„Machtpolitik und Marketing“

von Linda Polman

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


„Es gibt einen Markt für gute Taten, und der ist ein Riesengeschäft“, sagt Nicholas Stockton, der ehemalige Geschäftsführer von Oxfam, und spricht sogar von „Moral-Ökonomie“. Insgesamt 120 Milliarden Dollar stellen die reichen westlichen Geberländer für die internationale Entwicklungszusammenarbeit jährlich bereit. Durch Kampagnen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Kirchen, Unternehmen und Vereinen sowie Spenden an der Haustür und andere spontane herzerwärmende Initiativen auf lokaler Ebene kommen jedes Jahr weitere Hundert Millionen Dollar hinzu. Kein Wunder, dass sich eine ganze Hilfsindustrie entwickelt hat.

Die Zahl der NGOs, die ein Stück vom Milliardenkuchen wollen, steigt jedes Jahr. Das United Nations Development Programme (UNDP) schätzt ihre Zahl auf derzeit 37.000. Die Hemmschwelle, sich in ihre Schar einzureihen, ist niedrig. Hilfeleistungen bewegen sich in einem freien Markt, in dem jeder, der erfolgreich Mittel akquiriert, seinen Stand aufstellen darf. In Afghanistan gibt es allein in Kabul über 2.000 entsprechende Organisationen in Haiti wird ihre Zahl auf über 10.000 geschätzt.

In seinem Buch „Giving: How Each of Us Can Change the World“ begrüßt Bill Clinton dieses Phänomen überschwänglich. Er schreibt von einer „Flut von Privatpersonen, die sich einer guten Sache widmen“ und interpretiert diese als „beispiellose Demokratisierung der Wohlfahrt“. Eher skeptische Menschen bezeichnen diese allerdings als „laienhafte Rotkreuze“, „Cowboys“, „Desaster-Groupies“ oder „MONGOs“: My Own NGOs. Eine besondere Kategorie innerhalb dieser Sparte sind die „lokalen Partner“ westlicher NGOs Organisationen, die oft von Politikern und Beamten aus den armen Ländern vor Ort geleitet werden. Man bezahlt diese dafür, Hilfsprojekte umzusetzen, die in den fernen Geberländern konzipiert wurden. Ein Beamter, Ortsvorsteher oder sogar Minister, der einem NGO-Projekt als Berater zur Seite steht oder an der Spitze seiner eigenen MONGO steht, verdient unter Umständen ein Vielfaches von dem, was in seinem Land üblich ist.

Zu ihrem Entsetzen muss die Öffentlichkeit mit ansehen, dass NGOs genauso Machtpolitik, Marketing und Branding betreiben wie Shell oder Coca Cola. Aufgrund der Konkurrenz sind NGOs eher auf Fundraising und medienwirksame Öffentlichkeitsarbeit fixiert als auf humanitäre Ziele. Die Erfahrung hat MONGOs und lokale Partner zudem gelehrt, dass die Verschwendung von Hilfsgeldern ungestraft bleibt und Projekte weiter gefördert werden, auch wenn deren Ergebnisse nicht zufriedenstellend sind. Das Geld ist bestimmten Projekten zugewiesen worden und muss nun auch entsprechend ausgegeben werden. Die Relevanz und die Ergebnisse von Hilfsprojekten stehen dabei nicht im Vordergrund. Ob die Geber nun Regierungen oder NGOs sind, die lokale Partner einstellen – sie bewahren in der Regel Stillschweigen über Diebstahl, Betrug und Fehlschläge, denn ein Eingeständnis würde ihrem Image schaden. Aus dem gleichen Grund unternehmen sie auch keinen Versuch, den aus MONGOs, Laien und Betrügern resultierenden Schaden zu erfassen. Und für uns, die wir als Bürger ein Projekt unterstützen, ist es unmöglich, dessen Qualität zu kontrollieren. Wir können nicht alle in Malawi oder Ghana nachprüfen, wofür unsere zehn Euro ausgegeben werden.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele MONGOs, die Fördermittel beantragen, auf der neuesten Welle der Hilfsindus-trie schwimmen. Wenn Geberländer entscheiden, dass das „Hilfskonzept du jour“ der „Aufbau der Zivilgesellschaft“ oder „verantwortungsbewusste Regierungsführung“ sein muss, passen clevere Hilfsorganisationen ihre Projektvorschläge und Webseiten (nach dem Vorbild größerer NGOs) einfach diesen Slogans an. Andere beliebte Schlagwörter in der Welt der Geber sind „capacity building“ (Aufbau von Kapazitäten), „gender equality“ (Gleichstellung von Männern und Frauen) und „local ownership of policies“ (Eigenverantwortung). Man muss diese Schlagwörter dann nur noch miteinander verknüpfen: „Der Aufbau von Kapazitäten ist der Schlüssel zur Gleichstellung von Männern und Frauen.“ Dieser Trick funktioniert sogar bei Wörtern wie „Kunstdünger“: „Kunstdünger ist der Schlüssel zum Aufbau der Zivilgesellschaft.“

Die Mehrheit der MONGOs kann nichts über die Wirksamkeit ihrer Arbeit aussagen, da sie keine entsprechenden Studien durchführt. Ist es ein Rätsel, warum wir diese Organisationen trotzdem unterstützen? Nein, denn sie profitieren von der Illusion, in der wir gerne leben, dass wir uns durch eine Spende von 50 Euro an eine wohltätige Organisation von der Verantwortung für eine gerechte Welt loskaufen können. Einige NGOs leisten gottlob gute Arbeit unter schwierigen Umständen. Viele andere tun dies jedoch nicht. Betrüger und Amateure überleben nur dank gedankenloser Spenden. Wenn eine Organisation behauptet, Menschen oder gar ganzen Gesellschaften zu helfen, sind wir angehalten, ihnen Fragen zu stellen. Wem helfen sie: den Armen und Schwachen oder sich selbst? 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



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