Autonome Künstler

von Olaf Schwencke

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Bernd Wagner, leitender Redakteur der „Kulturpolitischen Mitteilungen“, gehört zu denjenigen, die die kultur- und theaterpolitischen Debatten über Jahre immer wieder mit neuen Ideen und mit Engagement befruchtet haben. Obwohl kulturpolitisch längst etabliert, hat er sich an die Arbeit einer kulturtheoretischen Dissertation gemacht. Sie wurde 2008 an der Stiftungsuniversität Hildesheim angenommen und liegt jetzt als wohl wichtigste Publikation zur Geschichte der Kulturpolitik vor.

Wagner untersucht die Traditionslinien der Kulturpolitik-Geschichte, wofür ihm als Grundlage das Prinzip der „Autonomie von Kunst und Künstler gegenüber ihrer Einbindung in Religion, Macht und Alltag“ als Leitvorstellung dient. Als Beleg für das Herausbilden von Kultureinrichtungen analysiert er die Periode der höfischen, bürgerlichen und proletarischen Kultur bis hin zur Neuen Kulturpolitik in den 1970er-Jahren eingehend. Schon allein seine Hinweise auf bisher von der Kulturpolitik-Forschung nicht beachtete Dokumente lohnen die Lektüre.

Wagner beachtet stringent die epochenhafte Verschränkung von Kultur und Politik und bringt die Entwicklung in ihrer Genesis kulturpolitisch auf den Punkt. Mit dieser erstmaligen Gesamtschau kulturgeschichtlicher und kulturpolitischer Darstellung hat er neue Maßstäbe gesetzt.

So ist Hermann Glaser durchaus recht zu geben, wenn er in seinem Geleitwort zum Buch feststellt, dass Wagners Dissertation ein „imposanter Markstein (...) im Bereich von Kulturarbeit und Kulturgeschichte“ ist und eine „unentbehrliche Orientierung“ darstellt.

Vergleichbare kulturpolitikgeschichtliche Untersuchungen wären auch für andere westeuropäische Länder wünschenswert – nicht zuletzt, um die kulturelle Dimension Europas für jedermann deutlich ins Blickfeld zu rücken.

Fürstenhof und Bürgergesellschaft. Zur Entstehung, Entwicklung und Legitimation von Kulturpolitik. Von Bernd Wagner. Klartext Verlag, Essen, 2009.



Ähnliche Artikel

Eine Geschichte geht um die Welt (Praxis)

In eigenen Händen

von Leonie Düngefeld

Die NGO Ketaaketi geht neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie setzt auf Autonomie und Eigeninitiative der Menschen in den Partnerländern

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Bücher)

Public Diplomacy

von Gudrun Czekalla

Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift The Annals, die von der American Academy of Political and Social Science an der University of Pennsylvania herausgegeben...

mehr


Good Morning America. Ein Land wacht auf (Essay)

Zeitenwende

von Jos de Mul

Wie die digitale Revolution unsere Wahrnehmung von Geschichte verändert

mehr


Iraner erzählen von Iran (Bücher)

Als Janie noch Mei war

von Michael Ebmeyer

Harter Stoff, weich erzählt: In ihrem neuen Roman beschreibt Madeleine Thien, wie die Roten Khmer in Kambodscha Idenititäten zerstörten

mehr


Eine Geschichte geht um die Welt (Thema: Eine Geschichte geht um die Welt)

Eine Geschichte geht um die Welt (Kapitel 3 von 8)

von Tope Folarin

Während des Corona-Lockdowns haben wir acht internationale Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten, gemeinsam eine Erzählung zu schreiben. Kapitel 3

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Bücher)

Public Diplomacy

von Gudrun Czekalla

Seit über 60 Jahren bemüht sich die amerikanische public diplomacy mit wechselndem Erfolg, die arabische öffentliche Meinung zu erreichen. Mit welchen Maßnahmen...

mehr