Zurück nach Hause

von Vamba Sherif

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Zuletzt hatte ich Kolahun, meinen Geburtsort in Liberia, 1990 gesehen und jetzt, im März 2010, begab ich mich wieder dorthin. Am Tag zuvor war ich aus den Niederlanden in der Hauptstadt Monrovia angekommen. Ich machte mir Sorgen, denn es kursierten entsetzliche Geschichten von Menschen, denen man auf solchen Reisen Gift unter das Essen gemischt hatte. Nach dem Bürgerkrieg ersetzte Gift die Gewehrkugeln. Der Feind war überall.

Ich war bei meinem älteren Bruder untergekommen, der sich um über 30 Familienmitglieder kümmerte, vor allem Jugendliche, deren Eltern den Krieg nicht überlebt hatten. Die Nacht war unruhig: Kirchenlieder, Trommeln und Rasseln zerrissen die Luft. Der Fahrer holte mich im Morgengrauen ab. Zum Schutz nahm ich einige meiner Cousins als Bewacher mit. Wir beluden den Jeep mit Reissäcken und anderen Nahrungsmitteln für die Familie. Als die Stadt erwachte, hatten wir ihre Grenze längst überquert.

Ich staunte, wie geschickt der Fahrer die Schlaglöcher umfuhr, mit denen die Straßen übersät waren. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er: „Ich war im Krieg Fahrer einer Rebellengruppe.“ Er war kräftig wie ein Ringer, mit O-Beinen und blutunterlaufenen Augen. In einer Hitze, in der ich nicht hatte schlafen können, trug er Mütze und Winterstiefel. Seine Worte versetzten mir einen Schlag. Ich saß neben einem Mann, der am Krieg teilgenommen und wahrscheinlich getötet hatte. Dieser Krieg begann 1989 mit einer Rebellengruppe unter Führung von Charles Taylor, der den damaligen Präsidenten Samuel Doe gestürzt hatte. Dieser wiederum war durch einen blutigen Putsch 1980 an die Macht gekommen. Doch der Bürgerkrieg nahm seinen eigentlichen Anfang schon, als befreite schwarze Sklaven aus Amerika 1822 nach Afrika zurückkehrten, um die neue Republik zu gründen. Sie nannten das Land Liberia, nach dem lateinischen Wort für „frei“. Die Gründer waren sich jedoch uneins mit den dort lebenden Stämmen. Die Unfähigkeit der Siedler, eine Gesellschaft ohne Diskriminierung zu schaffen, führte 1980 zum Putsch und 1989 zum Bürgerkrieg.

Mein Fahrer hielt vor dem Restaurant einer in Staub gehüllten Stadt. „Stellen Sie sich mal vor, Chef“, sagte mein Fahrer, als wir uns mit Reis, einer Sauce aus Cassava-Blättern und in Palmöl eingelegtem Fisch vollstopften, „damals raste ich mit 200 Stundenkilometern in einem Jeep ohne Windschutzscheibe durch die Gegend, mein Kopf hing knapp unter dem Lenkrad, aus Angst, ein Scharfschütze könnte ihn treffen. Auf dem Rücksitz saß ein Kämpfer mit einem Maschinengewehr, der seine Wut an allem ausließ, was uns über den Weg lief. Unsere Aufgabe war es, mitten in feindliches Territorium zu fahren, ein paar Ladungen Panzerfäuste abzufeuern und dann an den Stützpunkt zurückzukehren.“ Während ich ihm so zuhörte, kam mir der Gedanke, dass er damals noch ein Jugendlicher gewesen sein musste. „Wir haben den Krieg gewonnen, Chef“, sagte er zu mir. Doch um welchen Preis, fragte ich mich und dachte an meine Mutter.

Sie war gestorben, als eine Rebellengruppe den Norden vom Rest Liberias abriegelte. Auch mein Fahrer gehörte zu diesen Leuten, die gegen eine andere Gruppe um die Kontrolle des Territoriums kämpften. Man sagte mir, meine Mutter sei krank geworden und aufgrund fehlender Medikamente gestorben, doch eine Woche später behauptete jemand, sie in einem Flüchtlingslager in Guinea gesehen zu haben. Wie sich herausstellte, war auch das aus der Luft gegriffen. Sie war tot. Ich fragte mich jedoch, wie sie gestorben war.In späteren Jahren versuchte ich, ihr Grab zu besuchen, wurde jedoch durch Kriegsberichte, den furchtbaren Zustand der Straßen, die in der Regenzeit unbefahrbar waren, sowie fehlendes Geld daran gehindert.

Als wir weiterfuhren, setzte sich Staub im Wagen ab und machte das Atmen schwer. Auf beiden Seiten der Straßen in Richtung Norden gab es Wälder, dicht, ununterbrochen und geheimnisvoll, die grünsten der grünen, krönende Berge, die sich wie ein Baldachin über die Erde ausbreiteten. Städte und Dörfer tauchten vor uns auf, einige verwaist, andere kaum bewohnt, doch immer mit schönen Flammenbäumen, die meine Augen streichelten, als ob ich sie zum ersten Mal sähe, und immer voller Menschen, die mit Kohlen, Gemüse oder Wildfleisch am Straßenrand handelten.

Wir kamen knapp vor Einbruch der Dunkelheit in Kolahun an. Die Vororte waren so voller verfallener Häuser, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie jemand in ihnen wohnte. Im Herzen der Stadt sah ich ein zweistöckiges Gebäude, das ich wiedererkannte. Es hatte einmal einem Libanesen mit dem Spitznamen „Alter Mann Kahlkopf“ gehört. Kolahun war in Sachen Spitznamen äußerst einfallsreich. Der beste Fußballspieler hieß hier „Der Besen“, weil er alles auf seinem Weg mit bloßen Füßen wegfegte, Spieler, Bälle, alles.

Das Gebäude des Libanesen war von Kugeln durchlöchert, ohne Farbe, wie die meisten umliegenden Häuser. Die Hauptdurchgangsstraße, auf der Mädchen nachts Fisch und Donuts frittierten, um sie Liebhabern anzubieten, erschien mir schmal die Läden, die sie einst gesäumt hatten, waren verschwunden. Auf jener Straße hatte ich als Teenager meine Berufung als Schriftsteller gefunden. Ich schrieb für die Männer Liebesbriefe, und steckte sie den Frauen, die sie nicht lesen konnten, in ihre Umhänge.

Mein Herz pochte vor Aufregung, als wir um die Ecke in Richtung meines Zuhauses bogen. Die Familie stand dort in kleiner Gruppe, hauptsächlich Frauen und Kinder, der Rest von dem, was einmal die größte Familie in Kolahun gewesen war. Als die Frauen mich umarmten, konnte ich das Brennholz an ihnen riechen, den Staub von gestoßenem Reis und das Essen, das sie vorbereiteten. Ich hielt sie eng umschlungen, wollte sie nicht wieder loslassen.

Einige der Häuser des Familiensitzes, darunter auch das meiner Mutter, waren verschwunden, ebenso die Mangobäume, auf die ich als Kind geklettert war. Das Haus meines Vaters stand noch. Ich ging hinein auf der Suche nach einem Zimmer, in das ich mich als Kind heimlich geschlichen hatte, um einige der Tausend Bücher darin zu lesen, darunter arabische Manuskripte meiner Vorfahren. In dem grellen Licht, das aus Fensterritzen strömte, lernte ich den Sufismus und rang mit Geheimformeln, die einen Menschen reich oder arm und eine unfruchtbare Frau schwanger werden lassen können.

Eines Tages schlug einer meiner Onkel Alarm. „Dieses Kind liest Bücher, die nur Erwachsene über 40 lesen sollten“, schrie er. Meine Aktion führte zu einem Eklat. Man beschuldigte meine Mutter, mich ermuntert zu haben, mir Zugang zu Geheimnissen zu verschaffen, die sie reicher machen sollten. Der Raum war nun leer. „Die Bücher wurden von den Rebellen verbrannt”, erzählte eine Tante. Es war der größte Verlust für mich neben dem Tod meiner Mutter.

Ich sehnte mich jetzt danach, ihr Grab zu besuchen, doch weil sie im nahe gelegenen Massabolahun beerdigt war, musste ich warten, bis die Stadt bereit war, mich zu empfangen. In dem mir zugewiesenen Haus brachte ich einige Cousins unter. Sie alle waren kriegserprobt, bereit, mich vor denen zu schützen, die von den Traumata des Krieges noch immer tief erschüttert waren. „Chef, ich werde im Jeep vor dem Haus schlafen”, sagte der Fahrer, „niemand wird es wagen, gegen mich anzugehen.“ Meine Angst war unbegründet, doch vor Aufregung schlief ich nicht.

Am nächsten Morgen scharten sich Hunderte auf der Straße in Massabolahun, um mich in Empfang zu nehmen, alle sangen ein feierliches Lied mit fröhlichem Unterton, doch als wir zur Grabstätte kamen, verstummte die Menge. Das Gras um das Grab war geschnitten, eine Hecke aus Bambus umgab es. Als ich dort stand, erinnerte ich mich an die schimmernde dunkle Haut meiner Mutter, ihren Anblick, wenn sie in bunten Umhängen und mit stolzer Kopfbedeckung aus dem Haus kam, um ihre Lehrlinge zum Markt zu führen, wo sie die unangefochtene Herrscherin war. Die Lomas, ein Volk, das neben dem unseren, den Mandingos, seit Jahrhunderten bestanden hatte, sich jedoch nun – nach Ende des Krieges – mit uns im Krieg befand, nannten sie „die schöne Mandingo“.

Sieben Kühe wurden als Opfergaben geschlachtet und ich wurde gebeten, zu sprechen. Die Worte nahmen im Kopf Gestalt an, erstickten jedoch in meinem Hals. Die Menge brach in Tränen aus. Einer der Dorfältesten stand auf. „Die Schönheit deiner Mutter war fantastisch”, sagte er. „Ihre Haut war so weich, die Schönheitskurven in ihrem Nacken so ausgeprägt, dass Menschen anhielten, um sie anzustarren.“ Ich glaubte ihm, glaubte selbst die ausgeschmücktesten Geschichten, die an jenem Tag erzählt wurden.

Als die Zeremonie vorbei war, verbrachte ich Tage damit, zwischen Massabolahun und Kolahun zu pendeln, Ältere und Jugendfreunde zu besuchen und ihren Geschichten aus dem Krieg zuzuhören. Die Leichtigkeit, mit der sie von den Gräueln des Krieges erzählten, erstaunte mich. „Ein Rebellenkommandant nahm deine Mutter fest”, berichtete mir der Stadtoberste von Massabolahun, „und glaub mir, Sherif, denn ich war da, als es passierte. Er feuerte eine ganze Ladung auf sie, und keine einzige Kugel traf sie. Deine Familie ist einzigartig. Deine Mutter ist nicht an einer Kugel gestorben, sondern an einer Krankheit.“ Ich glaubte ihm nicht. In dieser Anekdote, die so schön wiedergegeben worden war, lag die nackte Wahrheit. Meine Mutter war von einem Rebellen getötet worden. In einer Tradition, in der die Wahrheit viele Formen annimmt, war mir der Schmerz der bitteren Wahrheit durch eine weniger schmerzliche Wahrheit erspart worden.

Wenn ich nicht bei den Älteren war, vertrieb ich mir die Zeit am Kaihah-Fluss, wo ich schwimmen gelernt hatte. Jener Teil, der einst vor Leben pulsierte, war nun von Büschen bedeckt und als ich das erste Mal dorthin ging, musste ich mir mit einem Entermesser meinen Weg bahnen. Auf dem Weg befand sich die Schule meines Vaters, die nach seiner Rückkehr aus Ägypten gebaut worden war. Je länger ich in Kolahun war, umso mehr sehnte ich mich nach meiner neuen Heimat in den Niederlanden. Und als ich Kolahun wieder verließ, begann ich mich schon nach der Stadt zu sehnen, als ich ihre Grenzen noch nicht hinter mir gelassen hatte. 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte



Ähnliche Artikel

Erde, wie geht's? (Weltreport)

Endstation Zagreb

protokolliert von Stephanie Kirchner

In Kroatien stranden viele Menschen, die schon bis nach Mittel- und Nordeuropa geflohen waren – und dann wieder zurückgeschickt oder abgeschoben wurden. Fünf Protokolle

mehr


Frauen, wie geht's? (In Europa)

Abgestempelt

von Abbas Khider

Warum ein deutscher Pass das Leben in Deutschland nicht unbedingt leichter macht – im Ausland aber schon

mehr


Oben (Bücher)

Herkunft als Verbrechen

von Thomas Hummitzsch

Was heißt es, fremd im eigenen Land zu sein? John Okada und Min Jin Lee erzählen in ihren Romanen eindrucksvoll davon

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Forum)

Die Verantwortung, einzugreifen

von Gunter Pleuger

Um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, müssen sich die Vereinten Nationen verändern

mehr


Das Paradies der anderen (Thema: Malediven)

Gestrandet

von Farah Mohammad

Für Arbeitsmigranten aus Bangladesch sind die Malediven ein beliebtes Ziel. Vor Ort entpuppt sich das Inselparadies jedoch für viele als Sackgasse. Ein Gastarbeiter berichtet

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

Die sardischen Zirkel

von Paola Soriga

Wie ich meine Heimat verließ und erst Italienerin und dann Europäerin wurde

mehr