Nicht mehr beherrschbar

Raji C. Steineck

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgab)


Das Erdbeben in Japan, die ihm folgende Flutwelle und die katastrophalen Störfälle in diversen Kernreaktoren haben unmittelbare Folgen auch auf der westlichen Seite des eurasischen Kontinents gezeitigt. Während in Europa teils schon die Entscheidung für einen endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft getroffen wurde, ist diese Frage in Japan noch völlig in der Schwebe. Premierminister Kan hat eine offene Diskussion über die Zukunft der Kernenergie gefordert und zahlreiche Japanerinnen und Japaner haben sich in landesweiten Demonstrationen gegen ihre weitere Nutzung ausgesprochen. Aber es gibt auch starke Kräfte, die keine Alternative zur Atomkraft sehen oder sehen wollen.
So zeichnete die konservative Wochenzeitschrift Sh?kan Shinch? im Juli ein ökonomisches Untergangsszenario für den Fall des Ausstiegs: Alle Großunternehmen würden Japan verlassen und ihre kleinen und mittleren Zulieferer müssten im Gefolge den Betrieb einstellen. Andere Medien malen eher am Bild der atomaren Wüste. So zitiert die Zeitschrift Sh?kan Gendai den in den USA lebenden Atomphysiker Kaku Michio mit der Aussage, bei einer weiteren Verschlimmerung der Situation im AKW Fukushima 1 könnte ganz Nordjapan unbewohnbar werden.
Ganz praktisch arbeitet Son Masayoshi, der Gründer und CEO der Telekommunikationsfirma Softbank und einer der erfolgreichsten Unternehmer Japans, dem Argument der Alternativlosigkeit entgegen. Sein Plan sieht vor, auf 20 Prozent der 340.000 Hektar landwirtschaftlicher Brachflächen in Japan Solarzellen zu installieren. Die Tageszeitung Asahi Shinbun kommentierte, für das Oligopol der Stromproduzenten sei dieses Vorhaben mit der Ankunft der „schwarzen Schiffe“ gleichzusetzen, einer kleinen, aber bedrohlichen Seeflotte unter dem Kommando des US-amerikanischen Seeoffiziers Matthew Calbraith Perry, die im Juli 1853 nahe dem heutigen Tokio ankerte. Sie bestand aus zwei schwarzen Segelschiffen und zwei Dampfschiffen, die dunklen Rauch ausstießen. Mit einem Schreiben des damaligen amerikanischen Präsidenten Fillmore forderte Kapitän Perry die Öffnung der japanischen Häfen. Im Jahr darauf erzwang er den sogenannten „Vertrag über Frieden und Freundschaft“, der diplomatische Beziehungen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten begründete. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wurden ähnliche Verträge mit anderen westlichen Staaten unterzeichnet. Die „schwarzen Schiffe“ sind ein Symbol für das Ende der 200 Jahre währenden Isolationspolitik Japans.

Eine Revolution im Energiesektor wird also in Japan durchaus erwartet. Die Frage ist, ob sich darüber hinaus etwas Grundsätzliches ändern wird und ob diese Änderungen in Richtung einer zweiten, einer reflexiven Aufklärung gehen könnten. Nun ist der Energiesektor für ein hoch industrialisiertes Land wie Japan keineswegs peripher. Er verkörpert zudem jene gesellschaftlich-politische Struktur, die charakteristisch für Japans Weg der Modernisierung von oben ist, der nach Ankunft der „schwarzen Schiffe“ beschritten wurde. In diesem Modell hatte Aufklärung eine klare Richtung und einen klaren Ort: Die Untertanen sollten von Aberglauben und Unwissenheit befreit werden, um tatkräftig an der wirtschaftlichen Modernisierung und militärischen Stärkung des Landes mitzuwirken. „Ein reiches Land, eine starke Armee“ („fukoku ky?hei“), lautete eine der Leitdevisen. Nur so war Japan vor der Kolonisierung durch die westlichen Mächte zu bewahren. Zugleich fürchtete man den modernen Individualismus als Quelle innerer Zerrissenheit, die das Land trotz dieser Bemühungen angreifbar machen würde. Die Wandlung der Untertanen in politisch mündige Subjekte, die ihre Interessen selbst einschätzen und wahrnehmen, war daher jene Seite der Aufklärung, die Japans Modernisierer nicht wollten.

Nach der Ankunft der „schwarzen Schiffe“ kam die japanische Aufklärung also wesentlich von oben und richtete sich nach unten. Ihr Zielbereich war das praktische und theoretische Wissen, nicht aber die politische Willensbildung. So verstand man das Projekt der Moderne wesentlich als ein technokratisches. Auch auf die Atombombenabwürfe und die Niederlage im Pazifischen Krieg 1945 reagierte die politische Elite in diesem Sinne: Man sah, so die Soziologin Yuasa Masae, den eigenen Fehler darin, dass man sich im nationalen Überschwang zu sehr auf die angenommene geistig-sittliche Überlegenheit der japanischen Nation verlassen habe. Wissenschaft und Technik habe man darüber vernachlässigt. Die Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung galt somit als Symbol dafür, dass Japan nun die Kräfte beherrschte, die das Land 1945 besiegt hatten. Sie stand für eine wissenschaftlich-technische Zivilisation, die scheinbar alle materiellen Grenzen überwand: Man konnte auch in Erdbeben- und Flutwellengebieten Städte bauen und AKWs errichten, man musste sie nur mit hohen Dämmen schützen. Aus diesem Traum der technisch beherrschten Welt ist Japan unsanft erwacht. Die Vorschläge einer von der Regierung eingesetzten sogenannten Wiederaufbaukonferenz sehen nun als neues Modell nicht mehr Schadensverhinderung, sondern Schadensbegrenzung durch Anpassung an die natürlichen Verhältnisse an. Damit ist auch offiziell ein Paradigma der Technik anerkannt, das sie in ihren Grenzen und ihrer Ambivalenz begreift – wie dies japanische Technikethiker schon lange gefordert haben.

Aber auch das Gesellschaftsmodell der ersten Aufklärung steht durch die Krise zur Diskussion. Für die frühmoderne Elite galt, Japan sollte eine Gemeinschaft und keine Gesellschaft sein und das Staatsvolk sollte einsichtig an den Zielen seiner Regierung mitarbeiten. Mit dem Kaiserlichen Erziehungserlass von 1890 wurde diese Grundhaltung festgeschrieben.
Die sogenannte Kyoto-Schule, eine einflussreiche Strömung der japanischen Philosophie, arbeitet seit den 1910er-Jahren an der „Überwindung der Moderne“. Individualistischer Widerspruch, gesellschaftlicher Protest und soziale Konflikte gelten der Kyoto-Schule als Verfallszeichen der westlichen Moderne. Ihr Begründer Nishida Kitar? entwickelte eine Identitätsphilosophie, die alle Widersprüche durch Selbstnegation der gesellschaftlichen Gruppen und Individuen in einer ursprünglichen Einheit aufheben wollte. Diesen Fiktionen der Harmonie haben Intellektuelle in Japan schon in den 1930er-Jahren widersprochen. Aber auch die Demokratisierung nach 1945 hat derartige Tendenzen trotz lebhafter Bemühungen von Bürgerbewegungen, Gewerkschaften und Intellektuellen nicht vollständig beseitigt.
Große Teile der Bevölkerung zogen es in der Nachkriegszeit vor, sich auf den wirtschaftlichen Erfolg und die privaten Angelegenheiten zu konzentrieren. Strukturelle Basisentscheidungen wie jene zum Auf- und Ausbau der Kernenergie wurden so weitgehend ohne Bürgerbeteiligung getroffen. Die Bevölkerung außer Sichtweite der AKWs nutzte den dort erzeugten Strom und machte sich, wie der populäre Schriftsteller Katayama Ky?ichi in einem aktuellen Kommentar für die Asahi Zeitung schreibt, wenig Gedanken um seine Herkunft. Das hat sich nun geändert. Katayama fordert von sich und seinen Landsleuten, sich ein eigenes Urteil zu bilden und Verantwortung für die kommenden Entscheidungen zu übernehmen: „Natürlich ist es wichtig, den Unfall zu untersuchen und zu klären, wo die Verantwortung liegt. Aber noch wichtiger ist es doch wohl, dass jeder Einzelne im Staatsvolk jetzt intensiv nachdenkt und seine Einstellung zur Kernenergie zum Ausdruck bringt.“ Am Ende solle eine auf allgemeinen Wahlen beruhende Entscheidung stehen, mit der das Volk bewusst in die Verantwortung für den gewählten Weg einträte. Katayama fährt fort: „Selbst für den hypothetischen Fall, dass das Staatsvolk sich dabei für die Atomkraft entschiede, würde das bedeuten, dass es die Verantwortung für seine Sicherheit in Zukunft selbst übernähme.“
Die bequeme Haltung des braven Staatsvolks, die Regierung für einzelne Fehler zu schelten, sie zugleich aber auch schalten und walten zu lassen, weil „man“ sich nicht politisch engagiert, scheint Risse zu bekommen. Es ist sicher noch zu früh, zu sagen, wo Japan nach den Katastrophen im März hinsteuern wird. Nimmt man aber die hier erwähnten Tendenzen und Äußerungen zusammen, könnte es sein, dass es am Beginn einer neuen Phase der Aufklärung steht. Nachdenken über das Verhältnis zu Wissenschaft und Technik und selbstverantwortliche Beteiligung der Individuen am politischen Prozess wären zwei Hauptthemen dieser Phase, die sich gegenwärtig abzeichnen.



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