Die anderen leiden auch an dir

von Magda Findikgil

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


„Denk an dein Seelenheil!“, rieten mir Verwandte und Bekannte in Deutschland, als ich ihnen eröffnete, einen Türken heiraten zu wollen. Ich war jung und verliebt, da setzt man sich über solche Warnungen hinweg.

Ich kam 1952 als Deutschlehrerin für ein türkisches Kind in eine Gastfamilie an den Bosporus. Dort lernte ich meinen Mann, einen Verwandten der Familie, kennen. Was mit Unterhaltungen auf Englisch und in gebrochenem Deutsch begann, endete mit einem Heiratsantrag. Da war mir klar: Ich bleibe!

Als ich neun war, begann in Deutschland der Krieg. Kurz darauf wurde meine Schule geschlossen und wir wurden umgesiedelt. Ich konnte kein richtiges Heimatgefühl entwickeln. Wir waren lange abgeschottet von anderen Kulturen und Ländern. Vielleicht hat mich gerade das dazu bewegt, Deutschland zu verlassen. Istanbul dagegen war eine heile Welt. Mein Mann war an einem Ort aufgewachsen, wo der Milchmann ihn kannte und er sorgenfrei lebte. Darum beneide ich ihn auch heute noch oft.

Er brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Wir waren also eine richtige Großfamilie mit vier Kindern, zwei geschenkten und zwei „selbst gemachten“, meiner Schwiegermutter und meiner Schwägerin. Zu Hause sprachen wir nur Deutsch, da mein Mann es unbedingt lernen wollte. Für die Familie ein Vorteil, für mich ein Nachteil. Mein Türkisch verbesserte sich kaum. Die auf der Straße oder dem Basar aufgeschnappten Wörter änderten daran auch nichts. Als ein Mann einen anderen „Esogulesek“ (Sohn eines Esels) nannte und dieser den Weg frei machte, dachte ich mir: „Das kann nur ‚Lass mich vorbei!‘ bedeuten.“ Ich erfuhr schnell, dass es sich um eines der schlimmsten Schimpfworte handelte. MeineSchwiegermutter fiel fast in Ohnmacht, als ich es benutzte.Nach zwei Jahren erfand ich eine neue Strategie: Mit Bleistift und Schreibblock bewaffnet hörte ich mir viermal täglich die Nachrichten im Radio an und las Zeitung. In Gesprächen über aktuelle Themen konnte ich dadurch gut mitreden. Es gab auch Missverständnisse, über die ich heute noch lachen kann. Früher boten wir Gästen immer Zigaretten an, es nahm sich aber nie jemand eine. Meine Schwiegermutter erklärte mir: „Die sagen ‚Danke‘ für das Angebot, das sie annehmen wollen.“ Ich verstand das „tesekkürederim“ als „Nein, danke“ und war mit den Zigaretten schnell wieder weg.

Das Wichtigste ist das Interesse für die andere Kultur. Beispielsweise breche ich mir keinen Zacken aus der Krone, Älteren als Zeichen des Respekts die Hand zu küssen. Meine eigene Kultur, meinen katholischen Glauben, gab ich trotzdem nie auf. Woran das liegt? Ich bin mit einem Istanbuler verheiratet! Die waren von jeher gewohnt, mit Christen zusammenzuleben. Man kennt die Sitten und Gebräuche der Religionen, macht sich zu Weihnachten und am Zuckerfest Geschenke. Den Deutschen gegenüber ist die Haltung der Türken sehr positiv. Viele sprechen selbst Deutsch oder haben Verwandte in Deutschland.

Es ist schade, dass die Türken in Europa nur als Gastarbeiter gesehen werden. Menschen, die aus dem Dorf in die Stadt kommen, fallen überall auf. Das ist in Istanbul auch nicht anders.

In unserer Multikulti-Familie sehen wir die verschiedenen Kulturen als Bereicherung. Bis heute pflegen wir unsere Kontakte nach Deutschland. Es gibt hier viele deutsche Vereine und Gemeinden. Wir organisierten schon Weihnachtsbasare und haben sogar ein Altenheim ins Leben gerufen. In unserem Dienstagskreis tausche ich mich bis heute mit anderen Frauen aus. Wenn einige erzählen, wie sie unter ihren türkischen Verwandten leiden, dann sage ich: Die leiden doch auch an dir! Natürlich gibt es Probleme in gemischten Ehen. Es reicht nicht, nur geliebt werden zu wollen. Man muss zu Kompromissen bereit sein.

Viele Frauen, die ihren Mann in Deutschland kennengelernt haben, erleben ihn hier anders. Ich hatte das Glück, meinen Mann in seiner Umgebung kennenzulernen, als jemanden, der sich um seine Familie sorgt.

Ich bin gerne in Deutschland, fühle mich aber als Istanbulerin. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, weiß ich, dass ich viele schöne Erfahrungen in Deutschland nicht hätte machen können.

Protokolliert von Merve Durmus



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