Der Nachhall der Diktatur

Dieter Ingenschay

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Argentinien hat seit dem 19. Jahrhundert, besonders aber in den letzten 90 Jahren, eine herausragende, vielseitige und engagierte Literatur hervorgebracht. Das zentrale Thema der Gegenwart ist dabei die Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur (1976-1983), wobei die deutsche Vergangenheitsbewältigung als Vorbild dient. 


Eine beeindruckende Kompilation von Fotos, Essays und Gedichten stellt Gustavo Germano in dem Band „Verschwunden“ vor. Die euphemistisch als „Verschwundene“ („desaparecidos“) bezeichneten, von den Schergen des Regimes verschleppten Menschen und deren von regimetreuen Familien adoptierte Kinder sind ein kardinales Thema auch der Fiktion. Der Identitätskonflikt eines entführten Kindes wurde schon vor Jahren in Elsa Osorios „Mein Name ist Luz“ behandelt. Nun schildert die junge Parlamentsabgeordnete Victoria Donda in „Mein Name ist Victoria“ das Schicksal einer jungen Frau, die sich in einer Vermisstenorganisation engagiert und dann feststellt, dass sie selbst „eine andere“ ist und eigentlich Analía heißt. Der DNA-Test liefert eine nicht immer einfache Wahrheit und eine nicht immer geliebte Familie. Einige Fotos und der Hinweis, dass „einige Namen“ geändert seien, verweisen auf den dokumentarischen Charakter dieses Buches. Ganz undokumentarisch wird die Vergangenheit im Genre des Kriminalromans verarbeitet, etwa in Maria Teresa Andruettos „Wer war Eva Mondino?“, einem Roman über eine gefolterte Frau, dessen Stil eine juristische Untersuchung imitiert. Einen Rückblick auf die 1970er-Jahre, als die Träume der 1968er-Generation von einer besseren Welt in Argentinien jäh durch die Diktatur beendet wurden, und die direkte Auseinandersetzung mit den Tätern von einst liefert Martín Caparrós „Wir haben uns geirrt“. Unter dem strengen Regime einer Aufseherin stehen die Schüler einer Eliteschule in „Sittenlehre“, dem jüngsten Roman von Martín Kohan. In die Handlung spielen Militärherrschaft und Falkland-Krieg hinein, bis eines Tages die Schulleitung abgelöst wird – eine Metapher auf das Ende der Diktatur. Auch Marcelo Figueras’ Romane beleuchten die Diktatur von ihrem Ende her. Während „Das Lied von Leben und Tod“ im Süden des Landes, in Patagonien, im Jahre 1984, spielt, wird in „Der Spion der Zeit“ die Auseinandersetzung mit der argentinischen Geschichte in ein fiktives Land verlegt, das unter der Schreckensherrschaft des Militärs steht. Postdiktatorial in mehrfachem Sinn ist Leopoldo Brizuelas „Nacht über Lissabon“, in dem das Schicksal europäischer Juden geschildert wird, die vor den Nazis nach Lissabon geflohen sind und auf die Rettung durch das Schiff „Boa Esperança“ hoffen.


Neben der Vergangenheit ist die moderne Lebenswelt von Buenos Aires zentrales Thema aktueller Narrativik. Unter den drei Romanen von César Aira ist „Die Nächte von Flores“ hervorzuheben, ein Stadtroman im Lokalkolorit des „besseren“ Viertels Flores, das hier im Zeichen jener Krise steht, die vor Jahren auch die Mittelklasse in größte Probleme stürzte. Im einst und wieder jüdisch geprägten Stadtteil Once ist der erste hierzulande publizierte Roman des jungen Autors Ariel Magnus angesiedelt, „Ein Chinese auf dem Fahrrad“, der hinter einer wilden Handlung mit Brandstiftung und Geiselnahme eine humorvolle und tiefgründige Skizze der multikulturellen Metropole entwirft. Leider liegt Magnus’ wunderbarstes Buch, „La abuela“, nicht auf Deutsch vor, der wahre Bericht seiner aus Elberfeld stammenden Großmutter, welche eine Fahrkarte nach Auschwitz erstand, um ihre Mutter zu besuchen.


Aus Anlass der Buchmesse wurde ein schmaler Band ins Deutsche übersetzt, den die Lateinamerikanisten als den ersten Diktatorenroman kennen, Auftakt eines bis heute in Südamerika florierenden Genres: Die mit biblischen Metaphern gespickte Novelle „Der Schlachthof“ von Esteban Echevarría entstand vor 160 Jahren unter der Diktatur Juan Manuel de Rosas’. 


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts luden argentinische Regierende – übrigens aus rassistischen Gründen, nämlich zur Stärkung weißer Bevölkerungsanteile – europäische Juden zum Siedeln in der Pampa ein. Alberto Gerchunoffs „Jüdische Gauchos“, ein lebhafter Bericht, der ein Jahrhundert nach seinem Entstehen auf Deutsch vorliegt, legt ein Zeugnis voll Humor und Hoffnung darüber ab. Als Klassiker der Gegenwart gilt der jüngst verstorbene Tomás Eloy Martínez, dessen ironisch verzerrte Evita-Biografie „Santa Evita“ den einbalsamierten Leichnam der First Lady gleich in mehreren Exemplaren auf eine wilde Odyssee schickt. 
 Die Buchmesse ermöglicht es, auch argentinische Dichtung gedruckt zu vermarkten, so „Mundar – Welteln“, Gedichte des Cervantes-Preisträgers Juan Gelman, aber auch die Großstadtgedichte des jungen Lyrikers Fabián Casas „Mitten in der Nacht“ oder die melancholische Poesie von Héctor Dante Cincotta „Das Alter der Wolken“. 


Renate Kroll hat die reiche Biografie „Mein Leben ist mein Werk“ über die weltgewandte „Grande Dame“ der argentinischen Kultur Victoria Ocampo geschrieben, welche in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Intellektuellen um sich scharte. Letztlich sei auf zwei Anthologien verwiesen, die Michi Strausfeld, eine der besten Kennerinnen hispanischer Literatur, besorgt hat: einen Rückblick auf die klassischen Autoren in „Der Vorabend aller Pracht“ und einen höchst gelungenen Querschnitt durch die Literatur der Gegenwart in „Schiffe aus Feuer“.

Verschwunden. Von Gustavo Germano. Verlag Münchner Frühling, München, 2010. 
 
 Mein Name ist Victoria. Von Victoria Donda. Knaur, München, 2010. 
 
 Wer war Eva Mondino? Von Maria Teresa Andruetto. Rotpunktverlag, Zürich, 2010. 
 
 Wir haben uns geirrt. Von Martín Caparrós. Berlin Verlag, Berlin, 2010. 
 
 Sittenlehre. Von Martín Kohan. Suhrkamp, Berlin, 2010. 
 
 Das Lied von Leben und Tod. Von Marcelo Figueras. Nagel & Kimche, Zürich, 2008.
 
 Der Spion der Zeit. Von Marcelo Figueras. Nagel & Kimche, Zürich, 2010. 
 
 Nacht über Lissabon. Von Leopoldo Brizuela. Insel, Frankfurt a.M., 2010. 
 
 Die Nächte von Flores. Von César Aira. Claassen, Berlin, 2009. 
 
 Ein Chinese auf dem Fahrrad. Von Ariel Magnus. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010. 
 
 Der Schlachthof. Von Esteban Echevarría. Lux, Wiesbaden, 2010. 
 
 Jüdische Gauchos. Von Alberto Gerchunoff. Hentrich & Hentrich, Berlin, 2010. 
 
 Santa Evita. Von Tomás E. Martínez. Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1996. 
 
 Mundar – Welteln. Von Juan Gelman. Edition Delta, Stuttgart, 2010. 
 
 Mitten in der Nacht Von Fabián Casas. Lux, Wiesbaden, 2009. 
 
 Das Alter der Wolken. Von Héctor Dante Cincotta. Edition XIM Virgines, Düsseldorf, 2009. 
 
 Victoria Ocampo. Mein Leben ist mein Werk. Von Renate Kroll. Aufbau Verlag, Berlin, 2010. 
 
 Der Vorabend aller Pracht. Hrsg. von Michi Strausfeld. die horen, Bremerhaven, 2010. 
 
 Schiffe aus Feuer. Hrsg. von Michi Strausfeld. Fischer, Frankfurt a.M., 2010.



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