Warum wir uns überall ohne Sprache verstehen

von Giora Feidman

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Natürlich sind mir dabei auch Unterschiede aufgefallen. In Japan gehe ich auf die Straße und verstehe kein Wort. Aber sobald ich auf der Bühne stehe, fühlen die Menschen, was ich spiele. Um zu verstehen, brauchen wir keine Sprachkenntnis. Weltweit singen Mütter für ihre Kinder, denn es ist die einzige Sprache, die jedes Neugeborene auf der ganzen Welt von der ersten Stunde an versteht. Es mag sein, dass Menschen unterschiedlich denken, aber die wesentlichen Botschaften werden zwischen den Seelen ausgetauscht.

Die Ausgangssituation kann dabei ganz verschieden sein. Einmal habe ich für Fernsehaufnahmen als Straßenmusikant auf der Fifth Avenue gespielt. Keiner erkannte mich und es war viel schwieriger, die Menschen zum Zuhören zu bewegen. Aber dann war es wie immer, denn die Menschen sind eine Familie. Ob Rio de Janeiro oder Tokio, es ist eine Melodie und eine Reaktion. Ein Arzt kann nicht erkennen, ob du aus Deutschland, Israel oder Argentinien kommst, wenn er dein Herz untersucht. Es schlägt überall gleich. In jedem Land, in dem ich gewesen bin, gab es Steaks. Nur haben die Menschen unendlich viele verschiedene Namen dafür erfunden.

Protokolliert von Timo Berger und Laura Breuer



Ähnliche Artikel

Oben (Weltreport)

Bye Bye Britain

von Jess Smee

Mit Songs, Skulpturen und Installationen leisten britische Künstler Widerstand gegen den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union

mehr


Großbritannien (Theorie)

„Bildung ermöglicht kulturellen Austausch“

von Mario Fortunato

Was ist kulturelle Bildung?

mehr


Am Mittelmeer. Menschen auf neuen Wegen (Wie ich wurde, was ich bin)

„Ich glaube nichts sofort“

von Avi Primor

Wie man als Diplomat lernt, die Dinge von zwei Seiten zu betrachten - und sich an die Deutschen und klassische Musik gewöhnt

mehr


Talking about a revolution (Ich bin dafür, dass ...)

Ich bin dafür, dass wir eine Weile auf „Aida“ verzichten

ein Kommentar von Krystian Lada

Mozart, Puccini, Verdi: Auf den Opernbühnen dominiert das klassische Repertoire, inzeniert von weißen Männern. Ein Plädoyer für neue Spielpläne

mehr


Une Grande Nation (Weltreport)

So klingt die Levante

von Ulrich Gutmair

Israelische Bands und DJs beschäftigen sich immer mehr mit der Musik ihrer Nachbarländer 

mehr


Rausch (Weltreport)

„Die Wüste war unsere Musikschule“

ein Interview mit Ahmed Ag Kaedi

Ein Gespräch mit dem Tuareg-Gitarristen über den Blues aus Mali und die verbindende Kraft von Liedern

mehr