„Die Stimme des Rap ist stärker als Waffen“

ein Interview mit Hamada Ben Amor

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Ihr Song „Rais Lebled“ wurde während der tunesischen Revolution zur Hymne der Ben-Ali-Gegner. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Nein, ich hatte sogar Angst, dass der Track zu bekannt wird und ich deswegen sterben muss. Vor dem Sturz der Regierung mussten Kritiker mit dem Schlimmsten rechnen. Im Dezember 2010 war ich auch tatsächlich verhaftet worden.

Warum haben Sie dennoch diesen kritischen Song aufgenommen und ihn im Internet veröffentlicht?

Es war ja nicht das erste Mal, schon seit 2008 mache ich politische Lieder. Allerdings lag meine Kritik eher zwischen den Zeilen. In „Rais Lebled“ spreche ich Ben Ali direkt an: „Herr Präsident, Euer Volk stirbt und wird mit Füßen getreten.“ Ich wollte auf die Probleme der tunesischen Jugend und die korrupte Politik hinweisen. Und trotz meiner Angst hatte ich den Traum, damit etwas bewirken zu können.

Inwiefern?

Die Stimme des Rap ist stärker als Waffen. Selbst wenn man sich bewaffnet, kann man nicht jeden töten – Rap hingegen kann alle erreichen. Seit meiner Kindheit höre ich Musik aus dem Ausland, vor allem Tupac Shakur aus den USA und Lofti Double Kanon aus Algerien. Ich habe mich immer an diesen Rappern orientiert, die durch ihre Texte die Realität aufdecken, anstatt sie zu verschleiern, wie es die Ben-Ali-Regierung tat.

Rap kann ein Mittel der Aufklärung sein?

Man brauchte bloß auf die Straße zu gehen, um zu sehen, welcher Willkür die Leute ausgesetzt waren! Trotzdem war es verboten, das auszusprechen. Deshalb habe ich angefangen, darüber zu rappen.

Es heißt, Sie hätten zum Ausbruch der Revolution in der arabischen Welt beigetragen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich habe nur meine Wut an die Jugendlichen weitergegeben. Sie brauchten jemanden, der die Unterdrückung anspricht, einen Anstoß, etwas zu unternehmen. Jeder Einzelne hat eine Rolle gespielt: Ich durch meinen Rap, andere durch ihre Demos.

Die amerikanische Zeitschrift Time kürte Sie zu einem der hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2011.

Das ist eine große Ehre. Ganz gelassen kann ich damit nicht umgehen, denn ich komme aus einfachen Verhältnissen. Es ist schon eine ganz neue Erfahrung für mich. Die Aufmerksamkeit motiviert mich, noch kreativer zu sein und mehr für mein Volk zu tun. Ich möchte mich weiter mit politischen Themen beschäftigen, die aber nicht nur mein Land, sondern die gesamte arabische Welt und Israel betreffen.

Der Revolution folgte eine enorme Flüchtlingswelle. Wäre das ein Thema für zukünftige Songs?

Auswanderung beschäftigt uns in Tunesien schon lange. Ich glaube, wenn die Jugendlichen ihre Rechte bekommen, werden sie nicht mehr darüber nachdenken, ihre Zukunft im Ausland zu suchen. Aber die politische Stabilität ist in Tunesien noch nicht gegeben und es wird sich nicht alles sofort ändern. Ich persönlich möchte nicht auswandern, sondern sehe meine Zukunft in einem demokratischen Tunesien. Dazu möchte ich auch andere ermuntern.

Stimmt es, dass das Kultusministerium der Übergangsregierung angeboten hat, Ihr nächstes Album zu finanzieren?

Das habe ich bisher auch nur durch Dritte erfahren, ich selbst habe noch nichts von der Regierung gehört. Meine Verantwortung gegenüber der tunesischen Jugend ist seit der Revolution jedenfalls gewachsen: Sie schauen jetzt genau hin, ob ich sie auch weiterhin ehrlich und direkt anspreche und nichts verschweige.

Letzte Frage: Wieso nennen Sie sich El Général?

Schon als kleiner Junge interessierte ich mich für das Militär und trug am liebsten eine Hose mit Tarnfleck-Muster. Dabei hat mich aber nicht das Töten fasziniert, sondern der Anspruch, vor niemandem Angst haben zu müssen.

Das Interview führte Elise Graton



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