„Stille Dramen“

von Sabine Bode

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Die Deutschen gelten als vorbildlich, was die Aufarbeitung des Dritten Reiches angeht. Sehen Sie das auch so?

Ja, das ist richtig. Allerdings haben wir diese Aufarbeitung jahrelang akademisch betrieben. Wir haben sie den Historikern überlassen. Das war nicht falsch und ging wahrscheinlich gar nicht anders. Was aber nun seit einigen Jahren passiert und was sehr heilsam für die Gesellschaft ist, ist die emotionale Aufarbeitung.

Sie empfehlen diese Aufarbeitung auch für Menschen, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr selbst miterlebt haben ...

Es geht dabei um die Jahrgänge der 1960 bis 1975 Geborenen, die sogenannten Kriegsenkel. Sie wussten, dass ihre Eltern Krieg und Vertreibung noch als Kinder miterlebt hatten. Aber emotional erfassen konnten sie das nicht. Sie zogen daraus auch keine Rückschlüsse auf das Verhalten ihrer Eltern.

Warum nicht?

Wer den Krieg als Kind noch miterlebte, hatte oft gar keinen emotionalen Zugang zu seinen wichtigsten Prägungen – Hunger, Bombennächten, Verlust der Heimat oder Vergewaltigungen. Ein Schlüsselsatz dieser Generation ist: „Das war für uns normal.“ Das übertrug sich dann auf die nächste Generation, die unter der Emotionslosigkeit der Eltern litt. Oftmals herrschte bezüglich der Vergangenheit ein Schweigegebot.

Wie haben sich die verdrängten Kriegserlebnisse der Eltern auf die Kinder ausgewirkt?

Viele erzählen von unauflösbaren Ängsten und Blockaden. Bezüglich der Familie fällt sehr oft der Satz: „Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.“ Es gibt Spannungen mit den Eltern, diese sind aber fast immer verdeckt. Die Kinder haben die Bedürftigkeit ihrer Eltern sehr früh verspürt und den Auftrag übernommen, für die emotionale Stabilität der Eltern zu sorgen. Das ist der Hintergrund der stillen Dramen der Kriegsenkel.

Die Schauspielerin Esther Schweins, die zu dieser Generation gehört, erzählte einmal in der ZEIT von einem immer wiederkehrenden Traum, der, wie sich später herausstellte, Teil der verdrängten Geschichte ihrer Mutter war. Wie werden solche Geschichten weitergegeben?

Für diesen Transfer von Bildern gibt es noch keine Erklärung. Dass Gefühle „vererbt“ werden, ist leichter zu verstehen. Beispiel Probealarm: Die Sirene ist für viele nach dem Krieg Geborene beängstigend, weil sie als ganz kleine Kinder die Angst ihrer Eltern gespürt und in sich aufgenommen haben, wenn plötzlich die Sirene ertönte.

Gibt es Zahlen, die Ihre Thesen belegen?

Acht bis zehn Prozent der Menschen, die bis 1945 in Deutschland geboren wurden, leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt Vergleichsstudien in der Schweiz, also einem Land ohne Krieg, und dort sind es nur 0,7 Prozent in dieser Altersgruppe. Michael Ehrmann von der Universität München sagt, dass darüber hinaus noch etwa ein Viertel der „Kriegskinder“ durchaus eine positive Lebensbilanz haben kann. Sie waren gut im Beruf, von außen war alles in Ordnung. Aber trotzdem sind sie in ihrer Lebensqualität durch die Kriegserlebnisse der Kindheit stark eingeschränkt. Diese Menschen haben etwa eine große Angst vor Veränderung.

Wie sieht eine gute „emotionale Aufarbeitung“ für Sie aus?

Wenn Kriegskinder es schaffen, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren, einen Zugang zu ihren Emotionen zu finden, dann bewegt sich tatsächlich etwas. Wenn sich dagegen die sogenannte Generation Golf auf den Weg macht, dann heißt das nicht unbedingt, dass sich dadurch die Beziehung zu ihren Eltern verbessert. Viele machen jedoch, wenn sie sich der belasteten Vergangenheit in ihren Familien stellen, einen Reifeprozess durch, sodass sie die emotionalen Einschränkungen der Eltern wahrnehmen können. Die große Erleichterung der jüngeren Generation kann dann sein, dass sie weiß, dass sie keine Schuld hat, sondern unwissentlich etwas von ihren Eltern übernommen hat. Und für diese kann es eine Erleichterung sein zu verstehen, dass ihre Panikattacken nicht von ihrer labilen Persönlichkeit herrühren, sondern eine Folge ihrer Kindheit im Bombenkrieg sind.

Das Interview führte Christine Müller



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