Helfersyndrom

Samson Kambalu

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Im Grunde genommen gibt es in Afrika zwei Typen von Entwicklungshelfern aus Deutschland: Die einen imitieren das Leben von Dr. Albert Schweitzer, die anderen klagen ihn an. Letztere kommen nach Afrika, um die Fehler des großen deutschen Missionars wieder gutzumachen: Schweitzer betrachtete die Afrikaner zwar als „Brüder“ und es war in Ordnung, wie er sie behandelte, aber er betrachtete sie nur als „kleine Brüder“ er isolierte sich von den Menschen, denen er sein ganzen Leben gewidmet hatte er teilte mit ihnen weder Essen noch Unterkunft er nahm keinen Anteil an den Widrigkeiten ihres Alltags, an ihren Geheimnissen, Hoffnungen und Ängsten. Ironischerweise sind es die Nachahmer von Dr. Albert Schweitzer die tendenziell in Afrika Erfolg haben – immer wieder.


Ich traf Silke, eine frisch examinierte Ärztin aus Berlin auf einer verschwenderischen Grillparty von Expats in 2 Miles (Ort im malawischen Distrikt Zomba). Die junge Ärztin nahm eine notwendige Auszeit von ihrer Feldforschung über das Leben von HIV-positiven Malawiern. Sie hatte die Schnauze voll davon, höflich „Nsima“ zu essen, eine malawische Diät aus Maismehl, die ihr ihre Gastgeberin, eine Aids-Witwe, zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen servierte. Wenn diese nicht zu ihr hersah, stopfte sie oft Klumpen des langweiligen Essens in ihren BH. Sie hatte genug davon, das Bett mit ihrer Gastgeberin zu teilen und Alpträume zu bekommen, weil sie neben einer HIV-positiven Patientin schlief. Sie vermutete, dass ihre Gastgeberin latent lesbisch war, schmiegte sie sich doch an sie und schnarchte in ihr Ohr. Die Witwe trug die Kleider der Ärztin, ohne um Erlaubnis zu fragen. Sie musste ihr ihr Unterkleid einige Male entreißen. Das Leben war wirklich hart in diesem abgelegenen Dorf, aber Silke blieb dabei, ein zerknittertes Bild von Dr. Schweitzer in ihrer Brieftasche. Sie war seine Anklägerin und nach Afrika gekommen, um die Fehler des umstrittenen Missionars wieder gutzumachen. Warum? Im Gegensatz zum privilegierten und klassisch ausgebildeten Organisten Dr. Schweitzer wusste Silke alles über das Leiden. Sie selbst wurde vor dem Mauerfall von einer allein erziehenden Mutter in einem eiskalten, anonymen Plattenbau in Ostberlin aufgezogen. Als Teenager hatte Silke als geheime politische Aktivistin gegen das repressive kommunistische Regime gearbeitet. Mit 17 Jahren arrangierte sie eine Scheinehe mit einem Dänen, um zu fliehen, wurde aber von der Stasi geschnappt. Etwas Schreckliches widerfuhr ihr während der Haft, aber sie erzählte nie, was es war. Als die Mauer fiel und die Stasi-Akten einsehbar wurden, wollte Silke lieber nicht herausfinden, wer von ihren Freunden sie verraten hatte. Stattdessen studierte sie Medizin und machte sich auf den Weg nach Afrika, wo ihr tiefes Mitgefühl für die Armen durch ihre wissenschaftliche Forschung vollständig aufgesogen wurde.


Malawier, die die Neigungen von europäischen Expats sehr genau wahrnehmen, aber mit ihrer Meinung nicht immer sehr mitteilsam sind, müssen Silkes deplaziertes Selbstmitleid gespürt haben und stillschweigend sich daran gemacht haben, ihre erniedrigende Einstellung zu unterlaufen. Silkes medizinischen Untersuchungen zufolge sind die Sexgewohnheiten der Afrikaner in der Subsahara folgendermaßen: Die Männer sind für Promiskuität anfällig, weil sie nicht in der Lage sind, sich „phantasmatische“ Unterstützung herbei zu zaubern – die „dritte Person“, die in der Männerphantasie auftauchen muss, wenn sie mit einer Frau Sex haben. Des Weiteren: Afrikanerinnen neigen vermehrt dazu, den HIV-Virus zu bekommen, weil Afrikaner trockenen Sex bevorzugen – nicht solange Männer und Frauen zwar geschlechtlich verkehren, aber auf Penetration oder das Ausziehen der Kleider verzichten – erst wenn das Bestreuen und Füllen der Vagina mit Maismehl, Tabak oder Salzwasser hinzukommt, um die natürliche Feuchtigkeit der Frau abzumildern. Und: Die Männer müssen zehn Mal am Tag Sex haben, um befriedigt zu sein ...


Mulanje ist der höchste Berg Zentralafrikas und war für tausende von Jahren der mysteriöste Ort bis zu dem Zeitpunkt, an dem der deutsche Arzt Dr. Borgstein einige Jahre nach seiner Ankunft dort starb. Dr. Borgstein ging in seiner Freizeit klettern. Er hatte bereits die Alpen, den Kilimandscharo und den Himalaja bestiegen – der Berg Mulanje würde ein Spaziergang für ihn sein. So zog er alleine ohne einen ortskundigen Führer los. Tage, eine ganze Woche verging und er kehrte nicht zurück. Mein Vater, der mit ihm als Arzt zusammenarbeitete, meldete ihn bei der Polizei als vermisst. Ein Suchtrupp wurde losgeschickt, ausgestattet mit einem Flugzeug und Leuchtscheinwerfern aus den Teefabriken. 


Die ganze Gegend beobachtete wie der Berg durchkämmt wurde, aber der Doktor wurde niemals gefunden. Jedoch gehört ihm seit dieser Zeit der Berg Mulanje. Wenn der Berg im Sommer brennt, ist es Dr. Borgstein, der beim Versuch, sich zum Frühstück Mäuse zu fangen, das Feuer legte. Der Geist, der mit einer schwangeren Eingeborenen im Wald herumschlich, war sicherlich Dr. Borgstein beim Abendspaziergang. Der Felssturz, der tausende Menschen in Phalombe töte, war durch Dr. Borgstein verursacht, der einen neuen Damm auf dem Gipfel bohren wollte. Die Sternschnuppe über dem Berg vergangene Nacht war Dr. Borgstein, der von einer Deutschlandreise zurückkehrte.


Dr. Borgstein war als orthopädischer Chirurg nach Mulanje gekommen, um das Leben von Dr. Albert Schweitzer nachzuahmen. Als erstes grenzte er sich von seiner afrikanischen Nachbarschaft ab, indem er aus dem Maisgarten seiner Diener ein Feld mit hohem Elefantengras für seine Pferde machte. Dann stellte er wegen seiner Schäferhunde am Gatter ein Schild auf: „Warnung vor dem Hunde“. 


Ironischerweise war Dr. Borgstein gerade wegen seiner Eigenbrötelei beliebt: Als er auf seinem Pferd anthropologische Ausflüge machte, erwiderten die Afrikaner das Kompliment und versteckten sich in dem Elefantengrasfeld um seinen europäischen Bungalow, um die exotischen Ereignisse dort zu erkunden, Tag und Nacht. Ein Eingeborener wurde entdeckt, als er eines Abends ein Schaumbad im Badezimmer des Doktors nahm. Ein anderer, ein Medizinmann, der Solidarität mit seinem Kollegen zeigen wollte, folgte Dr. Borgstein auf einem brüllenden Esel. Dr. Borgsteins abgehobenes aber auch mutiges Verhalten mitten im afrikanischen Busch parodierte den Afrikaner in seiner Stärke und Widerstandsfähigkeit als Eingeborenen – und die Afrikaner liebten ihn dafür, wie sich durch die Wiederverzauberung des Berg Mulanje kurz nach seinem Verschwinden dort zeigte. 

Aus dem Englischen von Christine Müller



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