„Respekt vor der Überwindung der Angst“

ein Gespräch mit Rafik Schami

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Herr Schami, der Westen schaut auf Syrien und weiß nicht, wie er reagieren soll. Was denken die Syrer selbst: Was sollen die Europäer tun?

Die Syrer haben Pech. Das Land ist ein wichtiger Dominostein im historischen Spiel um die Herrschaft in den arabischen Ländern. Der Westen und Israel sind mit dem Regime bisher sehr glücklich gewesen und wollten lieber einen schwachen Assad behalten als eine unbekannte Demokratie, die stolz verlangt, dass sie gleichberechtigt behandelt wird und dass die Golanhöhen syrisches Gebiet sind. Der Westen, China und Russland haben beste Geschäfte mit den arabischen Diktatoren gemacht und fürchten, dass diese Geschäfte so nicht weitergehen können. Das macht den Kampf der Syrer für Demokratie und Freiheit schwieriger. Doch die Syrer werden viele Erfahrungen sammeln und politisierter werden als die Völker des Irak oder Libyens, die sich nur durch Einmischung von außen befreien konnten.

Ich wünsche mir einen Westen, der seiner Demokratie und Freiheit würdig ist. Syrien, Ägypten, Libyen und Tunesien brauchen keine lächerliche Entwicklungshilfe, die mehr demütigt als hilft, sondern sie brauchen das Geld, das ihnen geraubt wurde, zurück. Mit den Milliarden der Familie Assad und Konsorten in Syrien könnten wir europäischen Technikern Jobs anbieten, damit sie mit den Syrern zusammen eine wunderbare technische Entwicklung in die Wege leiten. Dass der Westen inzwischen das Wort „Einmischung“ nur noch militärisch versteht, ist bedauerlich. In Syrien wird jede militärische Einmischung von außen, so auch eine türkische, zu einer Katastrophe führen.

Wer sind im Augenblick mögliche Ansprechpartner des Westens? Wer spricht für die Opposition?

Die syrische Revolution ist einmalig in der Geschichte des Landes und vielleicht der Welt. Sie entwickelt sich seit dem 15. März 2011 friedlich trotz der Mordmaschine des Assad-Clans. Sie hat keine zentrale Partei und keine Führung im klassischen Stil. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Stärke, weil der arabische Diktator darauf keine Antwort hat. Früher reichte es, die aktiven Kader, Denker und charismatischen Führer der Opposition zu töten oder zu verhaften, und dann herrschte im Land Friedhofsruhe. Heute verhaften sie 15.000 Zivilisten und töten über 2.000, die sie für Aufrührer halten. Sie verstümmeln Kinder und die Demonstrationen werden heftiger. Die Schwäche ist, dass die Stoßrichtung der Revolution nicht so eindeutig ist, wie wenn eine Partei da wäre, die am ersten Tag bereits weiß, was nach dem Sieg sein wird. Jakobiner, Leninisten, und wie sie alle heißen, waren leider effektiver als vier Millionen Syrer, die in 1.600 Orten auf die Straße gehen.

Die Europäer müssen schnell lernen, dass es sich hier um eine neue Art der Revolution handelt und dass sie deshalb auf den Leitsatz verzichten müssen: Erst eine Führung und dann Unterstützung. Sie sollen sich eher prinzipiell für Freiheit und Demokratie entscheiden und den Oppositionellen Anerkennung entgegenbringen, humanitäre Hilfe anbieten und technische Mittel zur Unterstützung der Kämpfe dieser Menschen zur Verfügung stellen.

Es gab ja bereits vor den Aufständen einen kulturellen Austausch mit Syrien. Welche Rolle hat er gespielt? Hatten wir Deutsche Kontakte zu Akteuren, die heute bei den Protesten dabei sind?

Syrien ist seit dem Putsch des Vaters Assad eine erbarmungslose Diktatur. Das war und ist und wird so bleiben, solange ein Assad an der Macht sitzt. Die offizielle deutsch-syrische kulturelle Zusammenarbeit ist ein kostspieliges Desaster. Man arbeitete mit einer Abteilung des Geheimdienstes namens „Kultusministerium“ und hielt die Staatsautoren für kritische Zeitgenossen, wenn sie mit einem auf Englisch, Deutsch oder Französische plauderten und so taten, als wären sie oppositionell. Man wählte diese Spitzel der Diktatur in Gremien, die über Exilliteratur zu urteilen hatten, gab ihnen Stipendien und förderte mit deutschen Steuergeldern die regimetreuen Künstler, während man aus falscher Rücksicht den Mund hielt, obwohl man wusste, dass syrische Menschenrechtler, engagierte Künstler, Frauen wie Männer, in den Gefängnissen gefoltert wurden. Es ist traurig, dass die Deutschen am Ende der Diktatur feststellen müssen, dass sie kaum Kontakte zu den wichtigsten syrischen oppositionellen Intellektuellen haben.

Was machen die Frauen in Syrien?

In Tunesien und Ägypten gingen sie oft auch mit ihren Kindern demonstrieren. Das ist in Syrien auch der Fall.

Weshalb kann Assad den Aufstand nicht unterdrücken?

Weil alle seine Voraussetzungen noch existieren: Das Volk hat seine Angst abgestreift, aber die 15 Geheimdienste können nicht reformiert werden. Entweder man schafft sie ab oder jedes Gerede von Reform ist lächerlich. Armut, Korruption und Hunger nach Brot, Freiheit und Demokratie kann man nicht mit Maschinengewehren und Panzern begegnen. Die Straße ist politisch aufgewacht und nicht nur Assad, sondern alle Nachfolger, welche Namen und welche politische Richtung sie auch vertreten, werden es nicht leicht mit den aufständischen Syrern haben.

Welche Ziele haben die Aufständischen erreicht? Droht ein Scheitern? Und was dann?

Das Erste, was die Syrer bisher erreicht haben, ist, den Aufstand über eine lange Strecke friedlich zu halten. Die Demonstranten verlieren zwar täglich Kameraden und Verwandte, aber sie stellen ihre Proteste nicht ein, ganz im Gegenteil: Am Wochenende vom 1. bis zum 3. Juli waren vier Millionen Syrer auf den Straßen der Städte und Dörfer. Wenn man aber die Angst kennt, die über 40 Jahre lang vom Assad-Clan und seinen Helfern in den Seelen der Menschen gezüchtet wurde, so kann man nur Respekt vor dieser Überwindung der Angst haben. Die Diktatur wankt, aber sie fällt noch lange nicht, weil sie noch ein großes Arsenal von Möglichkeiten besitzt. Eine davon ist der Bürgerkrieg. Das wäre eine Katastrophe. Ich hoffe, dass die hartnäckigen Syrer es verstehen, einen friedlichen Übergang zur Demokratie zu schaffen. Soll er länger und zäher sein, er bleibt besser als jede gewalttätige Alternative.

Wie können die Europäer diese Hartnäckigkeit und den Einsatz der Menschen unterstützen?

Durch eine Eindeutigkeit der Haltung zu den freiheitsliebenden Syrern. Nur so werden die Demonstranten auf der Straße, in den Folterkellern und Todeslagern der Geheimdienste wissen: Sie sind nicht allein. Die Einsamkeit und Isolierung ist die effektivste Waffe des Regimes gegen die Freiheitskämpfer. Der Vater Assads und sein Bruder, der Mörder Rifaat al-Assad, der heute in Spanien beim Sozialisten Zapatero ein- und ausgeht, haben 1982 in der Stadt Hama 30.000 Menschen umgebracht, ohne dass sich die Welt darum kümmerte. Dank Internet, Facebook und Handy kann mittlerweile jedes Verbrechen innerhalb Minuten auf YouTube gesehen werden. Das Netz ist zum Nervensystem der Revolution geworden.

Der Westen war unvorbereitet auf die Umwälzungen in der arabischen Welt: Braucht man nach den Erfahrungen der letzten Zeit nicht mehr Exit-Strategien für Diktaturen?

Ja, das wäre sehr klug. Sie könnten ein wenig attraktiver sein als die Ausweglosigkeit, vor der die Diktatoren stehen und leichthin beschließen, wenn ich untergehe, dann sollen alle mit untergehen … Das ist natürlich ein Minenfeld, als würde man sich nicht um die Opfer, sondern um die Täter kümmern. Bisher sammelten sich die abgesetzten Diktatoren, Geldwäscher und Geheimdienstreste am arabisch-persischen Golf. Aber das ist keine Lösung.

Was ist Ihre größte Hoffnung – wie sehen Sie die Zukunft Syriens? Und was macht Ihnen Angst?

Ich habe Angst vor einem Bürgerkrieg, den das Regime anzetteln will. Seit vier Monaten schickt die Regierung ihre Scharfschützen und Panzer, um Menschen zu töten. Meine zweite Angst ist, dass so viele Narben durch die Morde entstehen, dass Versöhnung immer schwerer wird. Mein positiver Tagtraum ist: dass ein demokratischer Staat entsteht als direkter Nachfolger der Demokratie in Syrien der 1950er-Jahre (1954-1958). Mit einem Mehrparteiensystem, mit Presse- und Redefreiheit, Achtung der Menschenrechte und Trennung der Religion vom Staat. Frieden mit allen Nachbarn …, dann könnten wir das Gespräch in Damaskus fortsetzen.

Das Interview führte Timo Berger



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