Liebe ohne Fantasie

von Najem Wali

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Man sollte sich nicht davon blenden lassen, dass der Roman es bis auf die Shortlist des Arabischen Booker-Preises 2009 brachte, und auch nicht dadurch verführen, dass die Übersetzerin, die Leipziger Orientalistin Regina Karachouli, dem Roman ein informatives Essay beigefügt hat, in dem sie Lesern die Lektüre des Romans quasi aufoktroyiert. Im Prospekt des Adab-Verlages, bei dem die arabische Originalfassung erschienen ist, heißt es, der Roman „folge einer Liebesgeschichte in all ihren Phasen, vom ersten Blickkontakt bis hin zur Trennung. (...) Hier begegnen sich zwei Kulturkreise und treffen konflikthaft aufeinander.“ Der Zusammenprall zweier Kulturen beziehungsweise deren Annäherung durch die Liebe ist ein reiches literarisches Thema, das viel hergibt, allerdings unter der Voraussetzung, dass es mit viel Fantasie abgehandelt wird. Leider gelingt es dem Autor Habib Selmi jedoch nicht, unter die Oberfläche dieser Beziehung vorzudringen.

Der Mann: Machfudh, ein junger Tunesier, lebt seit neun Jahren in Paris. Einst war er zum Literaturstudium hergekommen. Statt in das Beduinendorf, aus dem er stammt, zurückzukehren, ist er lieber geblieben und versieht nachts den Rezeptionsdienst im Hotel eines marokkanischen Freundes. Die Frau: Marie-Claire, eine Französin, älter als Machfudh. Die beiden lernen sich zufällig im Café kennen und schon bald beschließt Marie-Claire, bei ihm einzuziehen. Sie hat ein Studium der Geografie abgebrochen und ist Schalterbeamtin bei der Post. Anfangs sind die beiden frisch verliebt: Sie frühstücken zusammen, sehen zusammen fern, gehen ins Restaurant, fahren in den Urlaub. Marie-Claire bringt Machfudh bei, wie man Pflanzen pflegt, während Machfudh seinerseits sich der selbst gestellten Aufgabe widmet, ihr klassisch-arabische Gedichte nahezubringen.

Unvermittelt kommt es zum Bruch in Machfudhs Leben. Während eines gemeinsamen Urlaubs auf Kreta findet er Gefallen am Po einer Griechin. Als er nach der Rückkehr Lust auf Marie-Claire verspürt und sich von hinten an sie schmiegt, stößt sie ihn weg. An jenem Morgen beginnt die Beziehung der beiden zu zerfallen. Machfudh selbst erklärt sich dies dadurch, dass Marie-Claire mit ihrem untrüglichen weiblichen Instinkt durchschaut hat, dass er in Wirklichkeit gar nicht sie begehrte und dass er, anders als gewohnt, impulsiv und aggressiv vorging sie müsse in seinem Verhalten etwas Unechtes, Vorgespieltes ausgemacht haben.

Da der Leser jedoch, anders als der Protagonist selbst, nicht davon ausgeht, dass der Grund für das Auseinanderbrechen einer Beziehung und den Tod der Liebe allein in unerwiderter morgendlicher Lust zu suchen ist, erliegt er seiner Neugier und setzt die Lektüre der verbleibenen 80 Seiten in der Hoffnung fort, einen anderen, überzeugenderen Grund zu finden. Doch vergebens: Anstatt dass die Handlung mit sich überschlagenden Ereignissen dramatisch zugespitzt wird, plätschert der Rest matt vor sich hin und verliert sich in leeren Worthülsen und Füllseln.

Zweifellos verfolgte Habib Selmi, der selbst seit drei Jahrzehnten in Paris lebt, mit seinem Roman nur die besten Absichten. Er wollte die Beziehung einer Frau und eines Mannes aus zwei verschiedenen Kulturkreisen, einer Französin und eines Arabers, nachzeichnen, erzählen, wie diese zusammenleben und wie es am Ende zum konflikthaften Zustammenstoß der Kulturen kommen muss. Doch ein Roman kann nicht allein von guten Absichten leben, ein Roman besteht nicht nur aus „er sagte“ und „er erwiderte“, ein Roman braucht einen Handlungsfaden und aufeinander aufbauende Ereignisse, bei denen jeder Zusammenprall neue Funken und Splitter hinterlässt. Habib Selmi dagegen präsentiert uns zwei fertige Charaktere wie der Inhaber eines Restaurants, der seinen Gästen nur zwei Fertiggerichte anbietet. Sie bringen uns nichts Neues, das zu weiteren Entdeckungen anstacheln würde.

Wer die langatmige Beschreibung Marie-Claires liest, den beschleicht von Anfang an das Gefühl, es mit einer Art Comicfigur zu tun zu haben, die sich der Autor nach eigenem Gusto schemenhaft zurechtgeschnitten hat, und nicht mit einer französischen Frau aus Fleisch und Blut. Sie ist nichts als die imaginäre Französin der Träume, den arabischen Vorstellungen des Autors entsprungen, sorgfältig verpackt und dem Protagonisten Machfudh als Geschenk überreicht, dessen Stimme schließlich die einzige ist, die sich hier Gehör verschafft. Am Ende kann der Ich-Erzähler Marie-Claire nicht dazu bringen, bei ihm zu bleiben, sie verlässt ihn abschiedslos – und genauso ergeht es dem Leser: Selmi hat Mühe, ihn zur Fortsetzung der Lektüre bis zur letzten Zeile zu bewegen. 
 

Meine Zeit mit Marie-Claire. Von Habib Selmi. Lenos Verlag, Basel, 2010.



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