischen Aufstände noch einmal verschlimmert. Es ist kein Geheimnis mehr, dass es eine große Kluft zwischen den Idealen der USA und Europas und ihrer großzügigen Unterstützung arabischer Autokraten gibt. Man braucht nur auf die engen Beziehungen zwischen Mitgliedern der Führungselite auf beiden Seiten zu schauen: So nutzte etwa Michèle Alliot-Marie, die Ex-Außenministerin Frankreichs, für ihre Tunesienreisen Privatjets der Ben-Ali-Clique. „In meinem Privaturlaub bin ich keine Außenministerin“, war ihre äußerst einleuchtende Erklärung.

Sie zog also eine klare Trennlinie: Tagsüber verkörperte sie von Berufs wegen die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, doch ihren Feierabend genoss sie mit Ben Alis Hofstaat. Die Aufstände haben in westlichen Außenministerien für Scham und Verwirrung gesorgt und womöglich die wirtschaftlichen und politischen Interessen europäischer Regierungen gefährdet. Hinzu kommt eine unterschwellige Konterrevolution von rechts. Im Oktober erklärte Angela Merkel die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert. Dieses Urteil wurde wenig später – wiederum in Deutschland – vom britischen Premierminister David Cameron bekräftigt. Er forderte ein Ende der „passiven Toleranz“ und einen „wehrhaften Liberalismus“, um Einwanderer zu integrieren. Man fragt sich, nicht ohne gehöriges Schaudern, wie sich das „Wehrhafte“ dieses Liberalismus in konkretes politisches Handeln übersetzen wird und was es für das Leben der Einwanderer bedeutet. Der französische Staatschef Nicholas Sarkozy ließ derweil die Minderheit der Roma abschieben und schlug vor, eingebürgerten Franzosen die Staatsangehörigkeit bei Straffälligkeit wieder abzuerkennen. Als wäre das nicht genug, hat die junge Marine Le Pen ihren Vater beerbt und droht, dessen rechtsradikale Partei „Front National“ in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.

In unserer Welt greift alles ineinander. Während die Aufstände den arabischen Bürgern neue Horizonte eröffnen, scheint Europas Zukunft beschränkt zu sein durch Frankreichs neues Ministerium für Immigration, Integration und nationale Identität, Englands „wehrhaften Liberalismus“ und die wiederholten Brandanschläge auf Moscheen in Deutschland. Die Identitätskrise des alten Kontinents, die nationalistischen Reaktionen seiner herrschenden Eliten und das diesbezügliche Stillschweigen auf Europas Straßen scheinen darauf hinzudeuten, dass es um mehr geht als die übliche Diskrepanz zwischen den Gründungsmythen des modernen Europa – Freiheit, Gleichheit und Toleranz – und dem politischen Handeln. Geht neben der kulturalistischen Mythologie der arabischen Welt noch etwas anderes unter?

Aus dem Englischen von Elisabet Richter

Eine englische Fassung dieses Essays ist auf der Internetseite www.jadaliyya.com erschienen.



Ähnliche Artikel

Talking about a revolution (Die Welt von morgen)

Plastikfreie Flughäfen

Eine Kurznachricht aus den Vereinigten Arabischen Emiraten

mehr


Talking about a revolution (Die Welt von morgen)

Gletscher to go

Eine Kurznachricht aus Grönland

mehr


Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

„Wir brauchen eine Revolution, aber wir haben Macron!“

ein Interview mit Emmanuel Todd

Ein Gespräch mit dem Demografen über die französischen Wähler, die Macht des Präsidenten und die Rolle der Bildung in Frankreich

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Wählen ...)

... in Paraguay

von Borja Loma

Die Stimmung vor den Präsidentschaftswahlen am 20. April 2008 ist von tiefem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem politischen Establishment geprägt

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Wenn Verzicht unmöglich ist

von Adania Shibli

In der arabischen Welt leben die meisten Menschen in Armut. Die Eliten orientieren sich lieber am westlichen Lebensstandard

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Was anderswo ganz anders ist)

Warum man in Ägypten mit der Zahl 60 flucht

von Elsaid Badawi

„Ya sittumeet marhaba!“ Sechshundertfach willkommen in Ägypten! Wenn die Dame eines traditionellen ägyptischen Haushalts mit diesen Worten einen Gast begrüßt, s...

mehr