Wie man sich in Burkina Faso beschimpft

von Wilfried Zoungrana

Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert (Ausgabe IV/2011)


Wir haben 60 Ethnien und jede ist mit mindestens einer anderen „scherzverwandt“. Das bedeutet, dass man sich gegenseitig beschimpfen und beleidigen darf, etwa als Schwein, Viehdieb oder Sklave. Das passiert bei jeder Gelegenheit – auf Hochzeiten, auf Ämtern und sogar bei Beerdigungen. Jemand ruft plötzlich am Grab: „Du hast nichts getaugt, du warst nur eine Last!“ Für Ausländer ist das verstörend, für uns total normal. Es ist sogar Pflicht, dass man seinen Frust so ablässt, aber immer mit Heiterkeit und Freude. Das Lachen zeigt an, dass man den Kodex verstanden hat.

Schon im 13. Jahrhundert legte der Kaiser des damaligen Malireiches Scherzverwandtschaften zwischen verschiedenen Völkern fest, um Frieden zu stiften. Heute wird das Konzept über die ethnische Konstellation hinaus erweitert und verbindet Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts, sofern sie es nur wollen.

In Spottbeziehungen können Menschen gewaltlos ihre Feindbilder offenlegen. Das ist wie verbaler Genozid. Das ist Theater im realen Leben. Christoph Schlingensief war fasziniert davon. In seiner Inszenierung „Via Intolleranza II“ erweiterte er das Konzept der Scherzverwandtschaft auf die Beziehungen zwischen Europäern und Afrikanern. Da sagt zum Beispiel ein Weißer zum Afrikaner: „Du dickes schwarzes Ding!“, oder ein Schwarzer schickt die Europäer zur Hölle. Und alle lachen.

Protokolliert von Carmen Eller



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