„Männer tun anderen an, was ihnen angetan wurde“

ein Interview mit Pinar Selek

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Wann ist ein Mann ein Mann – in der Türkei?

Traditionell gibt es in der Türkei fünf Stufen. Der Mann muss sich beschneiden lassen, Militärdienst leisten, Arbeit finden, eine Frau besitzen und Kinder von dieser Frau zur Welt bringen lassen. Je mehr, desto besser. Der Kampf um das Mannsein hört nie auf. Jederzeit kann man ihn verlieren, etwa wenn man nichts besitzt oder keine Macht zeigen kann. Man muss sich immer beweisen.
 
Einige der Rituale zur Mannwerdung wie etwa die Beschneidung sind sehr intim. Trotzdem werden sie als Feier öffentlich zelebriert. Warum?

Ich habe mich über diesen Widerspruch in der Türkei auch immer gewundert. Zum einen ist man sehr konservativ und verschlossen, zum anderen werden die intimsten Sachen zur Show, etwa wenn öffentlich eine Bescheidung durchgeführt wird. Es gibt immer noch Dörfer in der Türkei, in denen man nach der Hochzeitsnacht aus dem Haus geht, das blutige Laken zeigt und einen Schuss abfeuert. In allen autoritären Systemen herrscht eine gewisse Verlogenheit: Je mehr man etwas unterdrückt, beispielsweise Sexualität, desto mehr möchte man darüber reden. 
 
Wie beeinflussen diese Rituale die gesellschaftliche Rolle des Mannes?

Alles, was der Mann im politischen oder gesellschaftlichen Bereich leisten muss, ist mit dem Geschlecht verbunden. Im Militär zum Beispiel gibt man ihm die Waffe in die Hand und sagt: „Das ist deine Frau. Würdest du deine Frau jemand anderem anvertrauen?“ Im Fußballstadion redet man davon, dass ein Spieler da oder dort „eingedrungen“ ist. Das Organ zwischen den Beinen eines Mannes ist ein Machtorgan. Die Feministinnen haben eine wichtige Parole: Sie sagen: „Was intim ist, ist auch politisch.“

Sie schreiben in Ihrem Buch, der Mann werde beim Militärdienst „abgebrüht“ und „gegart“. Warum?

Das Ziel des Militärs ist nicht, den Menschen stark zu machen, sondern ihn dem Staat zu unterstellen. Ja, der Mann wird abgebrüht.Ich denke, dass der Mensch einen Willen hat und die Dinge, die ihm aufgezwungen werden, verändern kann. Aber die Herrschaftsformen sind so unterschiedlich, so mächtig, so groß, dass der Mensch zum Material wird. Sobald er sich aber dessen bewusst wird, was los ist, hat er auch die Kraft, es zu verändern. 
 
Einige Männer im Buch erzählen von „Willkommensohrfeigen“. Sind solche Demütigungen im türkischen Militär die Ausnahme? 

Nein. Sie sind im Militär weit verbreitet. Es erzählt auch jeder Soldat davon, dass er Bäume grüßen oder sich vor ihnen für etwas entschuldigen musste. Das ist sehr herabwürdigend, aber die Männer erzählen das hinterher so, als wäre es ein Witz. Das Militär zeigt dir, dass die Staatsmacht dich auch demütigen kann. 
 
Nach welchen Kriterien haben Sie die Männer ausgesucht, die im Buch zu Wort kommen?

Wir wollten, dass verschiedene Klassen, Berufe und politische Einstellungen vertreten sind. Die meisten Männer, mit denen wir sprachen, waren Befürworter der AKP, der jetzigen Regierungspartei. Wir wollten, dass Kurden dabei sind, Armenier und Türken. Einige Männer bekamen Angst und machten nicht weiter. Zuletzt hatten wir 58 Gesprächspartner und Tausende Seiten Dokumentation. 
 
Wie wirken sich die Erfahrungen im Militär auf das weitere Leben der Männer aus?

Der Mann wird gedrillt, militarisiert und verstaatlicht in die türkische Gesellschaft zurückgeschickt. Diese ist sehr hierarchisch aufgebaut. Der Mann ist zwar vom Staat selbst gebeugt worden, aber er hat auch gelernt, anderen das anzutun, was ihm angetan wurde. Das Militär spielt zudem eine große Rolle in der türkischen Gesellschaft. Die Gründung der Republik, die Demokratisierung, die Modernisierung, das alles wird ihm zugeschrieben.Das Militär hat in der Türkei dreimal geputscht und einen Ministerpräsidenten erhängt. 
 
Sie sind wegen eines Bombenanschlags in Istanbul angeklagt. Wie kam es zu diesem Verfahren?

Seit zwölf Jahren bin ich Zielscheibe des Staates, man fordert für mich 36 Jahre Einzelhaft. Es hat die Machthaber gestört, dass ich mich als türkische Intellektuelle mit dem kurdischen Problem befasste. Ich wurde 1998 festgenommen und sollte die Namen von den Menschen verraten, mit denen ich gesprochen hatte. Das habe ich nicht getan. 
 
Was passierte dann?

Ich wurde noch in Gewahrsam der Polizei schwer gefoltert und bekam unter anderem Elektroschocks am Kopf. Dann inhaftierten sie mich. Einen Monat später hieß es im Fernsehen, ich hätte im Auftrag der PKK auf einem Istanbuler Basar Bomben gelegt. Die Machthaber riefen mich zur Hexe aus.
 
In der Türkei startete auch eine Kampagne für Sie.

Ja. Man versuchte, mich zu marginalisieren, aber das hat man nicht geschafft. Ich konnte also auch ganz gut die Ohnmacht der Männer beobachten.

Das Interview führte Carmen Eller



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