Moralisch leuchten

von Yiwei Wang

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Wie China und der Westen über Aufklärung sprechen, ist ein Beispiel für die typischen Missverständnisse zwischen unseren Kulturen. Denn in China kennen wir einerseits den Begriff der „Aufklärung“ im Zusammenhang mit moralisch-charakterlicher Schulung und andererseits die „Aufklärungsbewegung“ als das westliche Konzept einer nach dem Mittelalter in Europa entstandenen Epoche, in der die Vernunft den Glauben besiegte. Wenn diese zweite Definition der Aufklärung mit unserem Land in Verbindung gebracht wird, fragen die meisten Chinesen: „In China gab es kein Mittelalter, woher soll bei uns also die Aufklärungsbewegung gekommen sein?“

Westliche Mächte, die China wegen des Umgangs mit Liu Xiaobo und Ai Weiwei kritisieren, fordern, dass auf den „Arabischen Frühling“ ein „Pekinger Frühling“ folgen sollte. Es gibt auch chinesische Intellektuelle, die sagen, dass ein Land, das nicht vom Westen demokratisiert wurde, sich in einem „neuen Mittelalter“ befände und eine „neue Aufklärungsbewegung“ brauche. Doch diese eurozentrische Sicht führt dazu, dass viele Chinesen den Begriff der Aufklärung nur widerwillig benutzen. Wenn wir aber ein Verständnis der Aufklärungsbegriffe unserer Kulturen entwickeln wollen, müssen wir uns über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede klar werden.

Eine Ähnlichkeit beider Seiten besteht darin, dass man sich auf klassische Texte bezieht: die europäische Aufklärung auf das antike Griechenland, die Erziehung und Bildung in China auf die konfuzianischen Klassiker. Während die europäische Aufklärungsbewegung versuchte, das Gute der griechischen Klassiker zu nutzen und das Schlechte zu kritisieren, war der Konfuzianismus seit der Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) die chinesische Staatsdoktrin und wurde streng befolgt. Das änderte sich radikal erst mit dem Ende der Qing-Dynastie und der Republikgründung im frühen 20. Jahrhundert.

Zu Beginn des konfuzianischen „Buchs der Riten“ heißt es: „Das Ziel des großen Lernens besteht darin, die klare moralische Kraft zum Strahlen zu bringen.“ Dieses Verständnis von Aufklärung als Persönlichkeitsbildung ähnelt Rousseaus Ansichten, strebt aber keineswegs eine von Gott befreite Menschheit an.

In den Texten zu Moral und Tugend war zudem immer nur vom Mann die Rede. Auch wenn Konfuzius gesagt hat: „Bildung soll jedem gewährt werden, ohne Beachtung von Klassenunterschieden“, so erhielten im alten China nur Männer eine Ausbildung. Gemäß den Lektionen des „Buchs der Mädchen“ galt: „Wenn ein Mann einen guten und moralischen Charakter hat, dann hat dieser Mann Talent und Können. Wenn eine Frau keine Talente und kein Können hat, dann ist diese Frau tugendhaft und hat einen guten und moralischen Charakter.“ Diese Aussage unterscheidet sich vom Ziel der europäischen Aufklärung wie der Tag von der Nacht. Seit den Studentenunruhen vom 4. Mai 1919 gibt es die Geschlechtertrennung im chinesischen Bildungsbereich jedoch nicht mehr.

Ziel der Aufklärung in China ist, die Bedeutung des Lebens richtig zu verstehen. Man könnte sagen: Wer morgens die Wahrheit gefunden hat, kann am Abend ruhig sterben. Das ist das Gegenteil von der politischen Bewegung, die von der europäischen Aufklärung initiiert wurde. Konfuzius hat einmal gesagt: „Wenn die Menschen in den weit entfernten Teilen des Landes nicht gehorsam sind und dem Kaiser nicht folgen, dann muss er seinen moralischen Charakter verbessern, um sie so wieder für sich zu begeistern, auf dass sie gehorchen und folgen.“ Das chinesische Verständnis von Aufklärung folgt dem Prinzip, sich einer kritischen Selbsteinschätzung zu unterziehen. Die Aufklärung muss von einem selbst ausgehen, man muss sie aus seinem Innersten heraus trainieren und in Angriff nehmen. Gemäß der europäischen Aufklärungslogik soll man hingegen erst sich selbst und im Anschluss die Welt aufklären. Weil das europäische Verständnis eben so ist, denken die Europäer auch, dass ihre Werte auf der ganzen Welt gelten sollten.

Aus dem Chinesischen von Wang Dandan und Falk Hartig



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