Braucht der Mensch Klarheit?

Xudong Zhao

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Wir Chinesen sind nicht gerade simpel gestrickt – unsere Köpfe sind von vielen Denkströmungen beeinflusst. Zu den drei wichtigsten zählen Buddhismus und Daoismus, die zur spirituellen Befreiung von Unglück dienen, sowie der Konfuzianismus, der uns lehrt, das tägliche Leben zu organisieren. Seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 sind diese intellektuellen Traditionen jedoch unterdrückt worden. Die kommunistische Denkweise kam aus Deutschland und Russland und war streng materialistisch. Sie interessierte sich vor allem für Technik und Macht. Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus standen nicht mehr in den Lehrbüchern meiner Generation, die während der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 in die Schule kam. Wir lernten stattdessen Naturwissenschaften, Marxismus-Leninismus und ausgewählte Geschichte. Über das traditionelle Denken wussten wir nur, dass es gefährlich war. Wie viele Chinesen unter diesen Denkverboten gelitten haben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, denn die Psychologie war als „Pseudowissenschaft“ verboten worden. Abgesehen von einigen schweren Fällen in der Psychiatrie gab es offiziell keine psychisch Kranken im Kommunismus. 


Nach dem Tod Maos begann sein Nachfolger Deng Xiaoping 1979 viele Reformen. Er beschloss die Ein-Kind-Politik und die wirtschaftliche Öffnung Chinas. Das war ein zweiter Einschnitt im chinesischen Denken und seit dieser Zeit ist die Zahl der psychisch Kranken in medizinischen Studien stark gestiegen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass Chinesen heute mehr Beschwerden haben als früher. Vielmehr ist es so, dass die Ärzte einige Krankheiten, etwa Depressionen, früher nicht so leicht erkennen konnten oder wollten. Angst- und Zwangsneurosen breiten sich nach meinen Erfahrungen aber tatsächlich aus. Der Grund ist einfach: Jahrhundertelang lebten wir in der Situation der sogenannten Ich-Losigkeit. Es gab keine Gedanken über sich selbst, jeder definierte sich durch Rückkopplungen von anderen. Doch ab 1979 musste sich jeder Chinese als Einzelner begreifen und Grenzen zwischen sich und anderen ziehen. Früher hatten wir auch nicht so viele Wünsche und Ziele. Unsere nationale Philosophie betonte Anpassungsfähigkeit, Toleranz und Flexibilität. Wir konnten mit Pech umgehen, ohne darunter zu leiden, weil wir das Schicksal akzeptierten, anstatt darüber nachzugrübeln. Wir brauchten keine Klarheit. Aber die westliche Vernunft hat China völlig verändert. Heute herrscht geradezu eine Sucht nach Genauigkeit, Zuverlässigkeit und Wahrheit. Wir wollen analytisch sein und die Entweder-oder-Logik benutzen. Früher waren wir nicht so stur.


Menschen werden zu Neurotikern, weil sie gegen sich selbst kämpfen. Der Daoismus lässt die Leute ruhig und friedlich werden – er lehrt sie, mit der Natur zu leben, nicht gegen sie. Inzwischen möchten viele Chinesen dieses alte Wissen nachholen. Es erscheinen immer mehr Bücher zum traditionellen Denken. Die vergessenen Werte der Anpassungsfähigkeit, der Flexibilität und der Toleranz kommen langsam wieder. Die moderne Technik hilft dabei: Es ist so einfach geworden, traditionelles Wissen über das Internet zu bekommen! Mein Sohn ist 21 Jahre alt und seine Generation weiß im Durchschnitt viel mehr von Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus als ich in ihrem Alter. Eine meiner Studentinnen hat die Ehe- und Lebenszufriedenheit von Männern und Frauen erforscht, die zur ersten Generation nach Einführung der Ein-Kind-Politik gehören. Sie fand heraus, dass diese Menschen eine größere Anpassungsfähigkeit und Zufriedenheit haben als die Generation ihrer Eltern. Ich glaube deshalb, dass in China eine Kompensationsdynamik wirkt, die sehr gut funktioniert. Wir müssen uns China langfristig anschauen – nicht den statischen Momenteindruck, sondern die dynamische Entwicklung. Ich glaube nicht, dass meine Eltern weniger Probleme hatten als ich. Im Gegenteil, sie hatten viel größere Probleme. Und ihre Eltern hatten noch größere Probleme. Ich bin nicht pessimistisch. Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Und ein chinesisches Sprichwort besagt: Es gibt immer mehr Lösungen als Probleme. 

Protokolliert von Oskar Piegsa



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